14. Jahrgang Nr. 3 / 28. März 2014 | 26. Adar II 5774

„Kinder abreisen 17 Uhr 13“

Kölner Ausstellung dokumentierte die „Kindertransporte“ aus Deutschland, mit denen 19.000 jüdische Kinder und Jugendliche vor den Nazis gerettet werden konnten

Von Ute Glaser

Amelie, Gymnasiastin aus Bergisch Gladbach, ist 16 und damit genauso alt wie Siggy Reichenstein, der jüdische Junge, der auf dem Schwarzweißfoto so ernst vom Balkon in die Kamera blickt – in Köln, der Stadt, die er im Mai 1939 für immer verlassen wird. Denn Siggy reiste mit einem sogenannten Kindertransport nach England – ohne Eltern, ohne Geschwister. Es war eine Rettungsaktion seines Schuldirektors Dr. Ernst Klibansky, der nach und nach alle Klassen des jüdischen Kölner Gymnasiums Jawne nach England verlegen wollte. Es glückten ihm vier Transporte, die 130 Schüler und Schülerinnen retteten, darunter Siggy, der von seiner Familie jedoch nur den Bruder wiedersehen sollte – ihn fand er viele Jahre nach Kriegsende durch den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes.
Amelie kann nicht begreifen, „dass so viele Menschen sterben mussten, vor allem grundlos.“ Sie schaut fassungslos. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“
Genau das ist der Grund, warum Amelies Religionslehrerin Sabine Ophvisen mit 22 evangelischen Oberstufen-Schülern des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums Bergisch Gladbach nach Köln in die Kartäusergasse 9 gekommen ist. Dort war im Haus der Evangelischen Kirche die Ausstellung „Kinder abreisen 17 Uhr 13 – Erinnerungen an Polenaktion und Kindertransporte 1938/39“ von Mitte Januar bis Ende März zu sehen.
Dieses Thema an einem außerschulischen Lernort kennenlernen zu können, ist in den Augen der Lehrerin eine „großartige Chance“. Zumal die Ausstellung die Verfolgung und Rettung durch individuelle Rettungsgeschichten anschaulich macht. Es sind berührende Schicksale von Mädchen und Jungen, dargestellt durch große Fotos, prägnante Texte sowie Zitate und Videos der heute erwachsenen Kinder von damals.
Rainer Lemaire vom Schulreferat des Hauses der Evangelischen Kirche erläutert der Schülergruppe nicht nur die Exponate, sondern lässt die Gymnasiasten einige Aspekte anhand von Briefen und anderen historischen Dokumenten selbst erarbeiten.
Vincent, 17, hört aufmerksam zu, als Lemaire Zahlen nennt: 19.000 jüdische Kinder wurden durch Kindertransporte des „Hilfsvereins der Juden in Deutschland e. V.“ gerettet, davon mindestens 463 aus dem Rheinland und mindestens 260 aus Westfalen. Großbritannien nahm über 10.000 jüdische Kinder auf, nachdem die „Reichskristallnacht“ und die „Polenaktion“ Ende 1938 gezeigt hatten, wie sehr die jüdische Existenz in Deutschland bedroht war. Bei der „Polenaktion“ waren 17.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder mit polnischen Pässen nach Polen zwangsabgeschoben worden. Von den 19.000 dank der Kindertransporte geretteten jungen Menschen gelangten rund 5.000 ins britische Mandatsgebiet Palästina.
„Kinder abreisen 17 Uhr 13. Abschied in der Schule“ lautete eins von Schuldirektor Klibanskys Telegrammen an die Eltern. Er selbst konnte – kurz nach der Zwangsschließung aller jüdischen Schulen – sich und seine Familie nicht mehr retten: Sie wurden im Juli 1942 bei der Deportation erschossen. „Ich finde es sehr berührend, dass einige ihr Leben eingesetzt haben“, sagt Vincent.
Ob Naftali Bezem aus Essen, der als Künstler in Tel Aviv arbeitet, Kölnerin Sarah Amiram (Perlmann), die in einen Kibbutz ging, oder Henny Franks (Henriette Grünbaum), die sich in London immer noch als „kölsches Mädel“ betrachtet: „Wir haben mit allen Zeitzeugen gesprochen“, erläutert Adrian Stellmacher vom Ausstellungs-Team. „Seit 2010 haben wir recherchiert und Interviews geführt.“
„Wir“ das sind außer dem Museums­pädagogen Stellmacher die Historikerinnen Dr. Cordula Lissner und Dr. Ursula Reuter sowie der Fotograf Axel Joerss. Sie bereiteten ein Thema auf, das in Deutschland weitgehend brachlag. „Das Thema Kindertransporte wurde noch nie richtig erforscht“, sagt Stellmacher. „So eine umfassende Ausstellung zeigen wir mit als Erste.“ Das sei umso wichtiger, als der Begriff Kindertransporte meist falsch assoziiert werde: „Die Leute verbinden ihn mit Deportation, nicht mit Rettung.“
Den Anstoß zur Ausstellung gab Lore Robinson (Michel), die auf einem der historischen Fotos fröhlich am Gartenzaun ihres Kölner Elternhauses klettert. Die Jawne-Schülerin kam im Juni 1939 nach England, hängt aber bis heute an ihrer alten Schule, an die nur noch der Lern- und Gedenkort Jawne (www.jawne.de) erinnert. Ihn besucht die knapp 90-Jährige fast jährlich. Eines Tages habe sie gemeint, erinnert sich der ehrenamtlich im Lernort Jawne tätige Stellmacher, wir müssten unbedingt etwas zu den Kindertransporten machen. „Es wird langsam Zeit, wir sind so alt“, habe sie gedrängt.
Beim Besuch der Ausstellung lesen die Gymnasiasten, wie Margot Showman (Fajgman) in letzter Sekunde das rettende Visum erhielt. Und sie hören, dass Siggys Schwester Helga statt solchem Glück großes Pech widerfuhr, das sie das Leben kostete: Ihr Visum kam, aber als sie es abholen wollte, hatte die Botschaft schon geschlossen. „Ich habe selbst einen Migrationshintergrund“, sagt Thomas, 17. „Da finde ich es sehr traurig, dass die Schwester nicht mitkommen konnte.“ Niklas, 16, lobt den Ausstellungsbesuch: „Hier kann man sich viel besser in das Thema reinversetzen.“ Jorin, 15, stimmt zu: „In der Schule ist man in so einer Standardeinstellung: Ach, Schule! Man nimmt hier alles ernster auf.“
Von unschätzbarem Wert war der im Rahmen der Ausstellung veranstaltete Zeitzeugen-Abend. Henny Franks berichtete von dem scheinbar so einfachen Anfang ihrer Reise: „Eines Tages hat meine Mutter mir gesagt: Ihr fahrt nach England.“ Auf diese Weise überlebten Henny und ihre Geschwister. Ihre zwei Cousins aber wurden von den Nazis ermordet.
Um die Breitenwirkung der Ausstellung zu steigern, haben die Veranstalter sie nicht nur ins Internet gestellt, wo sie unter www.kindertransporte-nrw.eu zu sehen ist. Vielmehr sind sie auch bereit, die Exponate Interessenten an anderen Orten zu überlassen.