14. Jahrgang Nr. 6 / 27. Juni 2014 | 29. Siwan 5774

Von schön bis schön witzig

Jüdische Architektur war Gegenstand einer internationalen Tagung in Braunschweig

Von Heinz-Peter Katlewski

Jüdische Architektur ist nicht nur eindrucksvoll und geschichtsträchtig, sondern auch spannend und zuweilen auch witzig. Das zeigte sich bei der zweiten internationalen Konferenz zur jüdischen Architektur, die im Mai in Braunschweig stattfand. Anschauliche Beispiele lieferte Rudolf Klein, Professor für Architektur und Hochbau an der Sankt-Stephan-Universität in Budapest und einer der 65 Referenten, die an der Tagung teilnahmen. Klein ist auf der Suche nach Humor und verborgenem Schabernack in der Architektur seiner Stadt. Er findet sie an Fassaden, Türen und Toren, in der Struktur und den Proportionen von Gebäuden und Gebäudeteilen sowie in der Innenausstattung.
So etwa werden die Menorot – traditionelle siebenarmige Leuchter – an den schmiedeeisernen Eingangstoren und Zäunen des ehemaligen Jüdischen Instituts für die Blinden in der ungarischen Hauptstadt von Eichhörnchen und Pfauen flankiert. Der Pfau ist Teil der ungarischen Folklore, die Eichhörnchen dagegen entstammen dem skandinavischen Jugendstil. Die drei Symbole scheinen friedlich koexistieren zu können, und das ist offenbar auch die Botschaft. Motivreichtum zeigt sich in Budapest aber auch an anderen Stellen. So falten sich die Schwanzfedern aus der Schleppe des Vogels zu einer eindrucksvollen Menora auf, die ein Dach trägt. Die Handelsschule des 8. Bezirks zeigt in der Fassade – kaum wahrnehmbar – neben einer Reihe von jüdischen Symbolen eine kleine Dampflokomotive mit einem Davidstern als Radkappe. Manchmal werden Spielereien genutzt, die scheinbar nur Ornament sind, dem Wissenden aber signalisieren, dass etwas als unangemessen, unbedeutend oder unmöglich empfunden wird.
Veranstalter der Konferenz war Bet Tfila (Haus des Gebets), eine seit 2003 bestehende Forschungsstelle zur jüdischen Architektur, die als Gemeinschaftsprojekt vom Zentrum für Jüdische Kunst der Hebräischen Universität in Jerusalem und den Architekturhistorikern der Technischen Universität Braunschweig betrieben wird. Vielen jüdischen Gemeinden in Deutschland ist Bet Tfila nicht zuletzt durch eine vom Zentralrat der Juden in Deutschland geförderte Wanderausstellung bekannt: „Und ich wurde ihnen zu einem kleinen Heiligtum … – Synagogen in Deutschland.“ 26 Holzmodelle demonstrieren dabei die Vielfalt der Synagogenarchitektur, die bis zu den Brandschatzungen und Zerstörungen der "Reichskristallnacht" 1938 in Deutschland existierte: angefangen von der 1174 erbauten Wormser Synagoge über den 1712 fertiggestellten barocken Bau von Halberstadt und den 1810 errichteten Seesener Reformtempel bis hin zur großen Kölner Synagoge von 1861.
Einer der Gründer von Bet Tfila und bis heute der wissenschaftliche Leiter der Einrichtung ist Harmen H. Thies, emeritierter Professor für Architekturgeschichte. Die internationalen und interdisziplinären Tagungen von Bet Tfila sollen dazu beitragen, den Begriff „Jüdische Architektur“ präziser zu definieren, als das gegenwärtig der Fall ist. Bislang grenzt nur eine vorläufige Annahme das Feld ein. Danach spricht man von jüdischer Architektur, wenn Juden für Juden gebaut haben: „Wir tasten uns ja heran“, so Thies. „Wir lassen uns von Kennern aus verschiedenen Ländern, den vielen ausländischen Besuchern dieser Kongresse erzählen und erklären, was sie unter jüdischer Architektur verstehen, wie sie damit umgehen, ob sie und wie sie systematisieren.“
Viele Referenten der Braunschweiger Tagung stellten jüdische Baugeschichte oder Baukünstler im deutschsprachigen Raum vor. Generell befassten sich die meisten Referate mit der aschkenasischen Kultur, doch waren auch sefardische Synagogen vertreten. Die Teilnehmer kamen aus Nord-, Mittel-, Süd- und Südosteuropa, aus Israel, Nord- und Lateinamerika. Das Themenspektrum reichte von schlichten Land- und repräsentativen Kathedralsynagogen über Schulen, Ritualbäder, Friedhöfe und Museen bis hin zu Synagogenorgeln.
Immer wieder wurde deutlich, dass Synagogen in bestimmten Details dem Jerusalemer Tempel ähnlich sein sollen. Die meisten aschkenasischen Synagogen haben – wie schon Maimonides in seiner Mischne Tora (Wiederholung der Tora) nahegelegt hat – die Bima für die Lesung der Torarolle ins Zentrum der Synagoge gesetzt, ausgerichtet auf den Aron ha-Kodesch (Toraschrein). Maimonides’ Begründung für diese Anordnung sei eine ganz pragmatische, erklärte Dr. Ilia Rodov, Kunst- und Architekturhistoriker der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan. Auf diese Weise nämlich könnten die Gottesdienstbesucher Lesung und Drascha (exegetische Ansprache) besser hören. In vielen Synagogen wurde es aber seit dem Mittelalter Brauch, die Bima mit einem Podium anzuheben und mit einer Art Zaun oder Balustrade zu umgeben. Der Kunsthistoriker Walter B. Cahn von der Yale University in Connecticut sieht darin eine Parallele zum Salomonischen Tempel, wie er im Tanach beschrieben wird.
Aber nicht nur der Salomonische Tempel wurde imitiert. Dr. Sergey R. Kravtsov, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center for Jewish Art der He­bräischen Universität, glaubt für Ostpolen nachweisen zu können, dass im 17. und 18. Jahrhundert Erinnerungen an den Tempel des Herodes, wie sie in der Mischna (Traktat Middot) wiedergegeben sind, Quellen für den Synagogenbau wurden.
An sich sei es ganz einfach mit der jüdischen Architektur, jedenfalls bei Synagogen, findet Professor Harmen H. Thies. Das Jüdische im Inneren sei im Wesentlichen durch Halacha und Brauch vorgegeben. Für das Gebäude und seine Struktur aber gäbe es drei Grundtypen: die Hallenform der Basilika, die Rotunde und den Kreuzkuppelbau. Die Unterschiede lägen in der Größe, dem Zuschnitt und der „Einkleidung“ des Gebäudes wie Fassaden- und Dachgestaltung, dem gewählten Material, den Bedingungen des Ortes und natürlich in der Formensprache der jeweiligen Zeit.