14. Jahrgang Nr. 3 / 28. März 2014 | 26. Adar II 5774

Aus den Gemeinden – Jüdisches Leben

European Jewish Congress

Ende Februar hielt der European Jewish Congress (EJC) seine diesjährige Tagung in Wien ab. Bei einem Zusammentreffen von Spitzenvertretern des EJC mit dem österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer hat der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, ein klares Bekenntnis zu Israel gefordert. Dr. Graumann warb in dem intensiven und lebhaften Gespräch dafür, zur Freundschaft mit Israel zu stehen und den diversen hässlichen, unfairen Boykottversuchen entschlossen zu widerstehen. Auch dem Iran mit seinen nuklearen Ambitionen müsse weiter energisch entgegengetreten werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe die Sicherheit Israels zum Teil der deutschen Staatsräson erklärt. Solche Zusicherungen wünsche er sich auch von anderen Politikern in Europa, gerade auch in Österreich, betonte Dr. Graumann gegenüber Präsident Fischer.
Der Präsident des European Jewish Congress, Moshe Kantor, sprach vor allem die nukleare Bedrohung Israels durch den Iran an. Es müsse weiterhin Druck auf den Iran ausgeübt werden, damit das gesamte Atomprogramm des Landes heruntergefahren werde. Ebenso waren der steigende Antisemitismus in einigen europäischen Ländern wie Ungarn und Frankreich sowie die anstehenden Europawahlen Thema des Gesprächs.

Auszeichnung

Gemeinsam mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) hat die Stadt Stuttgart die diesjährige Otto-Hirsch-Auszeichnung der Initiative Gedenkstätte Killesberg zuerkannt. Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn überreichte die Auszeichnung an den Sprecher der Initiative, Fritz Röhm. Vorstandssprecherin der IRGW und Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, Barbara Traub, und Bürgermeister Dr. Martin Schairer, evangelischer Vorsitzender und Vorstandssprecher der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, sprachen der Initiative Gedenkstätte Killesberg ihre Anerkennung aus.
Die Bürgerinitiative engagiert sich für die Erinnerung an die mehr als 2000 Juden, die 1941 und 1942 von den damaligen „Sammellagern Killesberg“ in Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden. Die Otto-Hirsch-Auszeichnung wird seit 1985 an Persönlichkeiten verliehen, die sich um die christlich-jüdische Zusammenarbeit verdient gemacht haben. Sie erinnert an den 1941 im Konzentrationslager Mauthausen ermordeten ehemaligen Präsidenten des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg Otto Hirsch.

Ehrung

Dem ungarischen Schriftsteller György Konrád wurde am 9. März 2014 in Kiel die Buber-Rosenzweig-Medaille des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit verliehen. In der Urkunde, die der jüdische Präsident des Koordinierungsrates, der Augsburger Rabbiner Dr. Henry G. Brandt, verlas, wurde Konrád als überzeugter Europäer gewürdigt. In einer Zeit wachsender Skepsis und Distanz zu Europa erinnere der Preisträgerkontinuierlich daran, dass die Werte der Aufklärung und Demokratie in Europa geboren worden seien, so Brandt. Konrád setze sich in seinen Büchern und Essays darüber hinaus auch mit seinen eigenen jüdischen Wurzeln auseinander und verstehe sich als säkularer Jude tief eingebettet in die Kultur und Geschichte Europas.
Konrád wurde am 2. April 1933 in der Nähe von Debrecen geboren. 1944 konnte er sich mit Hilfe nichtjüdischer Ungarn einer Deportation nach Auschwitz entziehen und flüchtete nach Budapest. Dort versteckte er sich bis zum Kriegsende bei Schweizer Botschaftsangehörigen. Seine schriftstellerische Karriere startete er in den sechziger Jahren. Sein autobiografisch gehaltener Debütroman „Der Besucher“ erschien 1969 und wurde europaweit ein großer Erfolg. In späteren Büchern und Essays äußerte er Kritik am sozialistischen Gesellschaftsmodell und entwickelte in seinem 1985 veröffentlichten Band „Antipolitik. Mitteleuropäische Meditationen“ Ideen zu einer europäischen Friedensordnung in einer Föderation der Vereinigten Staaten von Europa.

Aufführung

Im Berliner Konzerthaus wurde im März das Konzert-Drama „Defiant Requiem“ des amerikanischen Dirigenten Murry Sidlin erstmals in Deutschland aufgeführt. Das Musikstück erzählt die Geschichte der 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt von Gefangenen inszenierten Aufführung des Requiems von Giuseppe Verdi. Das Requiem wurde in Theresienstadt insgesamt 16 Mal aufgeführt. Die Geschichte dieser Inszenierung wird im „Defiant Requiem“ mit Musik, Filmsequenzen und Zeitzeugen-Interviews nacherzählt.

Kinder

Im Berliner Ariella-Verlag ist eine von Bruno Landthaler und Hanna Liss verfasste Nacherzählung des ersten Buches der Tora, Bereschit, erschienen. Das Buch richtet sich vor allem an junge Leser und will den in Deutschland bestehenden Mangel an kindgerechten jüdischen Nacherzählungen des Tanach beheben. Das Buch ist illustriert und wurde von den Verfassern mit Einleitungen und Kommentaren versehen. Es handelt sich um den ersten Band einer geplanten fünfbändigen Reihe, die alle Bücher der Tora umfassen soll.

Bremerhaven

Die jüdische Gemeinde in Bremerhaven hat einen neuen Friedhof eingeweiht. Das 2000 Quadratmeter große Gelände wurde der Gemeinde von der Stadtverwaltung übergeben. Der bisherige knapp 250 Jahre alte jüdische Friedhof der Stadt ist bereits voll belegt, sodass die Schaffung neuer Beisetzungsstätten dringend erforderlich war.

Münster

Im Alter von 101 Jahren ist Marga Spiegel, Holocaust-Überlebende und Mitglied der Jüdischen Gemeinde Münster, verstorben. 1912 als Marga Rothschild geboren, überlebte sie die NS-Verfolgung in Deutschland. Ab 1942 lebte sie im Versteck und unter falscher Identität im Münsterland. Marga Spiegel war bis ins hohe Alter aktiv und trat oft öffentlich als Zeitzeugin auf. Sie war die Tante des 2006 verstorbenen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Paul Spiegel.

Erfurt

In Erfurt ist Hannelore Cars, die letzte jüdische Erfurter Überlebende nationalsozialistischer Konzentrationslager und Mitglied der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, im Alter von 89 Jahren verstorben. Hannelore Cars hatte das KZ Theresienstadt überlebt und gehörte nach dem Holocaust zu den Wiederbegründern der jüdischen Gemeinde in Erfurt.