14. Jahrgang Nr. 3 / 28. März 2014 | 26. Adar II 5774

Jewrovision feiert Bar Mitzwa

In Hamburg erlebten 1300 Zuschauer einen Showabend zum Erwachsenwerden

Von Moritz Piehler

Überall Ballons und Banner, der verlockende Geruch von Cupcakes weht durch die sonst eher nüchternen Hallen des Congress Center Hamburg. Vereinzelt ist ein Teenagerkichern aus den Seitengängen zu vernehmen, hier und da sieht man einen glitzernden Kleidzipfel oder einen schimmernden Lackschuh um die Ecke huschen. Von ferne hallen schon die ersten Anfeuerungsrufe durch das Gebäude und bei näherem Hinschauen wird dann auch klar, was hier geschieht: In Hamburg wird die größte Bar Mitzwa des Landes gefeiert.
Genau dies – die Bar Mitzwa – war auch das Motto der diesjährigen Jewrovision, dem vom Zentralrat der Juden in Deutschland ausgerichteten Gesangswettbewerb jüdischer Jugendzentren. Passender hätte es kaum sein können, denn die Veranstaltung fand zum 13. Mal statt. Was läge da näher, als das traditionelle Alter des Mündigwerdens, das Ende der Kindheit und die Übernahme von Verantwortung als Thema auszurufen? Das nahmen sich die Gruppen bei der Umsetzung ihrer Konzepte, ungeachtet der Partystimmung und der Tanzlaune, durchaus sehr zu Herzen. Mal ging es in den Liedern um das Hadern mit der Religion, mal um philosophisch-essenzielle Fragen, gar um den Kampf zwischen Gut und Böse – von den Frankfurtern mit imposanten Engeln und Teufeln in Szene gesetzt.
Zentralratspräsident Dr. Dieter Graumann freute sich über das wachsende Event und begrüßte die Zuschauer und jedes Jugendzentrum gesondert mit herzlichen Worten. „Wir präsentieren hier Judentum von seinen besten Seiten. Freundschaft, Zukunft, Zuversicht und unseren ewig jüdischen Spirit“, stellte er fest.
Das Publikum ließ sich gern mitreißen. Besonders die Kölner taten sich als jubelfreudige Unterstützer ihrer Kandidaten hervor. Ob das wohl an der Karnevalszeit in ihrer Heimatstadt lag? Vielleicht waren ihre Vertreter als Vorjahresgewinner ein bisschen enttäuscht, dass der Wettbewerb nicht am Sitz des Siegers stattfand, sondern erstmals vom Zentralrat bestimmt wurde. Umso kräftiger sorgten die Kölner mit Gejubel und Gejohle für ein wenig kölsche Heimspielstimmung an der Alster. Aber auch andere Jugendzentren hatten viele Fans mitgebracht, die lautstark anhaltende Sprechchöre und Anfeuerungen zum Besten gaben. Insgesamt war das Kongresszentrum mit 1300 Besuchern prall gefüllt.
Die Jewrovision ist inzwischen ein Großereignis geworden und reicht von der Professionalität her nahezu an das große Vorbild, den Eurovision Song Contest, heran. Zwei große Video-Leinwände, eine riesige Bühne mit einer spektakulären Lichtshow und einer gigantischen LED- Projektionsfläche, auf der die Teams ihre Vorstellungen mit eindrucksvollen Hintergrundbildern unterlegen konnten, beeindruckten. Präsentiert wurde die Show von Susan Sideropoulos, die wie Dr. Graumann es einleitend beschrieben hatte, mit „Elan, Temperament und ihrem großen jüdischen Herzen“ durch den Abend führte. Für die gebürtige Hamburgerin war es natürlich eine besondere Freude, zum zweiten Mal als Moderatorin dabei zu sein. Sideropoulos, die mittlerweile ihren eigenen Fanclub hat, tat ihr Bestes, um die Stimmung hochzuhalten, und begeisterte die Zuschauer immer wieder zwischen den Gedichten, mit denen sie jede einzelne Stadt vorstellte.
Das Hamburger Jugendzentrum Chasak hatte sich im Vorfeld große Hoffnungen gemacht, besonders nachdem ihm vergangenes Jahr in München nach Jahren der Mittelmäßigkeit ein toller vierter Platz gelungen war. Mit Xenia Fuchs, die als erfahrene Leiterin aus Berlin gekommen war, ist in Hamburg ein frischer Wind ins Jugendzentrum eingekehrt. Das machte sich bei der Performance bemerkbar. Fuchs war nach dem Auftritt mit ihrem Team hoch zufrieden und erhoffte sich als Gastgeber einen Platz auf dem Siegertreppchen. So sollte es auch kommen: Am Ende landeten ihre Tänzer und auf dem dritten Platz, die beste jemals notierte Platzierung einer Hamburger Gruppe. Für den Sieg reichte es aber nicht, denn Olam Berlin und Jachad Köln machten den ersten Platz unter sich aus. Den Pokal durften schließlich erneut die Kölner im Konfettiregen entgegennehmen. Es ist bereits der vierte Titel für die Domstädter, die zuvor eine famose Eröffnungsnummer geboten hatten. Mit ihrem Stück „Mama, jetzt bin ich ein Mann“ schafften sie es, das Thema des Abends mit Glamour und Elan umzusetzen.
Aber das Schöne an diesem Wettbewerb ist ja gerade, dass sich mit den hochprofessionellen Auftritten der großen etablierten Jugendzentren auch kleine neue und unbekanntere Gruppen messen und vor allem auch austauschen können. Die Jugendzentren aus Fürth und Oldenburg waren erstmalig am Start. Und der Premierenauftritt der Oldenburger war ein ganz wunderbares Rührstück mit einfachen Mitteln, das auch bei der Jury durchaus gut ankam.
Letztlich zeigt die Jewrovision die ganze Vielfalt und Lebendigkeit jüdischen Lebens in Deutschland. Dazu tragen vor allem auch die kurzen Videos bei, mit denen sich die Jugendzentren vorstellten und die ein ums andere Mal mit viel Witz und Kreativität das junge jüdische Leben in all seinen Facetten präsentierten. Auch hier gab es einen Preis zu gewinnen. Diesen erhielt völlig verdient die amüsante Frankfurter Einreichung, die eine kurze Liebesgeschichte rund um eine Bar Mitzwah-Feier inszenierte. Der Abend zeigte auch das neugewonnene Selbstbewusstsein einer ganzen jungen Generation. Die Bremer formulierten es in ihrem Song am besten, sie sangen: „Wir verändern die jüdische Welt Stück für Stück, so wie sie uns gefällt!“
Dass der Wettbewerb durchaus auch ein Startschuss für vielversprechende Talente sein kann, bewies zum Abschluss der ehemalige Gewinner Joseph Feinstein, der mit seiner Band für Unterhaltung sorgte und verhinderte, dass dem ein oder anderen kleineren Besucher die Augen schon vor der Siegerehrung zufielen. Am Ende konnte man mit Fug und Recht sagen: Die Jewrovision ist spätestens mit dieser Ausgabe erwachsen geworden.