25 Jahre Hochschule für Jüdische Studien
sind ein bedeutsames Jubiläum – bedeutsam für die jüdische Gemeinschaft, und
bedeutsam für unsere gesamte Gesellschaft.
Gewiss: 25 Jahre sind für eine Hochschule – zumal in Heidelberg – noch
kein Alter, sondern erst ein Anfang. Aber es ist nicht nur ein Anfang, sondern
auch ein Neubeginn vor dem Hintergrund einer länger zurückreichenden Tradition.
Die Tatsache, dass es seit nunmehr zweieinhalb Jahrzehnten wieder eine
Hochschule für Jüdische Studien in Deutschland gibt, ist in jeder Hinsicht ein
freudiger und hoffnungsvoll stimmender Grund zum Feiern. Ich freue mich sehr,
aus diesem Anlass heute wieder bei Ihnen zu sein.
Jüdisches Leben in Deutschland ist nicht möglich ohne beiderseitige Erinnerung
an die Vergangenheit. Die Suche nach einer deutsch-jüdischen „Normalität“ (wie
immer diese einmal aussehen mag), darf nicht dazu führen, das Geschehene zu
verdrängen. Die Shoah als finsterstes Kapitel der jüdischen wie der deutschen
Geschichte bildet den unauslöschlichen Hintergrund unseres Miteinanders.
Normalität heißt nicht Vergessen. Normalität im deutsch-jüdischen Verhältnis
bedeutet zuallererst Erinnerung und Verantwortung.
Die Erinnerung darf sich aber nicht allein auf die Zeit der NS-Diktatur
beschränken. Sie reicht weiter zurück und umfasst auch viele Fälle gelungenen
Miteinanders, aus denen wir Hoffnung für die Zukunft schöpfen können. Unsere
Verantwortung besteht darin, jüdischem Leben in Deutschland zu umfassender
Akzeptanz und Respektierung zu verhelfen und freie Entfaltungsmöglichkeiten für
jüdische Kultur zu schaffen.
Die Möglichkeit, gerade in Deutschland Kultur, Geschichte und Religion des
Judentums in seiner ganzen Vielfalt studieren, d.h. wieder studieren zu können, ist von größter Bedeutung.
Herr Dr. Korn hat die jüdischen Lehr- und Lernstätten als
„Kristallisationskerne einer möglichen zukünftigen jüdischen Kultur in
Deutschland“ bezeichnet.
Dieses Bild ist sehr passend, denn Kristalle zeichnen sich nicht nur durch ihre
Individualität und Schönheit aus. Sie brechen das Licht in bunte Farben und
geben dem Betrachter die Möglichkeit, die Dinge und sich selbst in neuem Licht
zu sehen. Kristalle wachsen nach eigenen Gesetzen und sind zugleich in ihrem
Wachstum offen, um auch Fremdes einzubeziehen.
Die Hochschule für Jüdische Studien ist ein solcher Kristallisationskern. Was
hier in 25 Jahren entstanden ist und sich beständig weiter entwickelt,
bereichert nicht nur die jüdische Kultur, sondern das gesamte akademische Leben
in Deutschland.
Die Bedeutung der Hochschule reicht weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus.
Sie vermittelt nicht nur Wissen, sie führt auch Menschen unterschiedlichen
Glaubens zusammen. Jüdische wie nichtjüdische Studentinnen und Studenten lernen
miteinander, und sie lernen voneinander in der täglichen Begegnung. Das
gemeinsame Studium ist lebendiger interreligiöser Dialog, der über die
Studierenden als Multiplikatoren hinaus seine Wirkung entfaltet.
Dieser direkte Austausch ist die notwendige Voraussetzung für gegenseitige
Verständigung und ein friedliches Zusammenleben von Angehörigen verschiedener
Kulturen und Religionen. Alle in Deutschland lebenden Menschen sollen sich
ungeachtet ihrer jeweiligen kulturellen und religiösen Herkunft der
Gesellschaft zugehörig fühlen können.
Die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger kennen gleichermaßen die Mühen und
die Chancen der Integration. Die Zuwanderung aus den Staaten der ehemaligen
Sowjetunion hat die jüdischen Gemeinden vor eine große Aufgabe gestellt. Sie
hat die Gemeinden nicht nur zahlenmäßig vergrößert, sondern das jüdische Leben
auch verändert. Viele der Zuwanderer sind im jüdischen Glauben nur wenig oder
gar nicht verwurzelt. Zugleich ist die liberal-progressive Richtung erstarkt.
Solche Veränderungen sind nicht immer frei von Konflikten. Aber die hoffnungsvollen
Zeichen für eine Annäherung mehren sich. Ich bin überzeugt, dass die
Entwicklung der vergangenen Jahre insgesamt zu einer Stärkung der jüdischen
Gemeinschaft in all’ ihrer Vielfalt führen wird.
Gerade angesichts der neuen Aufgaben für die jüdische Gemeinschaft in
Deutschland werden Institutionen benötigt, in denen die ganze Vielfalt des
Judentums gelehrt wird. Besonders wichtig ist es, dass hier in Deutschland
Religionslehrer und Rabbiner für alle Richtungen innerhalb des Judentums
ausgebildet werden. Denn sie kennen dann auch den kulturellen Hintergrund und
die Lebensbedingungen in Deutschland, was die Integration der Zugewanderten
erleichtert. In diesem Sinne dürfte auch eine Zusammenarbeit mit Einrichtungen
wie dem Abraham Geiger Kolleg ertragreich sein.
Anrede,
zuletzt habe ich die Hochschule für Jüdische Studien 2001 zur Einweihung des
Ignatz-Bubis-Lehrstuhls besucht. Seither hat es entscheidende Neuerungen –
weitere Kristallbildungen – gegeben, die ich sehr begrüße. Mit dem Wintersemester
2001/2002 wurde der Studiengang für Religionslehrer mit dem Abschluss
„Staatsexamen“ eingerichtet. Ebenfalls seit drei Jahren besteht die Möglichkeit
einer Rabbinerausbildung, die durch Stipendien gefördert wird.
Der „Renaissance des Judentums in Deutschland“, von der Sie, sehr verehrter
Herr Spiegel, gesprochen haben, scheint also auch eine Renaissance der
Rabbinerausbildung zu folgen. Das ist – aus meiner Sicht – ein wichtiger
Schritt zu einer künftigen Normalität jüdischen Lebens in Deutschland. Ich
hoffe sehr, dass bald die ersten in Deutschland ausgebildeten Rabbiner ihre
Arbeit in den Gemeinden aufnehmen können.
Anrede,
bei allen positiven Entwicklungen und neuen Ansätzen zu einem gedeihlichen
Zusammenleben dürfen wir aber nicht nachlassen, den leider immer noch
virulenten Antisemitismus mit allen Mitteln zu bekämpfen. Vor wenigen Tagen hat
in München der Prozess wegen eines geplanten Anschlags während der
Grundsteinlegung für das Jüdische Gemeindezentrum am 9. November 2003
begonnen. Der Attentatsplan beweist, dass Antisemitismus auf keinen Fall
verharmlost werden darf. Wir alle müssen wachsam bleiben und entschlossen allen
Anwandlungen von Antisemitismus und Intoleranz entgegentreten.
Im Talmud heißt es: „Jeder Einzelne soll sich sagen: Für mich ist die Welt
erschaffen worden, daher bin ich mit verantwortlich.“ Im vorigen Jahrhundert
sind zu wenige Menschen der Verantwortung für ein friedliches Miteinander
gerecht geworden. Das nimmt uns heute umso mehr in die Pflicht.
Anrede,
über die 1870 in Berlin gegründete Hochschule für die Wissenschaft des
Judentums hat einer ihrer letzten Studenten, Nathan Peter Levinson, berichtet:
„In der Tat war diese Hochschule eine Insel innerhalb eines brandenden Meeres.
Draußen war die Gewalt, der Schrecken, die Einschüchterung, die Entrechtung.
Innerhalb der Mauern und Lehranstalt fühlte man sich wie in einer anderen Welt,
der Welt des Geistes, die nicht bezwungen werden kann.“
Diese unbezwingbare Kraft des Geistes verkörpert exemplarisch Leo Baeck, der
letzte Oberrabbiner vor 1933 und gleichzeitig letzte Rektor der Hochschule für
die Wissenschaft des Judentums. Levinson erzählt, wie Baeck in Zeiten höchster
Bedrängnis, im Wintersemester 1940, über Grundgedanken des Judentums
dozierte. Er sprach über die Macht, die nur dazu da ist, um zugrunde zu gehen;
jede Idee dagegen bleibe, denn die Idee ist unvergänglich auch in Katastrophen.
Die noch junge Jüdische Hochschule hier in Heidelberg trägt dazu bei, die
unzerstörbare Idee des Judentums und die Traditionen jüdischen Geistes lebendig
zu halten. Ich wünsche der Hochschule für Jüdische Studien weiterhin eine
fruchtbare Entwicklung, viele engagierte Studenten und erfolgreiche
Absolventen.
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