14. Jahrgang Nr. 5 / 30. Mai 2014 | 1. Siwan 5774

Jüdisches Schicksal

Die Schriftstellerin Stefanie Zweig ist im Alter von 81 Jahren gestorben

Von Brigitte Jähnigen

„Nirgendwo in Afrika“ und „Irgendwo in Deutschland“ – diese wohl bekanntesten Romantitel von Stefanie Zweig bezeichnen die Pole ihres Lebens. Ein Leben, das in großen Teilen von der Flucht der jüdischen Familie Zweig aus Frankfurt am Main vor den Nazis im Jahr 1938 bestimmt war. Der Fluchtweg führte die Zweigs nach Kenia. 1947 kehrte die Familie nach Deutschland zurück, doch blieben die Kindheitsjahre in Kenia, einem kulturell von Deutschland so verschiedenen Land, für die junge Stefanie stark prägend.
Ihr Abitur machte sie an der Frankfurter Schillerschule, später arbeitete sie als Journalistin. Zweieinhalb Jahrzehnte leitete sie das Feuilleton der Frankfurter Abendpost/Nachtausgabe. Als Schriftstellerin wurde sie vor allem durch ihre Afrika-Romane berühmt, man könnte sogar sagen: Sie wurde zur deutschen Stimme Afrikas. Ihre Bücher wurden in 81 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von über 7,5 Millionen Exemplaren.
1995 erschien ihr autobiografischer Roman „Nirgendwo in Afrika“, in dem sie von ihren Jahren in Afrika erzählte. Empathie für die Menschen in Kenia und Stilsicherheit in der Beschreibung der Charaktere ihrer Figuren machten den Roman zum internationalen Bestseller. Über diesen Erfolg war Stefanie Zweig, wie sie in mehreren Interviews bekannte, nicht nur sehr überrascht, sondern auch betroffen. „Ich wollte keine romantische Afrika-Geschichte schrei­ben, sondern über die Entwurzelung und die Tragödie der Emigration, doch das haben wohl die wenigsten aus dem Buch gelesen“, so die Autorin. Missverstanden fühlte sie sich auch durch die Adaption ihres Afrika-Stoffes, der im Jahr 2001 durch die deutsche Regisseurin Caroline Link verfilmt wurde. Während Caroline Link für ihre Filmversion von „Nirgendwo in Afrika“ 2003 den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ entgegennahm, sagte Stefanie Zweig, der Film habe „kein bisschen“ die Absichten ihrer Romangeschichte übertragen.
In ihrem 1996 erschienenen Roman „Irgendwo in Deutschland“ erzählte sie in fiktionaler Form vom Leben nach der Rückkehr nach Deutschland. Und wieder lag der Fokus auf dem jüdischen Schicksal der Rückkehrer. „1947 gab es nicht nur Hunger und Wohnungsnot, es gab auch die Scheinheiligkeit der Deutschen, die behaupteten, nicht gewusst zu haben, wo ihre früheren jüdischen Bekannten hingekommen sind“, so die Schriftstellerin.
In ihrem Werk „Die Kinder der Rothschildallee“ beschrieb sie die Verfolgung einer bürgerlich-jüdischen Familie während der ersten Jahre der NS-Herrschaft. Eigentlich wollte sie einen Roman schreiben, der die Zeitspanne von 1900 bis in die Gegenwart umspannt. Doch schon beim Zeitpunkt 1917 musste ihr Protagonist Johann Isidor Sternberg erkennen: Seine Anstrengungen, durch Assimilation in die christliche Mehrheitsgesellschaft wirkliche Anerkennung und Gleichberechtigung zu erreichen, waren misslungen. Zweigs traurige Botschaft: Die Emanzipation der Juden ist schon 1917 und nicht erst 1933 gescheitert. Diese historische Tiefe haben die meisten Kollegen in den Feuilletons der deutschsprachigen Zeitungen kaum wahrgenommen.
Am 25. April starb Stefanie Zweig nach kurzer schwerer Krankheit 81-jährig in Frankfurt am Main. Die Nachricht von ihrem Tod wurde von vielen mit Bestürzung aufgenommen. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, erklärte: „Ich habe Stefanie Zweig sehr geschätzt und sämtliche Bücher von ihr gelesen.“ Die Autorin, so Dr. Graumann, habe das neue jüdische Leben in der Bundesrepublik mit viel Feingefühl geschildert und es auf diese Weise auch bekannter und vertrauter gemacht.