14. Jahrgang Nr. 8 / 29. August 2014 | 3. Elul 5774

Bilanz und Ausblick

Im Jahr 5775 wird die jüdische Gemeinschaft ihre erfolgreiche Arbeit fortsetzen und lässt sich von Antisemiten nicht einschüchtern

Im Monat Elul, an dessen Anfang wir stehen, bereiten wir uns gedanklich auf das neue Jahr vor, das mit diesem Monat, dem letzten im hebräischen Kalender, zu Ende geht. Wir erforschen unser Gewissen, fragen uns, welche Fehler wir im ablaufenden Jahr begangen haben, nehmen uns vor, im nächsten Jahr an uns selbst zu arbeiten und die Welt um uns ein Stück besser zu machen. Die Gewissensprüfung gehört zum Kern der Hohen Feiertage, und sie tut jedem, unabhängig von der Art und dem Grad seiner Religiosität, gut.
Dabei bleibt es nicht aus, dass wir nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern kollektiv eine Bilanz des alten Jahres ziehen. Das trifft auch für unsere jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik zu – auch zum Jahreswechsel 5774/75.
Wir dürfen auf unsere Erfolge stolz sein. Im ablaufenden Jahr hielt die Stärkung und Konsolidierung jüdischen Lebens an. Die jüdischen Gemeinden und ihre Mitglieder erbrachten und erbringen nicht hoch genug einzuschätzende Leistungen. Sie sorgen ebenso für ein reges geistiges Leben, wie sie Alltagsprobleme zu bewältigen wissen. Auch andere jüdische Einrichtungen und Organisationen entwickeln erfolgreiche Tätigkeiten. Der Zentralrat der Juden in Deutschland leistet ebenfalls einen wichtigen Beitrag, sei es durch eigene Einrichtungen wie etwa die neue Bildungsabteilung, sei es durch Förderung von Ausbildungsstätten und sozialen Einrichtungen. Der positive Wandel, den all diese Anstrengungen bewirken, lässt sich im Gemeindealltag ablesen und wird auch im kommenden Jahr fortwirken.
Allerdings muss uns bewusst sein, dass diese Erfolge keine Selbstverständlichkeit sind. Sie müssen behütet und gepflegt werden. Damit alle dabei mitmachen können, muss ein jeder die Möglichkeit haben, seinen Platz im jüdischen Leben zu finden, wobei gemeinsame Interessen auch gemeinsam vertreten werden müssen. Pluralismus und Geschlossenheit sind kein Widerspruch. Gerade das hat die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik erfolgreich bewiesen.
Im Verhältnis zur nichtjüdischen Umwelt hatten wir im ablaufenden Jahr Erfolge vorzuweisen, doch sind wir auch auf Herausforderungen gestoßen. Auf der positiven Seite ist die wachsende Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Deutschland zu verbuchen. Das hat auch Bundespräsident Joachim Gauck beim letzten Gemeindetag gewürdigt.
Allerdings machte uns leider auch der Antisemitismus zu schaffen. Das ist, könnte man sagen, nicht neu, doch hat der offene, aggressive Judenhass während der israelischen Verteidigungsoperation in Gaza neue Dimensionen erreicht. Bei den sogenannten Friedensdemonstrationen herrschte antijüdische Pogromstimmung. Ihr stand die Polizei oft ratlos gegenüber. Wie es scheint, wurden die zahlreichen Warnungen vor den antisemitischen Gefahren, die in den letzten Jahren ausgesprochen wurden, nicht verinnerlicht. Dass es in der deutschen Politik auch Gegenstimmen gab, ist zu begrüßen. Ein allgemeiner Aufstand der Bürger gegen den Antisemitismus blieb aber aus. Umso deutlicher zeigt sich, dass die Juden in Deutschland ihren Kampf gegen den Hass intensivieren müssen, sowohl in Allianz mit anderen demokratischen Kräften in der Bundesrepublik als auch grenzübergreifend in Kooperation mit jüdischen Organisationen in anderen Ländern. Es ist eine unserer größten Herausforderungen, wobei unsere Solidarität mit Israel unerschütterlich bleibt.
Auf der anderen Seite wäre es falsch, wenn wir uns einschüchtern ließen. Wir sind eine selbstbewusste Gemeinschaft, die nicht vorhat, sich an den Rand der Gesellschaft drängen zu lassen. Erst recht werden wir nicht vor Antisemiten weichen – auch das ist ein wichtiger Vorsatz für 5775 und weit darüber hinaus. So ist es durchaus angebracht, uns selbst und allen Juden in der Welt ein gutes und glückliches neues Jahr zu wünschen.

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