14. Jahrgang Nr. 3 / 28. März 2014 | 26. Adar II 5774

Gefährlicher Kredit

Ab dem 15. Jahrhundert wurden Juden in die Nische risikoreicher Kurzdarlehen gedrängt – für Antisemiten ein gefundenes Fressen

Von Heinz-Peter Katlewski

Juden und Zinsen: Für den Judenhass des europäischen Mittelalters war der angebliche „jüdische Wucher“ jahrhundertelang ein prägendes Motiv – und geistert bis heute durch einschlägige Gesinnungstümpel.
Dass Juden in den Geldverleih durch Bestimmungen getrieben wurden, die gegen sie von der christlichen Umwelt verhängt worden waren, war den antisemitischen Propagandisten von jeher egal. Dabei war Juden seit den Kreuzzügen mit ihren blutigen Pogromen die Mitgliedschaft in christlichen Handwerkszünften verwehrt. Untersagt waren ihnen auch der Erwerb von Grundbesitz und die Beteiligung am überregionalen Warenaustausch. Das hatte im Jahre 1179 das 3. Laterankonzil, eine Konferenz hochrangiger christlicher Gelehrter und Würdenträger, beschlossen. Christen wiederum hatte die Kirche das Geldverleihen und Zinsennehmen verboten. Mangels anderer Alternativen wurde somit damals der Geldverleih ein wichtiger Erwerbszweig für Juden – unter christlicher Marktregelung, was aber ebenfalls oft verdrängt wird.
Das aber ist nicht alles. Ein interessanter Aspekt der abendländischen Finanzwirtschaft kam im vergangenen Monat bei einer Tagung zur jüdischen Wirtschaftsgeschichte vom Spätmittelalter bis in die Moderne an der Katholischen Akademie Stuttgart zur Sprache. Zu der Tagung hatte das „Interdisziplinäre Forum Jüdische Geschichte und Kultur der frühen Neuzeit“ eingeladen.
Wie Christoph Cluse, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Promovend am Trierer „Arye Maimon-Institut für die Geschichte der Juden“ an der Universität Trier, ausführte, waren Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts auch zahlreiche christliche Kapitalgeber am Kreditwesen beteiligt und machten dieses zu einem einträglichen Geschäftsbereich, in dem sie selbstverständlich Zinsen verlangten.
Dabei wurden jüdische Kreditgeber, so eine von Cluse aus den zum deutschen Sprachraum angestellten Forschungen für seine Dissertation gezogene Schlussfolgerung, vor allem in die Nische kurzfristiger Barkredite abgedrängt. Solche Darlehen wurden benötigt, um einen in der Zukunft erhofften Geschäftserfolg – zum Beispiel eine erst einzufahrende und zu verkaufende Ernte – vorzufinanzieren. Saatgut, Aussaat, Pflege des Ackers und Einbringung der Feldfrüchte kosteten bereits viele Monate, bevor das Getreide gedroschen und auf dem Markt gebracht werden konnte, Geld.
Freilich waren die Erträge aus Ernte und Verkauf von vielen unkalkulierbaren Faktoren abhängig. Ungünstiges Wetter, Schädlingsbefall oder ein Überangebot auf dem Markt konnten das Ergebnis erheblich schmälern. Daher war die Rückzahlung recht unsicher. Um die Ausfallrisiken zu kompensieren, waren Geldverleiher darauf angewiesen, relativ hohe Zinsen zu verlangen. Es sei häufig vorgekommen, dass Kredite verfielen und dann jahrelang unbeglichen blieben, stellte Christoph Cluse fest. Die nicht gezahlten Zinsen addierten sich zur Schuldsumme, für die nun auch Zinsen anfielen – sogenannte Zinseszinsen. Mit den Jahren konnten die zu zahlenden Beträge dann schnell ansteigen.
Cluse glaubt, dass die meisten Menschen des Spätmittelalters die relativ einfache Bruchrechnung, die der Zinskalkulation zugrunde liegt, nicht nachvollziehen konnten und die Kreditnehmer deshalb oft nicht wussten, welche Verpflichtungen sie eingingen. Auf den damals üblichen Rechenbrettern ließ sich das jedenfalls schlecht darstellen. Von den Gerichten aber wurden Schulden, Zins und Zinseszins in der Regel anerkannt, zumal auch damals schon ordentliche, detaillierte und unter Zeugen verfasste Kreditverträge gebräuchlich waren, die Hauptkapital, Zinssätze, Rückzahlungstermine und Sicherheiten aufführten. Das konnte bei der Stuttgarter Tagung David Schnur, ebenfalls Mitarbeiter des Arye Maimon-Instituts an der Universität Trier, schlüssig nachweisen. Grundlage für diese Erkenntnis ist eine vollständige Sichtung von Gerichtsakten aus dem 14. Jahrhundert der einstigen freien Reichstadt Friedberg in Hessen.
Dass Juden damals einen unangemessenen Zins verlangten oder ihre Schuldner betrogen, findet darin keine Bestätigung. Die Bedingungen ihrer Geschäftstätigkeit seien schließlich von den weltlichen Obrigkeiten geregelt worden, erläuterte die Professorin für jüdische Geschichte, Birgit Klein von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Aber auch die jüdischen Institutionen hätten darauf geachtet, dass es in ihren Gemeinden keine schwarzen Schafe gab. Das sei zum einen durch die Verbreitung von Tora-Auslegungen geschehen, die den Betrug an Nichtjuden missbilligten, zum anderen aber auch durch eigene strafbewehrte Rechtsverordnungen. Am bekanntesten seien die „Takkanot“ (halachische Vorschriften) des Joseph von Rosheim. Der elsässische Rabbiner war selbst Geldverleiher von Beruf. Er galt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Vertreter der Juden beim „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“. 1530 verlas er auf dem Reichstag zu Augsburg die jüdischen Bestimmungen zu Geldverkehr und Handel mit Christen.
Das Spätmittelalter war gleichwohl die Zeit, in der Juden immer häufiger mit allerlei Verdächten konfrontiert und aus den freien Reichstädten vertrieben wurden. Nur in wenigen verblieb eine jüdische Gemeinde. Die frühe Neuzeit ab dem 16. Jahrhundert habe, so Birgit Klein, eine Ära des Landjudentums begründet und damit auch eine Zeit, in der neue Berufe ergriffen worden seien. Ab dem 17. Jahrhundert spielt mit dem aufkommenden Merkantilismus das Geldgewerbe für einige wenige Juden noch einmal eine größere Rolle. Sie besorgten als Hofjuden für ihre Fürsten Geld, das die unter anderem in Infrastruktur und Wirtschaft investierten. Spätestens die preußischen Reformen des frühen 19. Jahrhunderts ersetzten die Hofjuden aber durch moderne Banken, erläuterte der emeritierte Hamburger Historiker Professor Arno Herzig am Beispiel der preußischen Provinz Schlesien. An einigen waren auch Juden, aber kaum noch aus den alten Finanzeliten, beteiligt.