14. Jahrgang Nr. 6 / 27. Juni 2014 | 29. Siwan 5774

Historische Zäsur

Der Erste Weltkrieg hat auch die jüdische Welt nachhaltig beeinflusst

Im nächsten Monat jährt sich zum 100. Mal der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. In der europäischen Öffentlichkeit wird aus diesem Anlass intensiv über Hintergründe, den Verlauf und die Folgen jenes Krieges debattiert. Das ist verständlich und richtig. Schließlich stellte der Erste Weltkrieg die Weichen für schicksalhafte Entwicklungen, die zum Teil bis heute nachwirken. Das gilt auch für die jüdische Welt. Genauer gesagt: auch und gerade für die jüdische Welt. So schrecklich der Krieg nämlich für alle war, so kamen für Juden während des Kriegsverlaufs und danach besondere, das Leben erschwerende Faktoren hinzu.
Rund eine Million Juden waren Kriegsteilnehmer – eine bis dahin präzedenzlose Zahl. Allerdings bedeutete der gemeinsam mit nichtjüdischen Landsleuten ausgefochtene Kampf für die meisten Juden noch lange kein Entree-Billet zur Integration in die Mehrheitsgesellschaft. Mitunter war das Gegenteil der Fall, so etwa im zaristischen Russland, dem Staat mit dem größten Kontingent jüdischer Soldaten: eine halbe Million. Jüdische Uniformträger sahen sich nicht nur dem althergebrachten Judenhass gegenüber, sondern wurden zudem pauschal verdächtigt, zugunsten des deutschen Feindes zu spionieren. Dafür genügte oft schon die Tatsache, dass das Jiddische in den Ohren vieler Russen dem Deutschen ähnlich klang. Um potenzielle jüdische „Spione“ auch im Zivilleben „auszuschalten“, ordneten die zaristischen Behörden während des Krieges die Zwangsumsiedlung Hunderttausender von Juden aus kampfnahen Gebieten ins Landesinnere an.
Deutsche Juden wiederum legten große patriotische Begeisterung für Kaiser und Vaterland an den Tag. Von den allermeisten ihrer deutsch-jüdischen Glaubensgenossen unterstützt, ja bewundert, kämpften rund 100.000 Juden in den deutschen Streitkräften. 12.000 Juden fielen im Kampf. Gedankt wurde ihnen dieser Patriotismus nicht. Während des Krieges sahen sie sich dem grundfalschen Vorwurf gegenüber, sich vor dem Fronteinsatz zu drücken. Dies versuchte das Kriegsministerium mit der sogenannten Judenzählung 1916 nachzuweisen. Als aber die „Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden“ – so der offizielle Titel – ergab, dass Juden bei der kämpfenden Truppe nicht unter-, sondern überrepräsentiert waren, wurde das Ergebnis für geheim erklärt und unterdrückt. Wenn Juden in den Augen der Antisemiten für etwas gut waren, dann nur als Sündenböcke. Sobald sich Deutschlands Niederlage abzeichnete, wurde die Schuld daran „den Juden“ in die Schuhe geschoben. Die unter deutschen Juden zu Kriegsbeginn aufgekeimte Hoffnung, dank ihres Kriegseinsatzes endlich als vollwertige deutsche Bürger akzeptiert zu werden, blieb eine Illusion.
Leichter, aber nicht immer leicht hatten es Juden in den Armeen anderer Großmächte. Die in den Streitkräften der Donaumonarchie dienenden 300.000 Soldaten kamen in den Genuss einer vom Kaiser verordneten Toleranz, die allerdings nicht von allen Vorgesetzten und Kameraden geteilt wurde. Zudem hauchte die K.-u.-k.-Monarchie – und mit ihr die Toleranz – im Krieg ihr Leben aus. In der französischen Armee diente der 1906 rehabilitierte Alfred Dreyfus als Oberstleutnant der Reserve, doch bedeutete das nicht, dass antijüdische Vorurteile aus der Welt geschafft waren.
Nach dem Krieg versuchten die Siegermächte, die Rechte von Minderheiten in den Staaten Ost- und Südosteuropas zu garantieren, die aus dem Krieg hervorgegangen waren. Die Minderheitenrechte wurden im Rahmen der Friedensverträge von Paris festgeschrieben. Sie galten auch für die jüdische Minderheit. Indessen blieben die gut gemeinten Bestimmungen weitgehend auf dem Papier. Staaten wie Polen, Ungarn und Rumänien waren zwar offiziell demokratisch, ansonsten aber von einem heftigen Nationalismus ergriffen, zu dem auch weitverbreiteter, wütiger Antisemitismus gehörte. Die Diskriminierung von Juden war oft die vorherrschende gesellschaftliche Norm, der Regierungen und Behörden nichts entgegenstellten, wenn sie sie nicht sogar förderten.
Während des russischen Bürgerkrieges wurden Zehntausende von Juden von antibolschewistischen Kräften ermordet. Das tat sie neue Sowjetmacht zwar nicht – die schlimmsten antijüdischen Verfolgungsmaßnahmen waren späteren Jahren vorbehalten –, doch zerschlug sie systematisch das organisierte jüdische Leben. Das begann mit der Religion und wurde mit der Liquidierung einer eigenständigen jüdischen Kultur fortgesetzt.
Das größte Unheil bahnte sich aber in Deutschland an. In der Weimarer Republik konnten die Nazis ungehindert ihren Aufstieg vorantreiben und ihre Machtergreifung vorbereiten. Der aggressive Antisemitismus war ihnen dabei allenfalls behilflich.
Zwar versuchten Juden, der Zwischenkriegszeit auch Positives abzuringen. Europäische Formaldemokratien boten ihnen die Möglichkeit, offen für die Wahrung ihrer Rechte einzutreten. Davon machte die jüdische Bevölkerung auch Gebrauch, fand aber kaum nichtjüdische Verbündete, sodass Erfolge ausblieben oder bestenfalls flüchtig waren.
In den USA führte der Erste Weltkrieg zu einer bis dahin nicht gekannten Geschlossenheit der jüdischen Gemeinschaft. Gleich bei Kriegsbeginn formierten sich jüdische Organisationen jeglicher Couleur zu einer Wohltätigkeitskoalition zugunsten hilfsbedürftiger Juden in Europa. Daraus ging das bis heute weltweit tätige American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) hervor, besser bekannt als das Joint. Die Entwicklung des amerikanischen Judentums lief aber auf mehr als milde Gaben hinaus: Durch die Herausforderungen des Krieges fand die damals noch vorwiegend aus Immigranten bestehende jüdische Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten den Weg zu umfassendem Engagement zugunsten anderer jüdischer Gemeinden. Die Tatsache, dass die USA selbst durch den Krieg zu einer international agierenden Weltmacht aufstiegen, half den amerikanischen Juden, eine dominante Rolle in der jüdischen Welt zu übernehmen. Der Einfluss dieser Entwicklung wirkt bis heute fort.
In den Jahren 1917 bis 1924 führten die USA restriktive Einwanderungsquoten ein. Einer der Gründe für diese Gesetzgebung war die kriegsbedingte Sorge vieler Amerikaner um die nationale Sicherheit. Diese Sorge erleichterte es den Verfechtern der Immigrationsgesetze, die neuen Bestimmungen im US-Kongress durchzubringen. In Wirklichkeit aber stand hinter der Gesetzgebung nicht nur die Angst vor äußeren Bedrohungen, sondern auch das rassistische Motiv, „unerwünschte Elemente“ fernzuhalten, die der Kristallisierung einer „echten“ amerikanischen Identität angeblich im Wege standen. Als „Gefahr“ wurden dabei etwa Japaner und Chinesen sowie (slawische) Osteuropäer und Juden angesehen.
Manche US-Politiker stuften die Juden als wirtschaftlich und kulturell „nicht integrationsfähig“ ein. Daher wurden die Immigrationsquoten mit Absicht so festgelegt, dass jüdische Zuwanderung kaum noch möglich war. Ohne die Unterbindung der Zuwanderungschancen wären in der Zwischenkriegszeit viel mehr Juden aus Europa in die USA ausgewandert – und zwar nicht erst nach dem Aufstieg des Nationalsozialismus, sondern auch schon davor. Leider blieb ihnen der Weg über den Atlantik weitestgehend versperrt – bis auf die Aufnahme relativ weniger jüdischer Flüchtlinge nach der nationalsozialistischen Machtergreifung.
Eine weitere Folge des Ersten Weltkrieges war der Übergang der Regierungsmacht im Land Israel vom Osmanen-Reich auf Großbritannien. Die Schaffung des britischen Palästina-Mandats fiel in eine kurze, aber wichtige Zeitspanne, in der Großbritannien der zionistischen Idee positiv gegenüberstand. Die britischen Motive entsprangen nicht dem reinen Humanismus, sondern waren aufs Engste mit den Interessen des Vereinigten Königreichs verbunden. Während des Weltkrieges hatte London gehofft, durch prozionistische Haltung Sympathien in den USA zu gewinnen. Nach dem Krieg wollte London mit Hilfe der Juden britische Interessen in Nahost sichern.
Bekanntlich währte diese prozionistische Haltung nicht lange. Dennoch wurde das von Großbritannien etablierte Mandatsgebiet zum Kern des späteren Staates Israel. Auch wenn die jüdische Einwanderung nach Palästina schon bald schweren Restriktionen unterworfen wurde, so konnte das jüdische Gemeinwesen in der historischen Heimat vorstaatliche Strukturen herausbilden und eine kritische Masse erreichen, ohne die die spätere Staatsgründung nicht möglich gewesen wäre.
Unterdessen machte die zionistische Bewegung in Osteuropa von den ihr in der Nachkriegssituation offenstehenden Möglichkeiten politischen Wirkens regen Gebrauch. Es entstanden zionistische Partien, Kulturvereine und Schulen. In den Reihen der zionistischen Bewegung in Polen der Zwischenkriegszeit wurden unter anderem zwei spätere israelische Ministerpräsidenten groß: Menachem Begin und Jitzchak Schamir. Die antijüdische Immigrationspolitik der britischen Mandatsregierung ließ eine Massenauswanderung aus Osteuropa nach Palästina zwar nicht zu, doch blieb die Leistung osteuropäischer Zionisten dennoch beachtlich. Unter dem Strich lässt sich festhalten, dass die drei Jahrzehnte später erfolgte Staatsgründung Israels durch den Ersten Weltkrieg und dessen Folgen durchaus vorangetrieben wurde – vor allem, weil die jüdische Seite die flüchtige Gunst der Stunde rechtzeitig zu nutzen wusste.
Oft wird gefragt, inwieweit der Zweite Weltkrieg als eine Konsequenz des Ersten Weltkrieges zu betrachten ist. Eine automatische Kausalkette zwischen den beiden Kriegen lässt sich nicht herstellen. Als die Kanonen im Herbst 1918 verstummten, waren die Gaskammern von Auschwitz kein unabwendbares Schicksal. Allerdings trifft zu, dass Europa nach 1918 keine ausreichenden Lehren aus dem Ungeist zog, durch den der Erste Weltkrieg erst möglich geworden war. Weder die Bereitschaft, Millionen von Menschen im Namen eines dünkelhaften Nationalismus sterben zu lassen noch der wildwuchernde Rassismus und Antisemitismus wurden als ein Grundübel erkannt. Und auch in den damaligen Demokratien wie Frankreich und Großbritannien wurden der Mangel an Demokratie und die Verachtung der Menschenrechte – beides in den meisten europäischen Ländern anzutreffen –, nicht als eine existenzielle Gefahr verstanden.
Das ist der vielleicht tragischste Aspekt der ersten Nachkriegszeit. Wegen eines kontinentweiten Versagens der Politik konnten im Herzen Europas die Nazis ihr verbrecherisches Regime ohne Gegenwehr etablieren und den Zweiten Weltkrieges vom Zaun brechen, der Abermillionen von Menschen das Leben kostete und während dessen ein Drittel des jüdischen Volkes ermordet wurde. Hätte der Grundsatz „Wehret den Anfängen“ bereits 1918 Gehör gefunden, wäre das 20. Jahrhundert wohl nicht so tragisch verlaufen.

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