14. Jahrgang Nr. 5 / 30. Mai 2014 | 1. Siwan 5774

„Mir geht es um die Menschen, die wir repräsentieren“

Daniel Botmann über seine Aufgaben als Geschäftsführer des Zentralrats

Herr Botmann, Mitte Mai haben Sie das Amt des Geschäftsführers des Zentralrats der Juden angetreten. Haben Sie sich schon einen ersten Einblick in die Aufgabenbereiche verschaffen können?
Ich habe bereits viele Gespräche geführt und begonnen, mich mit den einzelnen Abteilungen und Bereichen des Zentralrats vertraut zu machen. Von den Mitarbeitern, die ich als sehr engagiert und kompetent erlebe, habe ich dabei wertvolle Informationen bekommen.

Gibt es bereits eine Prioritätenliste, welche Aufgaben gehen Sie als erstes an?
Die Aufgaben sind sehr vielfältig. Da ist zunächst der Zentralrat selbst, die Jüdische Allgemeine, die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und das jüdische Zentralarchiv. Es gibt überall etwas zu tun und dementsprechend verschaffe ich mir erst einmal einen Überblick. Gute Dinge möchte ich beibehalten und fortentwickeln. Es geht aber auch darum zu schauen, was wir in Zukunft noch besser machen können.

Dies betrifft die Arbeit nach innen. Welche Aufgaben sehen Sie in Bezug auf die Außenwirkung?
Der Zentralrat ist die politische Vertretung der Juden in Deutschland. Er wird auch künftig seine Stimme für jüdische Belange erheben und sich in öffentliche Debatten einmischen. Mein Fokus liegt aber klar auf der Arbeit nach innen, denn am Ende sind es immer die Mitglieder unserer Gemeinden, für die wir tätig sind und für die wir unsere Angebote ausrichten.

Sie haben einmal gesagt, dass sich der Zentralrat nicht als Selbstzweck verstehen solle. Was meinen Sie damit?
Der Zentralrat existiert nicht um seiner selbst willen, sondern ist auch ein Dienstleister für die Landesverbände, Gemeinden und deren Mitglieder. Uns geht es um die Menschen, die wir repräsentieren. Und dabei muss das Jüdische für uns im Vordergrund stehen. Wir möchten die Menschen für ein modernes, vielfältiges und auf die Zukunft ausgerichtetes Judentum begeistern. Das steht schon seit einigen Jahren ganz oben auf der Agenda des Zentralrats, und das ist auch mir ein tiefes Bedürfnis. Wir müssen unser Judentum für Menschen jeden Alters attraktiver gestalten.

Wir haben über Gegenwart und Zukunft gesprochen. Wie wichtig ist Ihnen die Erinnerung an die Vergangenheit?
Das Gedenken der Schoa ist und bleibt für alle Ewigkeit ein Teil unserer jüdischen Identität. Wir sind es unseren Vorfahren schuldig, die Erinnerung an sie wach zu halten und jeden Antisemitismus – auch wenn er sich im Gewand des Antizionismus versteckt – schon möglichst im Keim zu ersticken. Wir dürfen uns aber von außen nicht nur auf die Schoa und den Antisemitismus reduzieren lassen. Im Vordergrund steht ganz klar die Zukunft des Judentums.

Sie selbst haben eine jüdische Sozialisation genossen, sprechen unter anderem auch Russisch. Ist dies bei der von Ihnen angesprochenen Innenwirkung hilfreich?
Geboren bin ich in Israel. Meine Eltern stammen beide aus der ehemaligen Sowjetunion. Von dort sind sie nach Israel ausgewandert und später nach Deutschland umgezogen. Seit 1999 war mein Vater Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Trier. Dadurch war die ganze Familie – auch ich – stark in die Gemeindearbeit eingebunden. Das Leben in kleinen Gemeinden ist sehr intensiv, jeder kennt jeden, man ist bei allem dabei und hilft natürlich tatkräftig mit. Neben vielem anderen habe ich meinen Eltern zu verdanken, dass ich neben Deutsch und Englisch auch fließend Russisch und Iwrit spreche. Obwohl ich in Deutschland aufgewachsen bin, ist mir die osteuropäische Kultur und Mentalität nicht fremd. Ich empfinde es als hilfreich, mit den Menschen in unseren Gemeinden in ihrer Sprache sprechen zu können.

Weiteres Rüstzeug haben Sie durch das Studium und die spätere berufliche Praxis erhalten?
Ich habe in Trier Volkswirtschaftslehre und Rechtswissenschaften studiert und mich auf Wirtschaftsrecht sowie auf Bank- und Kapitalmarktrecht spezialisiert. Später habe ich in Frankfurt und Saarbrücken in Rechtsanwaltskanzleien gearbeitet. Zudem war ich seit 2005 im Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz stellvertretender Vorsitzender. Eines der großen Projekte war die Nachverhandlung des Staatsvertrags, die wir 2011 erfolgreich mit der Verdoppelung der Mittel abgeschlossen haben. All diese Erfahrungen und Kenntnisse sind hilfreich für meine Tätigkeit im Zentralrat.

Was war Ihre Motivation, sich für die Tätigkeit des Geschäftsführers des Zentralrats zur Verfügung zu stellen?
Es war eine bewusste Entscheidung. Und diese Entscheidung habe ich mir gewiss nicht leicht gemacht. Seitdem ich denken kann, ist meine Familie – und damit auch ich – in der jüdischen Gemeinschaft aktiv. Ob im Jugendzentrum, auf Machanot, bei den Tfilot, im christlich-jüdischen Dialog, in Ausschüssen oder auf Vorstandsebene. Die Zukunft des Judentums in Deutschland ist mir eine Herzensangelegenheit.

Sie erwähnten die Jugendarbeit. Wird das ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit sein?
Jugendarbeit ist ein ganz wichtiger Punkt. Der Zentralrat hat sich ja schon in den vergangenen Jahren stark engagiert: Vor allem die Jewrovision und der Jugendkongress sind da zu nennen, aber auch das Young Jewish Professionals-Programm für junge Erwachsene. Alle Veranstaltungen wurden von den jungen Leuten sehr gut angenommen. Ich bin davon überzeugt, dass die jungen jüdischen Menschen in Deutschland mehr Jüdischkeit wollen. Und hier ist es an uns allen, das Interesse und das Engagement von jungen Juden für das Judentum zu wecken und aufrechtzuerhalten.

Bereits in Trier waren Sie politisch aktiv. Inwieweit ist diese Erfahrung von Nutzen für Ihre Tätigkeit hier in Berlin?
Das politische Engagement war mir immer wichtig. Unabhängig davon, welcher Religion man angehört, sollte man sich als mündiger Bürger in Deutschland einmischen und seine Meinung äußern. Man sollte sich nicht nur beschweren, sondern seinen Beitrag dazu leisten, Dinge zum Positiven zu verändern.

Das Interview führten Heide Sobotka und Detlef David Kauschke