14. Jahrgang Nr. 5 / 30. Mai 2014 | 1. Siwan 5774

Ein langer Schatten

Eine Tagung der Bildungsabteilung des Zentralrats beschäftigte sich mit Fragen der „dritten Generation“

 Von Carsten Dippel

„Wenn ich mein Familienleben mit dem einer typisch deutschen Familie vergleiche, gibt es massive Unterschiede. Als kleines Kind merkt man das nicht so. Aber später, wenn man in die Außenwelt geht, merkt man, wir sind anders. Wir haben bestimmte Aspekte, die nachwirken. Die uns in dem, wie wir unser Leben gestalten, mit der Familie umgehen, anders sein lassen“, sagt Bettina Schwitzke. Die in Berlin lebende Biologin und Sozialpädagogin arbeitet ehrenamtlich bei Limmud. Im Mai nahm sie an einer Tagung zum Thema „Erinnerung und Trauma in der dritten Generation“ teil, zu der die Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland eingeladen hatte. Zu der Veranstaltung kamen mehr als hundert Menschen.
Einen Anstoß für die Tagung gab das im vergangenen Jahr erschienene Buch „Die Enkelin“ von Channah Trzebiner. Darin schildert die in Frankfurt lebende Juristin in einem sehr persönlichen autobiografischen Essay ihre Erfahrungen mit dem Aufwachsen in einer Familie, die bis heute von der Schoa geprägt ist. Auch mit dem Film „Schnee von gestern“ der in Berlin lebenden israelischen Filmemacherin Yael Reuveny meldete sich jüngst eine Stimme der sogenannten dritten Generation – Enkel der Schoa-Überlebenden – zu Wort.
In den letzten Jahren sind diese Stimmen verstärkt in Literatur und Film wahrzunehmen. Dabei geht es um Fragen nach ihrer jüdischen Identität im Deutschland von heute. Fragen, wie sie 70 Jahre nach Ende der Schoa mit den Spuren, die dieses Trauma in ihrer eigenen Gefühls- und Lebenswelt hinterlassen hat, umgehen können. Die große Resonanz, auf die die Einladung zur Tagung stieß, zeigt, wie wichtig das Thema für die Betroffenen ist.
Die Tagung war eher ein Forum für Fragen, als dass sie Antworten lieferte. So wurde neben einer wissenschaftlichen Betrachtung und der filmischen wie literarischen Verarbeitung Raum zur Reflektion und Analyse geboten. In kleinen Gruppen fanden sich die Teilnehmer zusammen, um sich in einem absolut geschützten Raum unter der Anleitung von jüdischen Psychotherapeuten und -analytikern über ihre ganz persönlichen Erfahrungen auszutauschen, Erlebtes vielleicht überhaupt das erste Mal vor anderen auszusprechen.
Viele Angehörige der „dritten Generation“, so der Psychoanalytiker Kurt Grünberg vom Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt, kämen heute in psychotherapeutische Behandlung. Die Spätfolgen der Schoa seien bislang oft unterschätzt worden. Allerdings müsse man gleichzeitig aufpassen, Zusammenhänge nicht zu psychopathologisieren. Manche Dinge wolle man lieber vergessen. Extrem traumatische Erfahrungen ließen sich nur schwer ins Leben integrieren.
Grünberg ist Gründungsmitglied des Treffpunkts für Überlebende der Schoa und war unter anderem Leiter des Jüdischen Psychotherapeutischen Beratungszentrums. Bei seiner Arbeit mit Überlebenden habe er immer wieder festgestellt, wie diese extremen Traumata abgespaltet worden seien. Wie sie als verstörende, quälende, störende Fragmente einer Erinnerung verborgen im Bewusstsein lägen. Bis sich ein Überlebender plötzlich ganz heftig an etwas erinnere und das Verborgene unvermittelt aufbreche. Mit diesen Erfahrungen sei oft auch noch die dritte Generation aufgewachsen.
Channah Trzebiners Großvater hat als Kind die Hölle des Todeslagers überlebt. „Mein Großvater saß als lebendiges Zeugnis von Auschwitz mit am Tisch. Wenn Freunde kamen, hatten sie oft Angst vor der Stille in unserem Haus“, berichtete sie. Was ihr heute oftmals fehle, so Trzebiner, sei ein gewisses Urvertrauen der Welt gegenüber. Das Buch habe sie erst nach dem Tod ihres Großvaters schreiben können. Doch „ohne dieses Buch“, sagte die Autorin, „konnte ich nicht sein.“
Auf der Tagung, zu der sich jüdische Menschen unterschiedlichen Alters und Herkunft zusammenfanden, wurde bald deutlich, dass der Generationsbegriff unscharf ist. Die Spanne ist weit. Zur „dritten Generation“ könnten 10-Jährige genauso zählen wie 50-Jährige, meinte Professor Doron Kiesel, Leiter der Bildungsabteilung. Genauso könne jemand gleichzeitig verschiedenen Generationen angehören. So zählt sich Bettina Schwitzke, Jahrgang 1976, durchaus zur „dritten Generation“, obwohl sie Tochter einer Kinderüberlebenden ist: Ihre Mutter hatte als Kind im Versteck überlebt.
Dass die Schatten der Vergangenheit bis ins Heute nachwirken, machten viele Erzählungen der Teilnehmer deutlich. Immer wieder tauchte die Frage auf, was die Enkelkinder der Schoa-Überlebenden in ihrer Erfahrung eine. Vielfach anzutreffen seien Identitätskonflikte, machte Kurt Grünberg deutlich. Immer wieder treffe man auf das Phänomen einer ausgeprägt überbehütenden und kontrollierenden Erziehung. Generell trügen viele ganz ähnliche Fragen in sich: Wie lebt man mit der familiären Schoa-Erfahrung heute in der deutschen Gesellschaft? Wie kann von der Vergangenheit erzählt werden, was an die nachfolgende Generation in welcher Form weitergegeben werden? Wie schafft man es, der „Überschattung der eigenen Lebensgeschichte“, wie Micha Brumlik es ausdrückte, zu entgehen und ein eigenes Leben zu leben?
„Ich habe Angst vor der fehlenden Loyalität von Freunden“, erzählte die in Berlin lebende Kunsthistorikern Sarah Ajnwojner. „Je älter ich werde, desto mehr spüre ich diese Angst in mir. Ich fühle mich an meine Eltern und Großeltern erinnert, mit deren Angst ich immer konfrontiert wurde.“ Angst, obwohl es ihr gut gehe in Deutschland.
Während sie von nichtjüdischen Freunden schon oft beinahe inquisitorisch ausgefragt worden sei, sei die Schoa im jüdischen Freundes- und Bekanntenkreis nur selten ein Thema, sagte Bettina Schwitzke. Indirekt schwinge es natürlich immer mit. Das müsse nicht erst verhandelt werden. „Jeder hat jemanden verloren, jeder hat eine Geschichte zu erzählen.“ Es sei jedoch zu schmerzhaft, sich ständig darüber zu definieren. „Wir müssen ja auch im Hier und Jetzt weiterleben.“ Dass die Schatten der Vergangenheit bis ins Heute nachwirken, machten viele Erzählungen der Teilnehmer deutlich.