14. Jahrgang Nr. 6 / 27. Juni 2014 | 29. Siwan 5774

Verdrängung und Erinnerung

Der Spielfilm „Der letzte Mentsch“ erzählt die fiktive, aber dennoch überzeugende Geschichte eines Holocaust-Überlebenden

Von Brigitte Jähnigen

Im vergangenen Monat kam der Film „Der letzte Mentsch“ des französischen Regisseurs Pierre Henry Salfati in die deutschen Kinos. Der Streifen gehört zu den interessantesten Leinwandwerken zu jüdischen Themen, die in den letzten Jahren hierzulande zu sehen waren, und wurde von der Kritik zu Recht gelobt.
Die Geschichte, die der Film erzählt, ist fiktiv, doch könnte sie sich auch in Wirklichkeit zugetragen haben. Genauer: Sie hat sich nach der Schoa – wenn nicht genauso, so doch so ähnlich – mit Sicherheit ereignet.
Hauptfigur des Films – die Schreibeweise „Mentsch“ ist dem Jiddischen entlehnt – ist der Auschwitz-Überlebende Menahem Teitelbaum. Nach der Befreiung im Jahre 1945 änderte Menahem seinen Namen in Marcus Schwartz und versuchte, seine Vergangenheit auszulöschen. Nicht nur Auschwitz, sondern auch sein Judentum blieb vor der Außenwelt verborgen.
Jetzt aber hat die Beerdigung eines Bekannten den alten Mann – meisterhaft gespielt von Mario Adorf – mit der Frage nach dem eigenen Tod konfrontiert. Auf einmal überfällt ihn der Wunsch, sich eine Grabstätte auf einem jüdischen Friedhof zu sichern. Dazu aber muss er dem Kölner Rabbiner seine Zugehörigkeit zum Judentum beweisen, was sich nach Jahrzehnten ohne jeglichen Bezug zum Judentum als schwierig erweist. Nicht einmal Teitelbaums eintätowierte Häftlingsnummer aus Auschwitz wird als schlüssiger Beweis anerkannt.
Marcus/Menahem gibt nicht auf. Der über Achtzigjährige macht sich auf den Weg in seine ehemalige ungarische Heimat, um den Nachweis seines Judentums anzutreten, aber auch, um sich endlich seiner Geschichte zu stellen. Begleitet wird er von Gül, einer jungen deutsch-türkischen Frau, die er als Guide angeheuert hat. Katharina Derr spielt die Entwicklung der zuerst schnoddrigen, dann immer feinfühligeren jungen Frau ganz großartig. Gül begleitet Teitelbaum auf der Suche nach dem verdrängten früheren Leben. Vielleicht kein Zufall: Ist nicht sie als Türkin auch eine zwischen zwei Kulturen Verwirrte, Suchende?
In einer bewegenden Filmszene lässt sich Gül die Nummer des alten Mannes in ihren Arm stechen. Die Reise in die Vergangenheit wird für sie zu einem Bekenntnis, das in die Zukunft reicht. Mit dieser dramaturgischen Idee nimmt Pierre-Henry Salfati tatsächliche Fälle auf, in denen sich Enkel, vor allem in Israel, die Häftlingsnummer ihrer Großeltern in den Arm tätowieren ließen. Eine sehr persönliche Geste gegen das Vergessen.
Auch Salfati ist ein Insider. 1953 in Paris geboren, lernte er in einer katholischen Grundschule. Später lebte er als ultraorthoxer Jude. Heute, so der Regisseur von preisgekrönten Filmen wie „Tolérance“ und „The Jazzmann from Gulag“, lebe er „frei, ohne Religion“.
Der Film ist ein tragikomisches Roadmovie, das jedoch ein paar Fragen aufwirft: Warum sprechen die Rabbiner in Ungarn alle deutsch? Warum wird der alt-neue Antisemitismus in Ungarn wenig thematisiert?
In Ungarn kommt Menahem Teitelbaum in seiner verdrängten Vergangenheit an. Er spricht wieder Jiddisch und trifft Ethel, eine alte blinde Frau (Hannelore Elsner). Mit ihr feiert er das erste Sabbatmahl seit seiner Kindheit, sie führt ihn zum jüdischen Friedhof, er erzählt ihr seine Erinnerungen, die beiden mögen sich. Gemeinsam wollen sie die vielleicht allerletzten Jahre ihres Lebens verbringen. Dann jedoch stirbt Ethel. Auch Menahem fällt dem Tod anheim und bekommt – in Ungarn – ein jüdisches Begräbnis.
In einem Interview bekennt der 83-jährige Schauspieler Mario Adorf, als junger Mann Scham gespürt zu haben, als ihm nach dem Zweiten Weltkrieg das Ausmaß der Nazi-Verbrechen bewusst wurde. „Als die Amerikaner einmarschiert sind, habe ich das nicht als Befreiung empfunden, es war eher ein stummes Gefühl der Niederlage“, sagt Adorf, Jahrgang 1930. Was später kam, sei die bittere Erfahrung gewesen, Mitläufer gewesen, aber auch missbraucht worden zu sein. „Wiedergutmachung ist unmöglich“, sagt Mario Adorf. Doch Filme wie „Der letzte Mentsch“ zu machen, das sei auch als Katholik seine Art dazu beizutragen, dass ein Schicksal wie das von Menahem Teitelbaum nie mehr vergessen werde.
Mit dem fehlenden Nachweis von Teitelbaums Zugehörigkeit zum Judentum spricht der Film übrigens ein Problem an, auf das jüdische Gemeinden in der Bundesrepublik, wie in anderen Ländern, auch in Wirklichkeit stoßen. Durch Pogrome, so der Landesrabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) Netanel Wurmser, seien Menschen aus ihrer Heimat verjagt, durch die Schoa ganze Familien, ja ganze Gemeinden ausgelöscht worden. Das mache die Suche nach Zeugen oft schwer. Dabei sei eine Zeugenaussage, am besten durch eine rabbinische Autorität, nach jüdischem Recht höher zu bewerten als die Vorlage von Dokumenten. Dass jemand sein Jüdisch-Sein beweisen müsse, um in eine jüdische Gemeinde aufgenommen oder nach jüdischem Ritus beerdigt werden zu können, sei daher keine Seltenheit: „Solche Begegnungen“, sagt der Landesrabbiner, „haben wir dauernd.“