14. Jahrgang Nr. 6 / 27. Juni 2014 | 29. Siwan 5774

Nachhaltig interessant

Das jüdische Lernfestival Limmud 2014 wartete mit neuen Ideen und Initiativen auf

Von Sandra Anusiewicz-Baer

Will man Limmud, das alljährlich stattfindende jüdische Lernfestival, mit einem Wort beschreiben, so wäre es dieses: Vielfalt. Das zeigte sich auch bei Limmud 2014, zu dem Ende Mai/Anfang Juni rund 400 Besucher in den Norden Brandenburgs an den Werbellinsee kamen, vom Kleinkind bis zum Rentner, vom orthodoxen Rabbiner bis zum agnostischen Laien, vom Single bis zur Großfamilie. Die meisten reisten aus Deutschland an, viele Gäste kamen aber auch aus dem europäischen Ausland und aus Übersee.
Auf das Thema „Vielfalt“ ging auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, in seinem bei der Veranstaltung verlesenen Grußwort ein. „Das besondere an Limmud“, so Dr. Graumann, „ist und bleibt doch: Hier findet so gut wie jedes Thema Gehör und Interesse.“ Bei dem Lernfestival werde Judentum nicht nur abstrakt diskutiert, sondern konkret erfahrbar: „Gerade durch das gemeinsame Lernen und Lehren, durch den munteren Austausch und durch das Erleben jüdischer Traditionen schafft Limmud einen Ort von herzlicher Jüdischkeit. Ob liberal, orthodox, traditionell oder säkular – für jede und jeden von uns hat Limmud etwas Einzigartiges zu bieten. Plurale Einheit – für mich ist es das, was den Spirit von Limmud auszeichnet“, fügte Dr. Graumann hinzu. Von jedermann lernen und miteinander diskutieren, so der Zentralratspräsident ferner, sei schon seit den Zeiten von Mischna und Talmud die große Stärke des Judentums.
Die insgesamt mehr als 170 Workshops, Vorträge und Diskussionen wurden in Deutsch, Russisch, Englisch und Hebräisch angeboten. Die Vielfalt spiegelte sich auch im Programm, das dieses Jahr so unterschiedliche Themen bereithielt wie die Rolle Israels im Eurovision Song Contest, romantische Verhältnisse zwischen Juden und Christen in der Literatur des 19. Jahrhunderts sowie die Analyse jüdischer Traditionen anhand antiquarischer Postkarten aus Osteuropa. Täglich wurden Hebräisch-Kurse und Workshops rund um die Themen Zionismus und Staat Israel angeboten. Im Zeichen des Pluralismus konnten die Teilnehmer zwischen verschiedenen Gottesdiensten wählen. Neu bei Limmud war „Hebrew Space“ – eine Initiative, um die wachsende Gemeinde der Israelis in Berlin stärker ins Festival einzubinden.
75 Teilnehmer waren jünger als 17 Jahre. Das Programm für den Limmud-Nachwuchs hielt darüber hinaus spezielle Angebote für die Altersgruppe von 7 bis 11 Jahre (Limmud Kids) und für die Kleinsten bis 6 Jahre (Limmud Bambinim) bereit.
Ein besonderer Schwerpunkt in diesem 7. Festivaljahr bildete das Thema Umwelt. Das mit Rosch Haschana 5775 beginnende Schmitta-Jahr lud dazu ein, über die Hintergründe des „Schabbats für die Erde“ nachzudenken. Agata Kaplon, Referentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und Koordinatorin des Projektes „Jews go green“, bot gleich mehrere Workshops über Ökologie und Umweltbewusstsein an. So konnten sich die Erwachsenen der Bedeutung von Schmitta über biblische Texte nähern und diese dann zu aktuellen Umweltschutz-Fragen in Beziehung setzen. In kleinen Gruppen wurde über jüdische Öko-Werte diskutiert und überlegt, wie auch die jüdischen Gemeinden für Nachhaltigkeit sorgen können.
Das Thema Umwelt hatte auch seinen Platz im Kinderprogramm. Die Limmud Kids unternahmen eine Expedition in den Wald. Wie kleine Forscher erkundeten sie mit Kamera und Notizblock die Umgebung und dokumentierten ihre Eindrücke. Zurück im Seminarraum wurden die Fotos ausgewertet, die Bäume beschrieben und deren jeweiligen Besonderheiten erklärt.
Rabbiner Adrian Schell, Absolvent des Abraham Geiger Kollegs, widmete sich in seinem Workshop „Du sollst nicht verschwenden!“ den Fragen von Umweltschutz und Umweltbewusstsein. Gemeinsam mit den Workshop-Teilnehmern ergründete er, welche Ansätze in der Bibel für ein umweltbewusstes Denken zu finden sind und wie diese in den Alltag integriert werden können.
Die Künstlerin Anna Adam und die Kantorin Jalda Rebling stellten ihre „Green Shul“ vor – eine Art spiritueller Garten auf dem Gutshof in Gatow. Der Begriff EcoKaschrut, den Rabbi Zalmen Schachter-Shalomi bereits vor Jahrzehnten geprägt hat, findet hier seine konkrete Umsetzung. „Tora kann man immer und überall lernen“, so Jalda Rebling, selbst beim Unkrautjäten. So etwa, wenn gefragt wird, ob Himbeeren nun Baumfrüchte (Pri ha-Etz) oder Früchte des Bodens (Pri ha-Adamah) seien. Denn wenn sie Pri ha-Etz sind, muss man mit dem Ernten der roten Früchte warten, bis die Himbeerbäumchen vier Jahre alt sind. Werden sie jedoch als Sträucher und damit als Bodenfrüchte eingestuft, darf man die Beeren gleich naschen. Dazu ließ Kantorin Jalda die Zuhörer wissen, dass Himbeeren als Sträucher gelten.
Auch beim Essen galt das Stichwort „Nachhaltigkeit“: Nach dem Festival wurden die übriggebliebenen Lebensmittel an die Berliner Tafel gespendet. Damit alles reibungslos lief, waren viele freiwilligen Helfer vor, während und nach Limmud im Einsatz. Die Hälfte der Kosten konnte durch die Teilnehmerbeiträge gedeckt werden. Die andere Hälfte bestritten der Zentralrat der Juden in Deutschland, die World Zionist Organisation und das American Jewish Joint Distribution Committee. Zum ersten Mal gelang es, die Unterstützung der Genesis Philantrophy Group zu gewinnen, die Projekte zur Stärkung der jüdischen Identität russischsprachiger Juden fördert.
In den vergangenen sieben Jahren ist Limmud in Deutschland zu einer festen Größe und zu einem Beispiel für Freiwilligenarbeit und Initiativen geworden. Das Limmud-Team um den Berliner Jonathan Marcus hat, versteht sich, kein Brachjahr vor sich: Das nächste Limmud-Fest ist für Mai 2015 angesagt.