14. Jahrgang Nr. 5 / 30. Mai 2014 | 1. Siwan 5774

Begabte fördern – die Gemeinschaft stärken

Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk unterstützt jüdische Studenten in Deutschland

Von Carsten Dippel

Begabtenförderung ist eine Aufgabe, die in Deutschland ernst genommen und von einer Reihe von Einrichtungen und Organisationen wahrgenommen wird. Große Bedeutung kommt den insgesamt zwölf in der Bundesrepublik tätigen Begabtenförderungswerken zu, die im Rahmen eines Programms des Bundesbildungsministeriums gefördert werden und Stipendien vergeben. Dabei handelt es sich um politische Stiftungen, wirtschaftliche und soziale Organisationen oder aber um Institutionen, die religiösen Gemeinschaften nahestehen. Eine solche Institution ist das vor fünf Jahren gegründete Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk, das sich jüdischer Begabtenförderung widmet. ELES, wie es kurz genannt wird, fördert nach den Richtlinien des Bildungsministeriums besonders begabte jüdische Studierende und Doktoranden.
Benannt ist ELES nach dem in Berlin geborenen jüdischen Historiker und Religionswissenschaftler Ernst Ludwig Ehrlich, der 1940 vor den Nazis in die Schweiz flüchten konnte, wo er bis zu seinem Tod 2007 auch lebte. Ehrlich war im jüdischen Leben ebenso wie im jüdisch-christlichen Dialog engagiert und setzte sich auch für die Erneuerung jüdischen Lebens in Deutschland ein. 2008 von Rabbiner Walter Homolka initiiert fördert ELES mittlerweile 300 Stipendiatinnen und Stipendiaten.
Einer von ihnen ist Jonas Fegert. Der Student der Politikwissenschaft steht kurz vor dem BA-Abschluss und arbeitet für eine Bundestagsabgeordnete von BÜNDNIS 90/Die Grünen. Für den 23-Jährigen ist nicht nur das Stipendium von Bedeutung. „Es ist wichtig, Kontakte zu knüpfen, auf Gleichgesinnte zu treffen, ein Netzwerk zu haben“, erklärt er. „ELES gibt mir dazu genau den richtigen Rahmen.“
Grundsätzlich können ELES-Stipendien auch Nichtjuden zuerkannt werden, doch sollte es für nichtjüdische Bewerber mindestens einen Bezug zu jüdischen Themen geben. Johanna Korneli etwa war an der jüdischen Oberschule in Berlin. Die junge Mutter forscht in ihrer von ELES geförderten Promotion zu Antisemitismus unter jungen muslimischen Migranten. ELES habe sie vor allem aufgrund des ideellen Förderprogramms angesprochen.
Das Studienwerk bietet nicht nur akademische Unterstützung, sondern auch ein ideelles Förderprogramm. „Wir wollen“, sagt Geschäftsführer Johannes Frank, „nicht nur die akademische Exzellenz fördern, sondern ganz bewusst auch die Gemeinden stärken.“ ELES-Stipendiaten seien daher eingeladen, sich gezielt in den Gemeinden sozial zu engagieren und Verantwortung zu erlernen, um später auch Führungsaufgaben zu übernehmen und zudem nach außen zu wirken.
Den Stipendiaten bietet das jüdische Begabtenförderungswerk eine Reihe von Programmen an. Dazu zählt etwa die jüngste Kolleg-Reihe zum Thema „Neues Judentum – altes Erinnern“. Für Eva Lezzi, verantwortlich für die Programmgestaltung, geht es dabei auch darum, die „dritte Generation hörbar zu machen“. Die Programme hätten immer einen Bezug zu jüdischen Themen. Besonderen Raum nehmen Angebote zur Stärkung der religiösen Identität ein. Viele Stipendiaten, etwa aus Zuwandererfamilien, hätten hier Nachholbedarf. Angeboten wird unter anderem ein Vorbeterseminar in Halberstadt, wobei Wert auf die Abbildung religiöser Vielfalt gelegt wird. Daher wird das Programm sowohl von liberalen als auch orthodoxen Rabbinern begleitet.
Jonas Fegert hat sein Abitur an der jüdischen Oberschule in Berlin gemacht. Er engagiert sich in der Regionalgruppe Ost und hat mit anderen die Plattform Studentim (hebräischer Plural von „Student“) ins Leben gerufen. Man trifft sich, um mal gemeinsam an einem Gottesdienst teilzunehmen oder Kontakte zu Israelis zu knüpfen. „Oft gehen studentische Kreise nicht über Filmabende oder ähnliches hinaus. Uns hat da etwas gefehlt. Denn wir brauchen diese Debattenkultur, wenn es zum Beispiel in meinem Studium um Positionen zu Israel geht.“ ELES biete ihm dafür auch einen „Reflektions- und Rückzugsraum“.
Der Kontakt nach Israel ist den Verantwortlichen von ELES besonders wichtig. Jeden Sommer gibt es ein Israel-Kolleg für Stipendiaten, die das Land erkunden und sich auch auf verschiedene Weise engagieren. „Ich habe wichtige Erfahrungen bei meiner Arbeit in einem Altersheim für Jeckes sammeln können“, sagt Fegert, der auch Stipendien-Gesamtsprecher von ELES ist. Es gehe um eine „positive Identifizierung“ mit Israel, meint Johannes Frank. Letztlich spiele Israel für viele Juden hierzulande eine Rolle, nur welche, das müsse jeder selbst herausfinden und auf eigene Erfahrungen bauen.
„Wir sind ein ziemlich bunter Haufen, von völlig säkular bis sehr religiös“, sagt Ruth Fischer. Die aus Hamburg stammende 25-jährige Studentin macht derzeit ihren Master in Jüdischen Studien an der Universität Potsdam. Ob Studientage, Schabbatot oder Regionalgruppen: Das Herz der ELES-Arbeit ist die Gemeinschaft und die Möglichkeit, Netzwerke aufzubauen, die jüdische Identität zu stärken. „ELES“, ist sich Ruth Fischer sicher, „hat mich mit anderen jüdischen Menschen zusammengebracht, die ich über die Gemeinde oder die Schule vermutlich nie kennengelernt hätte.“
www.eles-studienwerk.de