14. Jahrgang Nr. 7 / 25. Juli 2014 | 27. Tammus 5774

Globale Plage

Die weltweite Verbreitung antisemitischer Vorurteile nimmt erschreckende Ausmaße an

Kürzlich machte eine globale Antisemitismus-Umfrage der jüdisch-amerikanischen Anti Defamation League Schlagzeilen. Laut der in 101 Ländern sowie im Westjordanland und in Gaza durchgeführten Erhebung – der bisher umfassendsten ihrer Art – hegen 26 Prozent aller Erwachsenen in den betroffenen Ländern, in denen sechs Siebtel der Weltbevölkerung zu Hause sind, antisemitische Vorurteile. Als vorurteilsbeladen wurden Personen definiert, die einer Mehrheit der ihnen vorgelegten antisemitischen Urteile zustimmten.
Nun kann man das eine oder andere an der Umfrage bemängeln. So etwa mutet die Aussage der ADL, 1.090.000.000 der in den erfassten Ländern lebenden 4.161.578.905 volljährigen Bürger seien antisemitisch, übergenau an. Bemängelt wurde zum Teil, dass Fragen zum religiös motivierten Antisemitismus fehlten, etwa der „klassische“ Vorwurf, Juden trügen die Schuld an Jesus’ Tod. All das aber ändert nichts an der Tatsache, dass die Ergebnisse der ADL-Studie wertvolle Informationen liefern.
Nach Regionen betrachtet stimmten selbst in Ozeanien, wo der niedrigste Verbreitungsgrad antijüdischer Vorurteile verzeichnet wurde, 14 Prozent der Befragten der Mehrheit gängiger judenfeindlicher Stereotype zu. Es folgten Nord- und Südamerika mit 19 Prozent, wobei Südamerika deutlich schlechter als der nordamerikanische Kontinent abschnitt, gefolgt von Asien mit 22 Prozent und subsaharischem Afrika mit 23 Prozent. Für Westeuropa wurde ein Indexwert von 24 Prozent ermittelt, während Osteuropa auf 34 Prozent kam. Bei weitem am stärksten verbreitet sind antisemitische Vorurteile jedoch in Nahost und Nordafrika. Dort bejahten 74 Prozent aller Umfrageteilnehmer die meisten negativen Aussagen über Juden.
Diese Ergebnisse lassen sich unter vielen Aspekten auswerten. Einer der bizarrsten davon ist mit Sicherheit dieser: Unter Personen, die laut Eigenangabe nie einem Juden begegnet sind – und das waren drei Viertel aller Befragten –, lag der Anteil der antisemitisch Belasteten bei 25 Prozent, während der Indexwert für die Gesamtheit der Befragten 26 Prozent betrug. Anders ausgedrückt: Laut der Umfrage hat eine Dreiviertelmilliarde Antisemiten noch nie einen Juden persönlich gesehen. Wie ein genauerer Blick auf die Bevölkerungsstatistik zeigt, könnten es in Wirklichkeit noch mehr sein. Schließlich leben fast 800 Millionen der sich als vorurteilsbeladenen outenden Erdenbewohner in Asien, Nahost und Afrika. Das aber sind Regionen, in denen es so gut wie keine Juden gibt. Auch in nicht wenigen Ländern Europas oder Lateinamerikas ist die Zahl der Juden und damit die Wahrscheinlichkeit, Juden persönlich kennenzulernen, gering.
Nun hat Judenhass, wie längst erwiesen ist, ohnehin nichts mit Juden zu tun, sondern ist vor allem die Folge von tradierten Vorurteilen im sozialen Milieu, in der Religionsgemeinschaft, der politischen Kultur oder der Familie. Dennoch ist es erschreckend, wie sehr sich antijüdische Ressentiments inzwischen globalisiert haben. Wie kommen 210 Millionen Chinesen, 150 Millionen Inder oder auch knapp 3 Millionen Guatemalteken zu ihrer Meinung über die „bösen Juden“? Wie kommt es, dass Juden geradezu dämonische Züge zugeschrieben werden: Auch wer gar keine Juden kennt, „weiß“ doch um ihre „Sünden“.
Bei dieser Dämonisierung spielt die Leichtigkeit, mit der sich antijüdische Stimmungsmache durch die Massenmedien und das Internet verbreiten lässt, sicherlich eine wichtige Rolle. Dazu gehört auch und gerade die verfälschende Berichterstattung über Israel, wenn nicht sogar die unverblümte Propaganda gegen den Judenstaat. Wenn ein sonst uninformierter Medienkonsument allenfalls entstellende Artikel über die israelische Besatzung im fernen Palästina liest, dann kann das schon meinungsprägend wirken. Dennoch glauben Antisemiten, dass Juden zu viel Einfluss auf internationale Medien haben. Ironischer geht’s kaum noch.
In der arabischen und islamischen Welt leistet unablässige, vom Staat oder von offiziellen religiösen Einrichtungen betriebene oder geförderte antisemitische Propaganda antijüdischen Vorurteilen Vorschub. So stimmen 75 Prozent der Ägypter, 74 Prozent der Saudis und 88 Prozent der Jemeniten den meisten antisemitischen Vorurteilen zu. Auch in Malaysia zeigt antisemitische Propaganda Wirkung: Dort wurde ein Antisemitismus-Anteil von 61 Prozent ermittelt, unter der moslemischen Mehrheit sogar von 83 Prozent.
In einigen religiös gemischten Ländern liegen die Umfragewerte für den moslemischen Bevölkerungsanteil allerdings weit unter den schockierenden Spitzenwerten der arabischen Welt. In Indien etwa frönt jeder vierte Moslem antisemitischen Vorurteilen, während es in Nigeria 8 Prozent sind (gegenüber 22 Prozent bei nigerianischen Christen). Natürlich ist es noch immer inakzeptabel, dass jeder vierte moslemische Inder antijüdische Ressentiments bejaht. Allerdings zeigt sich daran wenigstens, dass die zweifelsohne ernsten Probleme mit moslemischem Antisemitismus zumindest nicht über einen Kamm geschoren werden dürfen. Dennoch bleibt das Gesamtbild deprimierend.
zu

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Die elf Behauptungen, …

… die Umfrageteilnehmern zur Verneinung beziehungsweise Bejahung vorgelegt wurden

1. Juden sind gegenüber Israel loyaler als gegenüber ihrem jeweiligen Land.
2. Juden haben zu viel Macht in der Geschäftswelt.
3. Juden haben zu viel Macht auf den Finanzmärkten.
4. Juden ist das Schicksal von Nicht­juden gleichgültig.
5. Juden haben zu viel Einfluss auf das Weltgeschehen.
6. Juden werden wegen ihres Verhaltens gehasst.
7. Juden denken, sie seien besser als andere Menschen.
8. Juden haben zu viel Einfluss auf die US-Regierung.
9. Juden kontrollieren zu stark die internationalen Medien.
10. Juden sprechen zu viel über den Holocaust.
11. Juden tragen die Schuld an den meisten Kriegen.