06.08.2014

„Schauderhafte Schockwellen von Antisemitismus“

FAZ Interview mit Dr. Dieter Graumann, 05.08.2014

Der Zentralrat der Juden wirft muslimischen Verbänden vor, sie täten zu wenig gegen Antisemitismus. Präsident Dieter Graumann spricht im Interview über Nazi-Parolen auf deutschen Straßen und verspieltes Vertrauen.

Herr Graumann, es spricht alles dafür, dass es arabischstämmige Jugendliche waren, die einen Anschlag auf die Synagoge in Wuppertal-Barmen verübt haben. Hat der Antisemitismus von muslimischer Seite eine neue Dimension erreicht?
Wir Juden in Deutschland erleben generell eine schlimme Zeit. Es sind schauderhafte Schockwellen von Antisemitismus. Manchmal übertrifft die Wirklichkeit noch die eigenen Albträume. Ich hätte mir nie im Leben vorgestellt, dass in Deutschland Synagogen angegriffen werden und dass wir hier antisemitische Slogans von einer so schamlosen Scheußlichkeit hören müssen. Die allermeisten Muslime in Deutschland sind doch ganz sicher friedfertig und zuverlässig. Und wir suchen ihre Freundschaft. Aber es hat doch keinen Sinn, jetzt wegzuschauen und zu beschwichtigen. Denn Tatsache ist: Wir haben die letzten Wochen die schlimmsten antisemitischen Slogans auf deutschen Straßen seit der Nazizeit gehört, Parolen wie „Juden ins Gas“ oder „Juden sollen geschlachtet werden“. Diese Sätze sind größtenteils von radikalen muslimischen Menschen geschrien worden. Diese Menschen sprechen bestimmt nicht für alle oder auch nur die meisten Muslime im Land. Umso wichtiger finde ich es aber, dass Muslime zeigen sollten, dass sie sich von diesen Islamisten nicht als Geiseln nehmen lassen. Ich öffne hier nur einen kleinen Spaltbreit meiner eigenen Gefühle: Ich hatte niemals im Leben Großeltern. Die Menschen, die meine Großeltern gewesen wären, sind mit deutschem Gas ermordet worden. Man kann sich vielleicht vorstellen, wie ich mich fühle, wenn ich hier nun „Juden ins Gas“ höre.

Sind es wirklich nur radikale Islamisten, die diese Parolen grölen?
Wir weisen schon seit Jahren auf Antisemitismus in muslimischen Gemeinschaften hin. Ich sage seit langem, dass auf deutschen Schulhöfen das Wort „Jude“ als Schimpfwort benutzt wird, und das überwiegend von muslimischen Jugendlichen. Die muslimischen Verbände machen zu wenig dagegen. Sie versprechen es, aber konkrete Schritte muss man mit der Lupe suchen. Es mag für die muslimischen Verbände schwieriger sein, weil sie aufgesplittert sind, weil es Rivalitäten gibt. Aber mehr Anstrengungen sind bestimmt nötig. Wir Juden setzen uns immer für Muslime ein. Vor vier Jahren hat Sarrazin sein schreckliches Buch veröffentlicht. Die erste Stimme, die sich dagegen erhob, war unsere. Ich habe gesagt, dass es falsch ist, muslimische Menschen so respektlos zu behandeln. Als die Mordserie des NSU offenbar wurde, waren wir die ersten, die gesagt haben: Wer von „Döner-Morden“ redet, der verharmlost die Verbrechen. Wo immer Menschen ausgegrenzt werden, sind wir zur Stelle. Das ist der politische Markenkern des Zentralrats der Juden. Als ich vor vier Jahren an die Spitze des Zentralrats gewählt wurde, habe ich zur ersten Sitzung unseres Direktoriums die beiden führenden Vertreter der Muslime in Deutschland eingeladen. Das waren Kenan Kolat von der Türkischen Gemeinde und Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime. Die Einladung war eine Geste der ausgestreckten Hand. Jetzt frage ich mich allerdings, ob wir tatsächlich erfolgreich waren. Ich denke, wir müssen noch sehr viel mehr Anstrengungen unternehmen. Unser Engagement darf doch keine Einbahnstraße sein. In dieser besonderen Situation habe ich mir viel mehr von den muslimischen Vertretern erhofft.


Sie erhalten laufend Hassbriefe und –mails. Kommen große Teile davon von muslimischen Absendern?
Es gibt in sozialen Netzwerken eine Flut von Hass gegen Juden. Wer dahinter steckt, lässt sich oft nicht nachvollziehen. Manche treten unter Schein-Identitäten auf. Bundespräsident Joachim Gauck hat gesagt, dass wir keinen Antisemitismus haben wollen – keinen importierten und keinen alten Antisemitismus. Wir Juden sind für eine warme Willkommenskultur. Aber man muss auch sagen: Antisemitismus ist hier nicht willkommen! Wir haben in der letzten Woche sehr viel Solidarität bekommen von der politischen Elite, die Presse und die Kirchen haben sich geradezu vorbildlich engagiert. Aber von den „normalen Menschen“ kam doch wenig Solidarität. Ganz viele jüdische Menschen fragen mich immer wieder, ob sie Deutschland verlassen sollen.

Was antworten Sie?
Dass wir uns von unseren Feinden bestimmt nicht unterkriegen lassen. Niemals! Ich habe den jüdischen Gemeindemitgliedern einen Brief geschrieben. Er endet mit den Worten: „Wir bleiben selbstbewusste Juden. Und wir tragen unser Judentum nicht als Last, sondern mit unbeugsamem Stolz!“
Haben Menschen in Ihrem Umfeld ganz konkrete Ausreisepläne geschmiedet?
Wenn man hier wohnt, wirft man nicht plötzlich alles über Bord. Aber ich werde von jungen Eltern gefragt, ob sie ihre Kinder in Deutschland großziehen können, ob wir als Juden hier eine Zukunft haben. Und Ältere fragen mich, ob es nicht ein Fehler war, dass wir hier geblieben sind. Solche Fragen habe ich schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gehört. Wir laufen mit verwundeten Seelen herum.

Wie intensiv ist Ihr Kontakt zu muslimischen Organisationen?
In diesen Tagen haben wir keinen Kontakt. Die Lage im Nahen Osten bringt uns auseinander. Zwangsläufig haben wir unterschiedliche Meinungen und vor allem Emotionen. Wir Juden sind hier nicht neutral, unsere Herzen sind bei den Menschen in Israel. Auf muslimischer Seite ist es wohl oft andersherum. Das müssen wir respektieren. In den letzten Wochen ist viel Vertrauen kaputt gemacht worden, das müssen wir gemeinsam wieder aufbauen.

Was müsste passieren, damit Muslime in Deutschland stärker für das Thema Holocaust sensibilisiert werden?
Es ist natürlich einfach zu sagen: mehr Erziehung, die Schulen. Natürlich soll es so sein. An Schulen wird auch viel getan. Auf der anderen Seite sieht man, dass auf muslimische Jugendliche ganz viel einprasselt. Manche Ressentiments werden durch Familien übertragen, manche über Fernsehsender. Auch hier müssen gerade die muslimischen Verbände viel öfter aktiv werden.
Was geht in Ihnen vor, wenn sie beobachten, wie in Frankreich Juden angegriffen und bedroht werden?
Dort ist es noch viel schlimmer als hier. Ich glaube nicht, dass wir auf dem Weg zu „französischen Verhältnissen“ sind. Auf der anderen Seite: Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass französische Juden, die so eine lange Tradition haben, tief verunsichert sind und teilweise panisch das Land verlassen? Man muss aber auch betonen, dass fast alle Gewalttaten gegen Juden in Deutschland von Faschisten ausgeübt werden. Bei denen gehört der Judenhass zum Kern der Ideologie. Das ist bei Muslimen generell nicht der Fall. Jedoch beobachten wir teilweise, dass jetzt Faschisten und Islamisten gemeinsam auf Demonstrationen auftreten. Das sind abenteuerliche Koalitionen, die man früher nicht für möglich gehalten hätte.

Haben Sie eine Erklärung, warum sich der Antisemitismus jetzt so stark zeigt?
An der Situation im Nahen Osten allein kann das nicht liegen. Wer wegen Israel zum Antisemiten wird, war doch längst einer. Es ist für radikale Islamisten jetzt eine Gelegenheit da, ihren Antisemitismus brutal auszuleben. Die Hemmschwelle ist stark gesunken. Es war letztlich der Zentralrat der Juden, der darauf hingewiesen hat. Die Politiker haben zunächst nicht darauf aufmerksam gemacht, was da auf Demonstrationen gebrüllt wurde, die Medien haben kaum berichtet. Am Ende müssen wir uns doch selbst immer melden und Dinge anstoßen. Warum eigentlich?

Die Fragen stellte Mehmet Ata.