14. Jahrgang Nr. 7 / 25. Juli 2014 | 27. Tammus 5774

Im Sinne des Weltverbesserers

Die Europäische Janusz Korczak Akademie in München feierte ihr fünfjähriges Bestehen

Von Rozsika Farkas

Er war ein Weltverbesserer im besten Sinne: Janusz Korczak, Pädagoge, Mediziner, Schriftsteller und einer der Begründer und Wegbereiter der Kinderrechte. Bereits in den 1920er-Jahren formulierte Henryk Goldszmit, der sich als Autor Janusz Korczak nannte, „drei Grundrechte für das Kind“. Von da an sollten noch mehr als sechs Jahrzehnte vergehen, bis die UN-Generalversammlung ein „Übereinkommen über die Rechte des Kindes“ abfassen würde. Nach dem Warschauer Pädagogen sind in Deutschland etliche Schulen und Kindergärten benannt. Seit fünf Jahren gibt es in München als jüdisches Bildungsinstitut die Europäische Janusz Korczak Akademie (EJKA). Im Juli wurde der fünfte Geburtstag der Akademie mit einem Festakt im Münchner Amerikahaus gefeiert.
Eva Haller, Mitbegründerin und Präsidentin der Akademie, betont: „Wir sind für die ganze jüdische Gemeinschaft da, sei sie orthodox, liberal oder nichtreligiös. Unser Ziel ist es, die innerjüdische Kommunikation zu stärken, Schnittstelle zu sein zwischen den einzelnen Gruppierungen. Darüber hinaus wollen wir auch eine Brücke zu nichtjüdischen Mitbürgern schlagen.“ Die Akademie ist mit der Jewish Agency for Israel als Partnereinrichtung verbunden und wird von einer Reihe weiterer jüdischer und nichtjüdischer Einrichtungen gefördert.
Wie dem Namensgeber Janusz Korczak geht es auch den Gründern der Akademie, Eva Haller und Dr. Stanislav Skibinski – heute EJKA-Direktor –, sowie sämtlichen Mitwirkenden um nichts weniger als um Tikkun Olam, hebräisch für die „Verbesserung der Welt“. Dafür setzen sie auf eine Graswurzelbewegung, durch die sich sinnvolle Aktionen vervielfachen. Mehrmals jährlich veranstaltet die Akademie Seminare, in denen die Teilnehmer lernen, wie man gemeinnützige Projekte organisiert. Die Akademie hat eine „Knesset“ – einen Debattierklub – gegründet, fördert interkulturelle und interreligiöse Begegnungen, versucht in Seminaren den Jugendlichen Medienkompetenz zu vermitteln, beschäftigt sich mit Erinnerungsarbeit und veranstaltet Schreib-, Mal- und Kompositionswettbewerbe. Fester Bestandteil des Programms sind die „Janusz Korczak Tage – Tage der Kinderrechte“, die die Akadmie einmal im Jahr veranstaltet. Bisher haben 7000 Teilnehmer die Veranstaltungen der Akademie besucht.
Das akademieeigene Familienzentrum „Mishpacha“ hat sich zum Ziel gesetzt, jüdischen Familien in München und Umgebung mit Freizeit- und Bildungsangeboten ein Forum für Austausch, Vernetzung und gemeinsame Aktivitäten zu bieten. EJKA-Aktivitäten gibt es aber auch in anderen deutschen Städten. In Berlin wird die Arbeit der Akademie von einer eigenen Repräsentantin geleitet. Weitere feste Standorte in der Bundesrepublik sind geplant. Darüber hinaus arbeitet die Akademie mit Partnern in einer Reihe europäischer Staaten sowie in den USA und in Israel zusammen.
Die Anfänge des heute so erfolgreichen Projekts waren allerdings schwer. Weil sich noch so idealistischste Projekte nicht allein durch guten Willen realisieren lassen, musste Geld her. Eva Haller, mit einer Extraportion Durchsetzungskraft gesegnet, reiste zum Fundraising nach New York. Immer wieder wurde sie von potenziellen Mäzenen freundlich abgewimmelt, bis sie am Ende mit viel Überredungskunst und noch mehr Beharrlichkeit doch die Fördermittel bekam, die sie brauchte.
Umso stolzer konnte die Akademie bei dem Festakt zum fünfjährigen Bestehen sein. Für die fast 400 Gäste wurde die Feier zu einer intensiven Begegnung mit Korczaks Ideen und Idealen. Der Kinder- und Jugendchor sang ein Stück, das die Jugendlichen Elias Vollmer und Mert Basar mit Unterstützung von Komponist Wilfried Hiller geschaffen hatten. Es heißt „Ein Lied für Janusz Korczak“, ist eher skandierend als melodisch und hat einen verstörenden Text: Die Rede ist vom „Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod“. So ist das erste der drei von Korczak postulierten Kinderrechte benannt, eine Formulierung, die uns Heutigen befremdlich, gar makaber anmutet. In Wahrheit geht es dabei jedoch um das glatte Gegenteil, nämlich um das Recht des Kindes auf sein eigenes Leben: Kinder, will Korczak sagen, dürfen nicht von jedem Risiko ferngehalten und überbehütet werden, denn dadurch bleibt das wahre Leben auf der Strecke. Ebenso radikal die zweite Forderung: Das Recht des Kindes „auf den heutigen Tag“. Soll heißen, Kinder dürfen im Hier und Jetzt leben und nicht nur zukunftsorientiert, in Vorbereitung auf ihr Erwachsenenleben, das erst als das eigentliche angesehen wird. Forderungen, die noch heute so philosophisch wie revolutionär wirken. Bei aller inzwischen erreichten Breite des Veranstaltungsangebots werden Kinderrechte auch künftig einen besonderen Platz im Programm der EJKA behalten. Das wäre sicher auch im Sinne des Waisenhausleiters, der 1942 den Tod in der Gaskammer von Treblinka in Kauf nahm, um seinen Zöglingen bis zum Ende beizustehen.
Weiterführende Informationen über das Programm und die Arbeit der Janusz Korczak Akademie sind in deren Internet­auftritt (www.ejka.org) aufrufbar.