14. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2014 | 30. Nissan 5774

Entschlüsselt

Eine Lehrveranstaltung an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg führte Studenten in die Zahlenexegese ein

Von Esther Graf

Aus Buchstaben werden Wörter, aus Ziffern Zahlen gebildet. Eine Binsenweisheit, die aber nicht immer galt. Man denke nur an die alten Römer, die Buchstaben verwendeten, um Zahlen auszudrücken. Erst recht innig und komplex ist die Beziehung zwischen Buchstaben und Zahlen im Judentum. Nicht nur kommt jedem der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets ein Zahlenwert zu, sodass das hebräische Datum und die Zahlen im Tanach mit Buchstaben abgebildet werden. Vielmehr wurde und wird der Zahlenwert von Buchstaben und Wörtern auch zur Exegese genutzt. Welche Wörter in der Tora haben denselben Zahlenwert, und welche Bedeutung kommt solcher nummerischer Gleichwertigkeit zu? Das ist nur eine von vielen Möglichkeiten, Zahlen als Hilfsmittel zur Entschlüsselung von Bedeutungen und Botschaften zu verwenden.
Die überragende Rolle, die den Zahlen im Judentum zukommt, war für die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg (HfJS) ein Grund, diesem Thema in dem jetzt zu Ende gegangenen Wintersemester eine besondere Lehrveranstaltung zu widmen. Unter dem Titel „Bibel Code entschlüsselt: Zahlenexegese in der jüdischen Tradition“ brachten Prof. Dr. Hanna Liss und Prof. Dr. Daniel Krochmalnik Studierenden die faszinierende Welt der Deutung des biblischen Textes mittels verschiedener Zahlenspiele näher.
Die Studierenden sollten ihr Instrumentarium im Umgang mit der Heiligen Schrift erweitern und eine wichtige Form der Schriftauslegung kennenlernen. Das Proseminar wurde vom Lehrstuhl für Bibel und Jüdische Bibelauslegung und dem Lehrstuhl für Jüdische Religionslehre angeboten. Die Interdisziplinarität machte deutlich, dass die numerischen Deutungen weit mehr als Zahlenspielereien sind, sondern vielmehr bis in die Gegenwart als Zahlenexegese ein Charakteristikum der jüdischen Bibelauslegung sind. Unter den rund 20 Teilnehmern befanden sich auch Theologiestudenten der Universität Heidelberg.
Ein Schwerpunkt der Lehrveranstaltung waren die 32 Auslegungsregeln der Schule des kurz nach der Zeitenwende lebenden Gelehrten Rabbi Akiwa. Akiwa lehrte, kein Wort, kein Buchstabe, kein Strich sei zufällig in der Tora. So berichtet es jedenfalls der Babylonische Talmud (Menachot 29b). Akiwa war überzeugt, dass in jedem Schriftzeichen ein tieferer Sinn stecke, eine göttliche Botschaft, die es herauszufinden gelte. In den numerischen Werten der Buchstaben der Heiligen Schrift meinte der große Schriftgelehrte eine Zahlenharmonie zu entdecken, die von der Vollkommenheit der Tora zeuge.
Ein weiteres Gebiet, mit dem sich das Proseminar befasste, war der zahlen­exegetische Tora-Kommentar des mittelalterlichen Gelehrten Jakob ben Ascher (ca. 1270–1340), dessen Werk bis heute viel beachtet ist. Auch mit dem kosmologischen Code der Abhandlung Sefer Jetzira, die später die Kabbala erheblich beeinflussen sollte, setzten sich die Studenten auseinander.
Das Seminar vermittelte aber nicht nur Fakten, sondern zeigte auch, wie sehr Zahlen ein ständiger Begleiter des jüdischen Denkens und des jüdischen Alltags sind. So spielen Zahlen bereits auf den ersten Seiten der Tora eine entscheidende Rolle. Alef, der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets hat den Zahlenwert eins und steht auch für die Einzigkeit Gottes und die Einheit mit seiner Schöpfung. Der zweite Buchstabe, Bet, entspricht der Ziffer zwei und damit den Dualitäten der Schöpfung: Tag und Nacht, Himmel und Erde, Land und Wasser, Mann und Frau. Waw hat als sechster Buchstabe den Zahlenwert sechs und erinnert an die Zahl der Tage der Schöpfung, während der siebte Buchstabe, Sajin, mit der heiligen Zahl sieben den Schabbat und damit die Vollendung verkörpert. Dies wird sinnfällig im siebenarmigen Leuchter, der Menora, symbolisiert.
Ein anderes Symbol der Vollendung ist der 10. Buchstabe des hebräischen Alphabets, das Jod. Es besteht nur aus einem kurzen Strich. Durch seine Einzigkeit steht es für den unnennbaren Gottesnamen. Im ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, Alef, ist das Jod doppelt vertreten: rechts oben und links unten. Beide sind durch ein schräg gestelltes Waw verbunden, das in seiner isolierten Form für „und“ steht (hebräisch: we). Das führte in den rabbinischen Schriften der Spätantike zu weiteren Interpretationen. Die Rabbinen bezogen die Kombination der drei Striche im Alef auch auf den Menschen als Ebenbild Gottes. Der Mensch an sich besteht aus zwei Wesen – aus Mann und Frau. Versteht man ihn so, vereinigen sich im „Jod“ Mann und Frau, also Fünf und Fünf. Im Alef steht – so die traditionelle Deutung – die rechte Seite (Himmel) für den Mann und die linke Seite (Erde) für die Frau. Durch die Vereinigung von Mann und Frau trägt der Mensch den göttlichen Funken in sich.
Die in der jüdischen Mystik angewandten Zahlenspiele werden unter dem Begriff Gematria zusammengefasst. Hierbei werden mit den Zahlenwerten Rechnungen angestellt, aus denen anschließend neue Wörter gebildet werden oder ein Bezug zu sinnbeladenen Begriffen hergestellt wird. Die hebräischen Wörter für „eins“ und „Liebe“ („echad“ und „ahawah“) haben, um nur ein Beispiel zu geben, jeweils den Zahlenwert 13. Wenn „eins“ für Gott steht, ergibt sich daraus, dass Gott die Liebe ist.
Zahlen begegnen uns aber nicht nur in der Exegese, sondern auch im Alltag, etwa in den zwei Schabbat-Kerzen, den drei Tellern für den Tu BiSchwat-Seder, den vier Arten zu Sukkot oder den fünf Speisen auf der Seder-Platte. Spenden und Geldgeschenke wiederum werden gern als ein Vielfaches der Zahl 18 festgelegt, setzt sich doch 18 aus 8 – das entspricht dem Buchstaben Chet – und aus 10 – also Jod – zusammen. Damit steht 18 für „Chai“, auf Deutsch „lebt“, und gilt als Glückszahl.