14. Jahrgang Nr. 8 / 29. August 2014 | 3. Elul 5774

Richtungssuche und Resonanz

Die Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland veranstaltete in Frankfurt ihre Sommerakademie

Von Barbara Goldberg

Religion, sagt Alex, habe bislang in seinem Leben eine „untergeordnete Rolle“ gespielt. „Gerade deshalb fand ich die Begegnung mit gleich mehreren Rabbinern so spannend.“ Diese Erfahrung teilt Alex mit anderen jüdischen Studenten, die wie er Ende Juli an der Sommerakademie des Zentralrats der Juden in Deutschland in Frankfurt teilgenommen haben. „Alles koscher?“ hieß das Motto in diesem Jahr. 28 junge Menschen aus zahlreichen deutschen Städten und Gemeinden hatten sich für diese Veranstaltung angemeldet, um gemeinsam herauszufinden, wie sich die jüdische Lebenspraxis mit den Anforderungen der modernen Gesellschaft vereinbaren lässt.
Den Veranstaltern der Akademie, Professor Doron Kiesel und Diplom-Pädagogin Sabena Donath von der Bildungsabteilung sowie Professor Frederek Musall von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, war es gelungen, für das ebenso umfangreiche wie vielfältige Programm unter anderem gleich sechs Rabbiner als Vortragende zu gewinnen. Sogar ein „Speed-Dating“ mit vier Rabbinern hatten die Organisatoren ermöglicht. Idee dabei war, dass jeder Teilnehmer jeweils zehn Minuten lang mit einem Rabbiner im Zwiegespräch persönliche, religiöse oder lebenspraktische Fragen erörtern konnte.
Die Resonanz auf diese Begegnungen war, so zeigte sich im Abschlussgespräch, überwältigend. Vermeintliche Sicherheiten gerieten ins Wanken oder erwiesen sich schlichtweg als Vorurteil. So räumte etwa Maria ein, dass ihre Vorbehalte gegenüber der Orthodoxie seit ihrer lebhaften Debatte mit Frankfurts Oberrabbiner Menachem Klein deutlich abgenommen hätten. Bei einem Besuch der Frankfurter Gemeinde hatten sich die Teilnehmer mit Rabbiner Klein zu einem gemeinsamen Mittagessen getroffen. Auch auf ihn hatte dieses Gespräch Eindruck gemacht. So bot er Maria an, sich noch einmal mit ihr zu treffen: Mit ihren hartnäckigen Fragen habe sie ihn so sehr gefordert, dass er ihr noch einige Antworten schuldig geblieben sei.
Safir zog es in eine andere Richtung. Nach der Begegnung mit Elisa Klap­heck, Rabbinerin des Egalitären Minjan, dem liberalen Zweig innerhalb der Frankfurter Einheitsgemeinde, wollte sie mehr über diese Strömung wissen. Das erklärten auch mehrere andere Teilnehmer. Klaphecks leidenschaftliches Plädoyer dafür, sich das Judentum neu zu erschließen, um es für die Moderne zu gewinnen, schien sie mitgerissen zu haben.
Die „jüdische Perspektive“ in Hinblick auf Liebe und Sexualität vermittelte Rabbiner Julian-Chaim Soussan. Er ist vor allem für die Kinder und Jugendlichen der Frankfurter Gemeinde zuständig. Seine Ausführungen über die Zumutungen der heutigen freizügigen Sexualmoral hatten nichts von einer predigthaften Ermahnung an sich, sondern wurden von ihm mit so viel Witz und Lockerheit vorgetragen, dass er seinen jungen Zuhörern damit jede Peinlichkeit ersparte, so ernsthaft er gleichzeitig in der Sache blieb. Wenn Liebe und Erotik auseinanderfallen, wenn Partnerschaft und Sexualität zum seriellen Erleben werden, dann führe dies letztlich zu Einsamkeit und Vereinzelung, warnte Soussan.
Doch ging es bei der Sommerakademie nicht nur um die individuelle Lebenspraxis. Vielmehr bewegten sich die Vorträge und Gespräche in drei konzentrischen Kreisen um die Themen Privatheit, Gemeinde und Gesellschaft. Rabbiner Shaul Friberg aus Heidelberg schilderte sehr anschaulich, wie unterschiedlich sich das Miteinander in verschiedenen jüdischen Gemeinden auf der Welt gestaltet. Als Rabbiner in Palma de Mallorca hatte er sich besonders um die sogenannten Marranen, die Nachfahren von vor 500 Jahren zwangsgetauften spanischen Juden, gekümmert.
Jüdische Identität in der Diaspora, „Jewish Life Styles zwischen Tfillin und Pop“, „Volk des Buchs oder Volk des Facebooks?“, „Lebensformen junger russischsprachiger Juden in Deutschland“: In vielen Facetten blitzte sie immer wieder auf, die Frage, wie junge Juden heute ihre Herkunft, ihre Traditionen und ihre Religiosität mit einem zeitgemäßen Lebensentwurf in Einklang bringen können. Ob sie darauf während dieser fünf Tage auch Antworten gefunden haben? „Ich weiß jetzt zumindest genauer, wie ich meine Zweifel und Unsicherheiten formulieren muss“, bekannte ein Teilnehmer zum Abschluss. Ein anderer zeigte sich fasziniert davon, wie vielen Schattierungen und Strömungen des Judentums er während der Veranstaltung „wie auf einem einzigen winzigen Fleck“ begegnet sei.
Von den Teilnehmern beeindruckt zeigten sich Sabena Donath und Doron Kiesel. Selten zuvor, erklärten sie, hätten sie eine Gruppe erlebt, die so lebhaft und gleichzeitig so friedlich untereinander wie auch mit den Referenten diskutiert habe: „Das zeugt von einer großen inneren Freiheit“, lobte Professor Kiesel.
Während der Veranstaltung gab es auch einen Abend, an dem über die aktuelle Situation in Israel und Gaza debattiert wurde. „Wir sind in diesen Tagen Zeitzeugen eines militärischen Konflikts, dessen Ende noch nicht abzusehen ist“, hatte Kiesel bei seiner Begrüßung gesagt. Die Sorge um Israel lag wie ein düsterer Schatten über der Veranstaltung auf dem idyllischen Gelände der Medienakademie des Deutschen Buchhandels im Osten Frankfurts, weshalb sich die Verantwortlichen spontan dazu entschlossen, den geplanten Filmabend einer Aussprache zu diesem Thema zu opfern. Es wurde ein aufwühlendes Gespräch. „Aber danach waren wir alle erleichtert und konnten endlich anfangen, wirklich miteinander zu reden“, sagte Eyal, der selbst aus Israel stammt. Und Alex ergänzte: „Im Hinblick auf Israel fühlen wir uns geeint, das gibt uns Stärke.“
Blieb nur noch eines zu wünschen übrig: „Warum kann die Akademie nicht noch einen Tag länger dauern?“, fragte Floda, eine junge Frau aus Ungarn. „Dann hätten wir gemeinsam Schabbat feiern können!“