14. Jahrgang Nr. 5 / 30. Mai 2014 | 1. Siwan 5774

Glauben und handeln

In Dresden tagte die European Union for Progressive Judaism

Von Olaf Glöckner

„Faith in Action“ – gelebter Glaube: Unter diesem Motto fand in der letzten Aprilwoche in Dresden das zweijährliche Treffen der European Union for Progressive Judaism statt. Die EUPJ bildet eine der sieben Sektionen der 1926 in London gegründeten World Union for Progressive Judaism, die heute 1,8 Millionen liberaler Jüdinnen und Juden weltweit repräsentiert.
Während der viertägigen Zusammenkunft rangen die rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Frage, wie sich modernes Judentum heute im Alltag und in der Gesellschaft so leben lässt, dass es sowohl den Einzelnen wie auch die Gemeinschaft stärkt. Dr. Josef Schuster, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, der die Teilnehmer begrüßte, würdigte das Tagungsthema. „Das ist ein Motto, unter dem sich Juden aus aller Welt wiederfinden können, ganz gleich, ob sie sich und ihren Glauben liberal, progressiv, traditionell oder orthodox definieren und leben“, erklärte er. Jüdisches Leben sei pluralistisch nach dem Grundsatz „Respekt vor dem Anderen und Freude an dem Gemeinsamen: Juden zu sein, ganz gleich, wie wir unseren Glauben leben“. Der Vizepräsident des Zentralrats betonte: „Wir leben die Vielfalt in der Einheit und das ist es, was das Judentum in Deutschland heute ausmacht.“
Aus aktuellem Anlass ging Dr. Schuster auch auf die Situation in der Ukraine, einschließlich der Lage der jüdischen Gemeinschaft ein. Hierzu erklärte er: „Wir sind mit dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière im Gespräch, und sollten sich die Verhältnisse für die Juden in der Ukraine zum Schlechteren verändern, wird sicherlich eine Lösung für dieses Problem gefunden werden.“
Am Ende der Tagung zeigte sich Sonja Guentner, die Vorsitzende der Union Progressiver Juden in Deutschland (UPJ), zufrieden. „Wir hatten reichlich Gelegenheit, uns über gelebten Glauben auszutauschen, über egalitäre Gemeinschaft, Gerechtigkeit, Solidarität und Tikkun Olam“, freute sie sich. „Es war inspirierend und spannend, dass sich Frauen und Männer aus 20 verschiedenen Ländern hier so unkompliziert austauschen konnten. Wir haben dabei auch erfahren, wie sich jüdisches Leben in Polen und Spanien erneuert und dass das progressive Judentum mittlerweile auch eine große Blüte in Israel erlebt.“ Überlegt wurde aber auch, wie man jüdische Gemeinschaften in Ländern mit derzeit sehr problematischer Entwicklung unterstützten kann.
Walther Rothschild, Landesrabbiner von Schleswig-Holstein, fasste die Beratungen des Treffens mit den Worten zusammen: „Einfache Antworten finden sich bei solchen Gesprächen selten, das ist schon ein hartes Stück Arbeit. Immer wieder beschäftigen uns auch Fragen einer liberalen Ethik und wie wir damit umgehen.“
„Mir persönlich hat die Tagung klargemacht, wie viel Hoffnung und Potenzial in unserer weltweiten Gemeinschaft stecken“, sagte Erika Siegfried-Tompson von der liberalen Gemeinde „Bet Orim“ Budapest.
Das Thema Israel war in Dresden sehr präsent. Besonders große Resonanz fand ein Vortrag von Anat Hoffman, Vorsitzende des Israel Religious Action Center. „An jedem Ort in Israel, wo ein liberaler Rabbiner seine Arbeit aufgenommen hat, hat sich Vitalität entwickelt“, erklärte Hoffman. „Aber wir haben noch einen langen Weg vor uns.“ Zu den nun vordringlichsten Zielen der progressiven Juden in Israel zählte die Aktivistin die staatliche Anerkennung von Hochzeiten, welche auch nichtorthodoxe Rabbiner durchführen, die Anerkennung nichtorthodoxer Konversionen, die in Israel durchgeführt werden, und nicht zuletzt auch den Kampf gegen rassistische Erscheinungen in der israelischen Gesellschaft.
Viel frischen Wind brachten in die EUPJ-Tagung junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland, die der Jugendbewegung „Jung und Jüdisch“ angehören. „Wir jungen Madrichim hatten unsere eigenen, spannenden Treffen im Dresdner Jüdischen Gemeindezentrum. Doch unsere Präsentation über ‚Progressives Judentum in Deutschland heute‘ hat die europäischen Delegierten dann auch sehr interessiert“, freute sich Mascha Seifert aus Essen.
Wer sich von den Teilnehmern schließlich in tiefere theologische Überlegungen begeben wollte, fand bei der EUPJ-Tagung ebenfalls inte­ressante Angebote. So bestritten Rabbinerin Deborah Kahn-Harris, Direktorin des Leo Baeck College in London, und Rabbiner Walter Homolka am Abschlusstag ein gemeinsames Podiumsgespräch zu „Theodizee im 21. Jahrhundert“. Auch dies blieb ein Thema, das bei der nächsten EUPJ-Tagung im April 2016 in London sicher wieder die Gemüter beschäftigen wird.