14. Jahrgang Nr. 3 / 28. März 2014 | 26. Adar II 5774

Israelis, Juden, Amerikaner

Studie zur Identität israelischer Auswanderer in den USA zeigt ein komplexes Bild

Israelis, die in den USA leben – gängigen Schätzungen zufolge rund eine halbe Million, inklusive der in Amerika geborenen Kinder wahrscheinlich 700.000 –, lösen bei ihren daheim gebliebenen Landsleuten, aber auch bei gebürtigen amerikanischen Juden gemischte Gefühle aus. Vielen „echten“ jüdischen Amerikanern gelten sie als nicht wirklich dazugehörig. In Israel werden sie teils mit Abneigung als „Jordim“ (zu Deutsch: Absteiger), teils mit Neid betrachtet.
Die Rückkehr möglichst vieler dieser „Jordim“ in den Judenstaat ist ein erklärtes Ziel der israelischen Regierung. In der Praxis jedoch deutet nichts auf eine Massenrückwanderung hin. Wohl gibt es jedes Jahr Israelis, die den Atlantik wieder ostwärts überqueren, gleichzeitig aber bleiben die USA ein Anziehungspunkt für neue Auswanderer.
Vor kurzem legte der Israeli American Council – eine in den USA beheimatete Organisation, die sich dem Aufbau einer aktiven israelisch-amerikanischen Gemeinschaft verschrieben hat – die Ergebnisse einer unter in den USA lebenden Israelis durchgeführten Umfrage vor. Wie die Autoren der Erhebung selbst erklären, ist die Auswahl der Befragten nicht unbedingt für die gesamte israelischstämmige Bevölkerungsgruppe repräsentativ. Vielmehr wurden die 1595 befragten Personen aus den Datenbanken israelisch-amerikanischer Organisationen ausgewählt und weisen daher wahrscheinlich eine überdurchschnittliche Bindung an Israel auf. Dennoch bietet die Studie wichtige Erkenntnisse.
Bei der Befragung wurde auch die Aufenthaltsdauer in den USA erfasst. Damit lässt sich eine mit der Zeit zunehmende Amerikanisierung der zugewanderten Israelis nachweisen. So bezeichnen sich 83 Prozent der Befragten, die fünf Jahre oder weniger in den USA leben, nur als „Israelis“, während 17 Prozent sich als „Israelis und Amerikaner“ definieren. Nach einem Aufenthalt von mehr als zehn Jahren bekennen sich bereits 45 Prozent zu einer israelisch-amerikanischen Identität; nach zwanzig Jahren steigt dieser Anteil auf 73 Prozent.
Gleichzeitig geht die Bindung an Israel mit zunehmender zeitlicher Distanz zurück. Nach bis zu zehn Jahren USA-Aufenthalt erklären 93 Prozent der Befragten, Hebräisch auf dem Niveau einer Muttersprache zu beherrschen. Nach mehr als zehn Jahren geht dieser Anteil auf 76 Prozent zurück. Auch geben die „Alteingesessenen“ diese Sprache in weitaus geringerem Maße an ihre Kinder weiter: Die Kinder beherrschen bei einem bis zu zehnjährigen US-Aufenthalt ihrer Eltern zu 53 Prozent Hebräisch wie eine Muttersprache, bei den Kindern „Alteingesessener“ sind es nur 19 Prozent.
Die Häufigkeit der Israel-Besuche und die Intensität der Kontakte zu in Israel verbliebenen Verwandten bleiben auch nach vielen Jahren relativ hoch, aber nicht so hoch wie in der ersten Zeit nach der Übersiedlung. Zumindest in der Tendenz ähnelt diese Entwicklung dem Verhaltensmuster von Immigranten aus anderen Ländern.
Allerdings zeigt die Erhebung auch, dass die abnehmende Israel-Bindung keine Assimilation in einem nichtjüdischen Land bedeuten muss. 51 Prozent der befragten „Neulinge“, die bis zu zehn Jahren in den USA leben, pflegen vorwiegend mit anderen Israelis Umgang. Dagegen sind es bei den länger in der neuen Heimat Lebenden nur noch 33 Prozent. Indessen werden neue soziale Kontakte größtenteils innerhalb der amerikanisch-jüdischen Bevölkerung geknüpft. 24 Prozent der Neulinge, aber 36 Prozent der alteingesessenen Israelis zählen israelische ebenso wie amerikanische Juden zu ihren wichtigsten Freunden, während ein relativ kleiner Prozentsatz hauptsächlich mit amerikanischen Juden, nicht aber mit anderen Israelis in engem Kontakt steht. Unter dem Strich haben 79 Prozent der „Neulinge“ und 75 Prozent der „Alteingesessenen“ einen vorwiegend jüdischen Freundeskreis.
Ein weiteres Indiz für jüdisches Bewusstsein der befragten US-Israelis ist ihre relativ niedrige Mischehen-Rate. 4 Prozent der verheirateten „Neulinge“ und 8 Prozent der „Alteingesessenen“ haben nichtjüdische Ehepartner, während die Quote bei Kindern der „Alteingesessenen“ bei 17 Prozent liegt. Zum Vergleich: Die Mischehen-Rate bei US-Juden insgesamt wird insgesamt auf 58 Prozent geschätzt.
Wie gesagt: Es gibt wohl auch Israelis in den USA, deren Bindung an Israel und das Judentum schwächer ist. Dennoch belegt die Umfrage des Israeli American Council, dass zumindest ein Großteil der israelischen Emigranten trotz der wachsenden Amerikanisierung ihrer jüdischen Identität treu bleibt, auch wenn ihr Selbstverständnis eine besondere Ausprägung haben mag. Damit sind gute Voraussetzungen für eine langfristige konstruktive Rolle israelischer Juden im jüdisch-amerikanischen Leben gegeben. Und Israel bietet die massive Präsenz von Israelis zwischen New York und Kalifornien, so gern man sie in Tel Aviv oder Jerusalem hätte, Möglichkeiten zum Bau vielfältiger Brücken zu den USA. Das gilt nicht nur in der Politik, sondern auch, vielleicht sogar hauptsächlich, in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur.

zu