14. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2014 | 30. Nissan 5774

Unvergessene Helden

Gedanken zum Jom Ha-Schoa

Der 27. Nissan – in diesem Jahr fiel das hebräische Datum auf den 28. April – ist der in Israel und in großen Teilen der jüdischen Welt begangene Gedenktag für die Schoa und das Heldentum. Es ist der Tag, an dem unsere kollektive und unsere persönliche Erinnerung ineinander übergehen. An diesem Tag gedenken wir der sechs Millionen Opfer der Katastrophe – das bedeutet das Wort Schoa –, die über unser Volk hereingebrochen ist. Wir gedenken nicht nur des unermesslichen Verlustes, den die Schoa gefordert hat, sondern auch des jüdischen Heldentums.
Leider ist „Held“ in der modernen Welt ein häufig missbrauchtes Wort. Es gab und gibt aber auch echte Helden, Menschen, die aus einer inneren Kraft heraus und mit beispiellosem Mut etwas bewältigen, was sie nicht nur über die Masse hinaushebt, sondern was sie sich selbst vorher kaum zugetraut hätten. Wenn man das als Maßstab setzt, gab es in der dunkelsten Zeit unserer Geschichte unzählige Helden.
Ihr Mut hatte viele Gesichter. Schätzungen zufolge nahmen mehr als 90.000 Juden am Widerstand gegen die Nazis und ihre Verbündeten teil. Wer die Möglichkeit hatte, griff zur Waffe. In vielen Ländern kämpften jüdische Partisanen gegen den Feind. Sie kämpften Schulter an Schulter mit nichtjüdischen Widerständlern ebenso wie in eigenen jüdischen Einheiten. So unvorstellbar schwer jeglicher Partisanenkampf war, so hatten es Juden vielerorts angesichts mangelnder Unterstützung durch das zivile Hinterland noch unvergleichlich schwerer als Nichtjuden. Dennoch schafften sie es, einen Beitrag zum Kampf gegen die Besatzer zu leisten. Oft konnten sie auch anderen Juden das Leben retten.
Wem die Chance zum bewaffneten Kampf verwehrt blieb, trug anders zum Widerstand bei, sei es als Kurier des Untergrunds, sei es als Dokumentenfälscher, sei es als Organisator. Dabei setzten sich jüdische Widerständler – von den Besatzern und ihren Helfern ohnehin gejagt – bei konspirativer Arbeit einem besonders hohen Risiko aus. Das nahmen sie in Kauf.
Oft ging es nicht mehr um Rettung noch um Sieg, sondern darum, Menschenwürde zu wahren. Dafür erhoben sich jüdische Kampforganisationen in Ghettos gegen die Nazi-Mörder. Der Aufstand im Warschauer Ghetto ist der berühmteste, aber bei weitem nicht der einzige von ihnen. Aufstände gab es sogar in Vernichtungslagern. So aussichtslos das Aufbegehren militärisch war, so setzten die Aufständischen doch ein für alle Zeiten gültiges Zeichen des Mutes und bleiben für ewig ein Licht in der Finsternis.
Lange Zeit wurde Tapferkeit während des Holocausts vor allem mit bewaffnetem und konspirativem Widerstand assoziiert. Das ist aus der Sicht der Nachkriegszeit nachvollziehbar. Partisanen und Ghettokämpfer waren die sichtbarste, die nach außen ausdrucksstärkste Form der Fähigkeit, das ungeheure Schicksal nicht passiv hinzunehmen. Inzwischen wissen wir aber, dass Heldentum auch andere Formen annahm. In der Hölle auf Erden erforderte allein schon das schlichte Leben, ja das Lebenwollen, eine Kraft und eine Leidensfähigkeit, die alle Grenzen des Gewöhnlichen sprengten. Unermessliches Leid, Hunger, Schmerz, Verzweiflung und Angst waren keine bloßen Begleiter des Alltags. Sie waren der Alltag.
Im Ghetto eine weitere Woche zu überleben, die Familie so gut das ging zu beschützen, das eigene Leben für ein Stück Brot zu riskieren. Im Konzentrationslager unmenschlich schwere Zwangsarbeit zu leisten. Jeder weitere Schritt auf dem Todesmarsch. Das waren Heldentaten. Auch Kinder wurden – viel zu früh für ihr Alter – zu Helden. Zehnjährige halfen jüngeren Geschwistern zu überleben. Enkel standen ihren Großeltern bei. Wenn wir vom Heldentum sprechen, dürfen wir all das für keinen einzigen Augenblick vergessen.
Im Übrigen engt der Jom Ha-Schoa weha-Gwura das Gedenken nicht auf den bewaffneten Widerstand ein. In dem Gesetz, mit dem die Knesset diesen Gedenktag in den fünfziger Jahren einführte, heißt es wörtlich: „Der 27. Nissan ist der jährliche Gedenktag für die Katastrophe und für das Heldentum, dem Andenken an die Katastrophe, die die Nazis und ihre Helfer dem jüdischen Volk bereitet haben und dem Andenken an Taten des Heldentums und des Aufstands in jenen Tagen gewidmet.“ Den Vätern des Gesetzes war bewusst, dass sich Mut in keine enge Kategorie pressen lässt.
Wir wissen aber auch etwas anderes: Heldentum endete nicht mit der Befreiung. Es ist unendlich wichtig, dass wir die Tapferkeit würdigen und ehren, die die Überlebenden nach dem Ende der Schoa an den Tag gelegt haben. Sie waren der Hölle entronnen, doch brannte ihr Feuer in ihnen weiter. Sie lebten in zwei Zeiten: dem Jetzt und dem Damals. Alpträume verblassten ein wenig, wenn der neue Tag begann, aber nur, um später mit voller Wucht wiederzukommen. Angstzustände, Depressionen – auch das war Alltag der Überlebenden. Und dennoch schafften es die meisten, ihre Ausbildung wieder aufzunehmen, einen Beruf zu ergreifen, von Erfolg zu Erfolg zu schreiten. Sie gründeten Familien, zogen Kinder groß. Aber immerdar griff nach ihnen der Abgrund. Wer das nicht an der eigenen Seele erlitten hat, kann nicht begreifen, was das Leben nach dem Überleben bedeutete. Selbst Kinder der Überlebenden, die das Grauen, in dem ihre Eltern lebten, doch hautnah mitbekamen, sahen das Inferno nur von außen.
Ohne die Kraft der Überlebenden, die ihnen den Aufbau eines neuen Lebens möglich machte, wären auch wir, die Nachgeborenen, heute nicht auf der Welt. Die der Vernichtung Entronnenen haben nicht nur überlebt und ihr Leben fortgesetzt. Sie haben auch ein Fundament für künftige Generationen gelegt. Uns wird kein Heldentum solcher Art abverlangt. Dafür müssen wir dankbar sein. Wir müssen aber bewusst das uns von den Überlebenden weitergegebene Judentum hüten, wahren und auch unsererseits weiterreichen. Das sind wir unseren Helden, unseren Eltern und Großeltern sowie all denjenigen schuldig, die die Schoa nicht überlebt haben. Dieser Gedanke muss uns an allen Tagen des Jahres bewegen, sollte aber am Jom Ha-Schoa weha-Gwura klar und deutlich ausgesprochen werden.

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