14. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2014 | 30. Nissan 5774

Seiner Zeit voraus

Der jüdische Unternehmer Oscar Troplowitz entwickelte die Nivea-Creme und war ein Pionier sozialer Betriebsführung

Von Zlatan Alihodzic

Es wird kaum jemanden in Deutschland geben, der die blaue Dose mit der bekannten Hautcreme-Marke nicht kennt. NIVEA – der weiße Schriftzug prangt markant auf der strahlend blauen Dose. Warum aber hat man eine riesige Dose mit den dicken Buchstaben vor die Klinkerfassade des Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten gerollt? Nein, die Kulturstätte hat sich nicht auf Werbung verlegt. Vielmehr zeigt das Museum dieser Tage – genauer: vom 16. März bis 17. August – eine Ausstellung über den jüdischen Kosmetik- und Pharmahersteller Oscar Troplowitz, der vor 103 Jahren die Nivea-Creme entwickelt hat und der im Lauf seiner unternehmerischen Laufbahn aber auch eine Reihe anderer bis heute bekannter Marken wie das medizinische Klebeband Leukoplast und den Lippenpflegestift Labello auf den Markt gebracht hat.
Die Ausstellung widmet sich jedoch nicht Troplowitz’ Produkten, sondern seinem Leben und seiner Tätigkeit als sozialer Unternehmer und Kunstmäzen. Gleich zu Beginn des Rundgangs grüßt eine Postkarte aus der schlesischen Stadt Troplowitz, nach der sich die Familie des Unternehmers benannt hat. „Das war Mitte des 19. Jahrhunderts gar nicht unüblich. Jüdische Familien wählten ihre Namen zum Beispiel nach Berufen, aber auch nach Orten“, erzählt Thomas Ridder, Kurator des Jüdischen Museums Westfalen. Auch eine Kopie der Geburtsurkunde fand den Weg aus dem Beiersdorf-Archiv nach Dorsten.
Am liebsten wäre Troplowitz, 1863 im oberschlesischen Gleiwitz zur Welt gekommen, Künstler geworden. Sein Vater drängte ihn jedoch dazu, eine Ausbildung zum Apotheker zu machen, was er auch bei seinem Onkel Gustav Mankiewicz tat. Später studierte Troplowitz Pharmazie in Breslau und promovierte 1888 in Heidelberg. Nach seinem Militärdienst verlobte er sich in Posen mit der Tochter seines Onkels und arbeitete in dessen Apotheke.
1890 übernahm der ambitionierte Apotheker die damals mit elf Mitarbeitern noch kleine Firma von Paul Carl Beiersdorf in Altona und stellte sie neu auf. Zunächst war vereinbart worden, dass Beiersdorf ein Jahr lang im Unternehmen bleiben sollte, um eine geordnete Übernahme der Geschäftsführung zu ermöglichen. In Wirklichkeit aber sei Beiersdorf schon nach sechs bis acht Wochen ausgestiegen, berichtet Thomas Ridder: „Es hat zwischen den beiden nicht funktioniert. Troplowitz meinte, man müsse ein Produkt regelmäßig bewerben und ihm einen Namen geben, um es bekannt zu machen. Für Beiersdorf aber war Werbung marktschreierisch und unseriös.“ Troplowitz zahlte ihn aus und traf die Entscheidungen in der Firma fortan allein.
Unter neuer Leitung wuchs Beiersdorf – den Firmennamen behielt Troplowitz – zu einem Großunternehmen heran. Durch Rationalisierung in den Abläufen der Firma entließ Troplowitz zunächst einige der Mitarbeiter, konnten doch große Versandaktionen mit weniger Personal durchgeführt werden. Als die Umsätze aber stiegen, stellte der Unternehmer die Entlassenen wieder ein und bald noch viele mehr. Die Produkte aus der Hamburger Fa­brik gingen um die Welt. In der Dorstener Ausstellung sind rund 110 Jahre alte Bestellkarten aus Japan, Südafrika und Australien zu sehen. 1914 beschäftigte die Firma in Deutschland 500 Mitarbeiter und war in 29 Ländern tätig. Heute ist die Beiersdorf AG ein Konzern mit fast 17.000 Mitarbeitern und 150 Tochterfirmen.
Pionier war Troplowitz aber nicht nur bei Produktinnovationen, sondern auch als sozial bewusster Unternehmer. So begrenzte er die Arbeitszeit in seinem Betrieb bereits 1892 und bot der Belegschaft Sozialleistungen. Auch beteiligte er seine Mitarbeiter am Erfolg. Er richtete eine Sparkasse und eine Pensionskasse ein, reduzierte im Lauf der Zeit die Wochenarbeitszeit weiter und gewährte unbezahlten Urlaub – drei Tage pro Jahr. „Darüber lächeln wir heute“, sagt Thomas Ridder. „Doch damals war es eine wichtige Errungenschaft. Troplowitz hat das nicht in der Rolle eines väterlichen Pa­triarchen getan. Er vertrat die Meinung, dass seine Mitarbeiter ein Recht auf diese Leistungen hatten.“
Sich selbst leistete Troplowitz auch einigen Luxus, vor allem den, Zeit für andere Projekte zu haben. Sein Inte­resse an der Architektur konnte er in der Hamburger Baudeputation bei der Stadtplanung ausleben: Er war in der Bürgerschaft vertreten und baute eine Kunstsammlung auf. „Aber auch da hat er sozial gedacht und Arbeiten von jungen Künstlern gekauft oder ihnen Aufträge verschafft“, erzählt Ridder.
Als 1925 seine schneeweiße Hautcreme erstmals in der sattblauen Dose auf den Markt kam, war Oscar Troplowitz bereits sieben Jahre tot. Er war am 27. April 1918 in Hamburg an einem Hirnschlag gestorben; sein Name geriet weitgehend in Vergessenheit.

„Oscar Troplowitz – Sozialer Unternehmer und Kunstmäzen“:
Jüdisches Museum Westfalen,
Dorsten, Julius-Ambrunn-Straße 1
Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 10 bis 12.30 Uhr und von 15 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr
Eintritt: 4 Euro, ermäßigt 1,50 Euro