14. Jahrgang Nr. 8 / 29. August 2014 | 3. Elul 5774

Moralisches Gefälle

Die Hamas-Strategie, die eigene Zivilbevölkerung als Schutzschild zu benutzen, droht künftig Nachahmer zu finden

Während der israelischen Verteidigungsoperation in Gaza hat die Hamas Zivilisten auf mehrfache Weise als menschliche Schutzschilde für ihre Terrorinfrastruktur missbraucht. Die Kommandozentrale der Organisation war unterhalb eines Krankenhauses angesiedelt. Moscheen, Krankenhäuser, Schulen und andere öffentliche Gebäude, aber auch Privathäuser wurden als Waffenlager oder Abschussstellungen genutzt. Viele Zivilisten, die solche Orte verlassen wollten, wurden von der Hamas unter Todesandrohung zum Verbleib gezwungen. Damit wollte die „Islamische Widerstandsbewegung“ der israelischen Armee die Hände binden und sie entweder zum Verzicht auf Angriffe auf Terrorziele oder aber zum Töten möglichst vieler Zivilisten zwingen – Letzteres, um die internationale Öffentlichkeit und Politik gegen Israel aufbringen zu können.
Über die Strategie der Hamas und ihre Konsequenzen sprach die „Zukunft“ mit dem israelischen Forscher und Experten für Fragen des islamischen Extremismus, Dr. Mordechai Kedar von der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan.

Frage: Herr Dr. Kedar, so verbrecherisch die Strategie der Hamas war, Zivilisten in ihren Krieg gegen Israel einzubinden – war sie, militärisch betrachtet, erfolgreich?
Dr. Mordechai Kedar: Diese Strategie war aus der Sicht der Hamas in dem Sinne erfolgreich, dass sie die Handlungsfreiheit der israelischen Armee in der Tat eingeschränkt hat. In vielen Fällen verzichtete die Armee auf die Vernichtung von Terrorzielen, um Unbeteiligte nicht in Mitleidenschaft zu ziehen. In der Folge konnte die Hamas wahrscheinlich mehr Waffenlager, Kommandozentralen oder Werkstätten für den Raketenbau retten.

Was lässt sich dagegen tun?
Israel ist bemüht, zivile Verluste auf palästinensischer Seite zu minimieren. Das war auch jetzt in Gaza der Fall. Demgegenüber verachtet die Hamas Menschenleben, auch das ihrer eigenen Bürger. Wie Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, setzt Israel Raketen ein – gemeint waren Abwehrraketen –, um Menschen zu schützen, während die Hamas Menschen einsetzt, um Raketen zu schützen: Raketen, mit denen sie Israel beschießen will. Dieses moralische Gefälle wird Israels Armee auch künftig vor Herausforderungen stellen. Moderne Technologie, die gezielte Militärschläge gegen Terrorziele ermöglicht, kann das Problem auch nur zum Teil entschärfen.

Ist diese Instrumentalisierung der Zivilisten als Teil der Terrorstrategie militärisch gesehen neu?
In gewissem Sinne schon. Der Schutz der Zivilbevölkerung wird zwar von zahlreichen Staaten, erst recht von Milizen und Terrororganisationen nicht ernst genommen. Das gilt in hohem Maße für Diktaturen und Terroristen in der islamischen Welt. Bei Islamisten wird kein Unterschied zwischen Armee und Zivilisten gemacht; jeder ist zum Dschihad verpflichtet. Getötete Zivilisten aus den eigenen Reihen werden als Märtyrer glorifiziert. Der Schahid (Märtyrer – Anm. d. Red.) ist ja im Paradies, und er genießt das herrliche, ewige Leben – auch dann, wenn er von den Herrschern zum vermeintlichen Märtyrertod gegen seinen Willen gezwungen wurde. Er ist nicht wirklich tot. Deshalb wird der Märtyrer, anders als andere Verstorbene, in normalen Kleidern und nicht im Leichentuch beigesetzt.
Im iranisch-irakischen Krieg schickte Ajatollah Chomeini Kinder, unbewaffnet, in irakische Minenfelder. Ihre Aufgabe war es, auf Minen zu treten und damit die Gefahr für die nachrückenden Truppen zu minimieren. Dafür wurde jedem Kind ein Plastikschlüssel für die Tore des Paradieses um den Hals gehängt. Insofern ist die bewusste Opferung von Zivilisten nicht neu.
Allerdings haben wir es hier mit einer etwas anderen Variante zu tun. Wenn Zivilisten zum Schutz von Militäranlagen oder Terrorinfrastruktur abkommandiert werden, wird, wie schon erwähnt, das moralische Gefälle zwischen den kämpfenden Parteien instru­mentalisiert. Ich nehme an, dass es den islamistischen Rebellen im syrischen Bürgerkrieg nicht in den Sinn kommen wird, Kinder auf die Dächer zu schicken. Nicht, weil sie moralischer als die Hamas wären, sondern weil sie genau wissen, dass sich das syrische Regime dadurch von einem Bombardement nicht abhalten lässt. Baschar al-Assad ist es egal, ob er Kinder auf dem Dach oder auf der Straße abschlachtet.

Nicht viel anders als die Hamas handelt auch die libanesische Hisbollah. Sie bringt ihre Waffen ebenfalls im Herzen der Zivilbevölkerung unter.
Auch hier wird das moralische Gefälle zynisch instrumentalisiert.

Im Westen sehen das viele Menschen anders.
Da wird verkannt, dass die Schuld an zivilen Verlusten in Gaza oder – wie wir es 2006 erlebten – im Libanon bei den Terrororganisationen liegt. Der öffentliche und politische Druck auf Israel, der trotz dieser Tatsache im Westen aufgebaut wird, stellt einen weiteren Anreiz für die Terroristen dar, sich hinter dem Rücken von Zivilisten zu verschanzen. Damit wird den palästinensischen Zivilisten und Israel Unrecht getan, doch tut der Westen auch sich selbst keinen Gefallen.

Inwiefern?
Die Konflikte, die Terrororganisationen Israel aufzwingen, werden von allen Extremisten und Diktatoren in Nahost ebenso wie darüber hinaus sehr genau beobachtet. Wenn die Opferung eigener Zivilisten im Kampf gegen demokratische Staaten militärisch so wertvoll ist, findet sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Nachahmer. Nehmen wir an, dass sich der Westen zum militärischen Eingreifen gegen das iranische Atomwaffenprogramm genötigt sieht. Warum sollte das iranische Regime da nicht Zehntausende von Kindern auf die Dächer der Atomanlagen jagen? Das gilt aber nicht nur für Nah- und Mittelost. Kann denn jemand ausschließen, dass beispielsweise Nordkorea im Falle eines Konflikts genauso verfährt? Das wäre ein weiterer Schritt zur Entmenschlichung der Kriegführung. Ich kann im Augenblick nicht prophezeien, wann und wo diese Strategie sonst noch zur Anwendung kommt, aber hier wird ein sehr gefährlicher Geist aus der Flasche gelassen.