14. Jahrgang Nr. 3 / 28. März 2014 | 26. Adar II 5774

Generation Zukunft

Junge Menschen spielen eine immer wichtigere Rolle in unserer Gemeinschaft – und werden von uns allen nach Kräften unterstützt

Von Dieter Graumann

Die Geschichte der Wüstengeneration ist ein faszinierender Aspekt des Auszugs aus Ägypten, den wir Jahr für Jahr zu Pessach feiern. Wie in der Tora berichtet wird, verloren die Kinder Israel ihren Mut und ihre Zukunftszuversicht, als die von Moses nach Kanaan entsandten Kundschafter das Land schlechtredeten und als uneinnehmbar darstellten. Zur Strafe durften sie das Verheißene Land nicht betreten. Diese Erzählung zeigt uns, dass grundlegende gesellschaftliche Umwälzungen oft lange dauern können – länger als das Leben einer Generation. Was eine Generation begonnen hat, wird von der nächsten fortgesetzt und vollbracht.
Das gilt – ohne, dass wir uns mit biblischen Gestalten vergleichen wollten – auch für den Aufbau der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik, wobei wir in diesem Fall vielleicht von zwei „Wüstengenerationen“ sprechen sollten. Den Grundstein für ein neues jüdisches Leben im Nachkriegsdeutschland legten Holocaust-Überlebende, die so wichtige Pionierarbeit hier leisteten. In ihre Mentalität – Stichwort „Wir sitzen auf gepackten Koffern“ – wurde auch die erste jüdische Nachkriegsgeneration hineingeboren. Jeder Jude, der im Deutschland der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre groß geworden ist, kennt die inneren Kämpfe, den Widerspruch zwischen der eigentlich so klaren Dauerhaftigkeit des Lebens in Deutschland auf der einen Seite und dem Wunsch, dies nicht einmal sich selbst einzugestehen, auf der anderen. Allmählich änderte sich auch das. Neue jüdische Institutionen, neue Synagogen und Gemeindezentren entstanden. Selbstverständlich war diese Entwicklung aber lange Zeit nicht. So gesehen waren auch die Nachgeborenen lange Jahre eine Wüstengeneration, Menschen im Übergang.
Heute sind oder werden Enkel der Schoa-Überlebenden groß. Auch sie wuchsen nicht frei von Schatten der Vergangenheit auf, doch stellten die meisten das Leben in Deutschland nicht mehr infrage. Die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion trug dann auch entscheidend zur Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens bei. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Wer nämlich aus der Ex-UdSSR nach Deutschland kam, tat es aus freien Stücken. Junge Menschen aus Zuwandererfamilien, die hier geboren wurden oder doch den größten Teil ihres Lebens hier verbracht haben, stärken die Zukunftsbasis unserer Gemeinschaft. Das ist die gute Nachricht: Den beiden Wüstengenerationen folgt nun eine „Generation Zukunft“.
Junge Juden sind Ärzte und Ingenieure, Sozialarbeiter und Krankenpfleger, Schriftsteller und Künstler, Lehrer und Professoren und üben viele andere Berufe aus, die die deutsche Gesellschaft bereichern. Die jüngeren unter ihnen sind Schüler und Studenten und richten sich auf ein Leben in Deutschland ein.
Auch in unseren Gemeinden spielen die Jüngeren eine immer wichtigere Rolle. Junge Erwachsene sind inzwischen Gemeinderäte und Vorstandsmitglieder, Gemeindemitarbeiter und Rabbiner. Die Jugendlichen bereichern ihr jüdisches Wissen in den Jugendzentren, auf Seminaren oder Machanot. Die jüdische Gemeinschaft kann sich glücklich schätzen, solchen Nachwuchs zu haben.
Hier zahlt sich auch aus, dass es in Deutschland eine gut ausgebaute jüdische Infrastruktur gibt. Wir wollen jedem, der sein Judentum leben will, den Rahmen dazu anbieten. Es ist ein nicht nur weiter, sondern auch ein pluralistischer Rahmen, in dem jeder seinen Platz findet.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist sehr glücklich darüber, die „Generation Zukunft“ nach Kräften zu unterstützen. Das tun wir in eigener Regie oder mit bewährten Partnern. Zu diesen gehört an erster Stelle die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt). Es ist nicht möglich, die Vielfalt und die Breite der von der ZWSt geleisteten Jugendarbeit in einem Satz zusammenzufassen, doch hat sie einen entscheidenden Anteil an Stärkung des Zusammenhalts und der jüdischen Identität der jungen Generation.
Gemeinsam mit der ZWSt veranstaltet der Zentralrat unter anderem den jährlichen Jugendkongress, bei dem junge Juden nicht nur über brennende Probleme jüdischen Lebens beraten, sondern auch ein Gefühl der Gemeinschaft erleben, das sie dann über das ganze Jahr begleitet. Beim diesjährigen Jugendkongress in Berlin durften wir 400 Teilnehmer begrüßen. Unser großer Gemeindetag im November war für uns alle ein Fest des Judentums, an dem auch viele junge Menschen teilgenommen haben. Und mit unserer Förderung des Birthright/Taglit-Programms, das jedem jungen Juden eine kostenfreie Kennenlern-Reise nach Israel ermöglicht, leisten wir einen weiteren wichtigen Beitrag.
Wir haben inzwischen auch die „Jewrovision“ weiterentwickelt: Im März in Hamburg haben so viele junge Menschen wir noch niemals zuvor daran teilgenommen und eine Begeisterung gelebt und transportiert, über die wir alle glücklich sein können. Die Bildungsabteilung des Zentralrats wiederum vermittelt innerhalb der jüdischen Gemeinden Wissen, das auch bei der Jugendarbeit hilfreich ist. In diesem Jahr stehen auf dem Programm ein Workshop zu jüdischer Kinder- und Jugendliteratur sowie Auswirkungen des Holocaust-Traumas auf die dritte Generation.
Selbstverständlich tun auch, ja doch vor allem, die Gemeinden sehr viel für die Jugend. Jugendarbeit ist ein Kernelement der Arbeit all unserer Gemeinden. Natürlich dürfen wir auch die Makkabi-Sportvereine nicht vergessen, die nicht nur die Körper stärken und den Charakter festigen, sondern auch die jüdischen Herzen ansprechen.
Kurzum: Was sich vor unseren Augen abspielt, ist der Aufbau eines Fundaments für viele künftige Generationen. Das dürfen wir ganz gewiss als einen historischen Vorgang bezeichnen, der das Judentum in Deutschland neubegründet. Es ist immer schön, unsere jungen Leute zu treffen, mit ihnen zu sprechen, ihre Lebensgeschichte zu hören und von ihren Träumen zu erfahren, ihren großartigen Sinn für Humor ebenso wie ihren reifen Realismus zu erleben. Ihr Drang nach jüdischem Wissen und ihr gelassenes, aber klares und ausgeprägtes jüdisches Selbstbewusstsein sind beeindruckend. Ich will mich nicht wie die sprichwörtliche jiddische Mamme anhören, aber ich gebe zu: Ich bin stolz auf unsere „Generation Zukunft“, und ich bin mir ganz sicher, dass sie ihr Judentum, ein lebendiges und pluralistisches Judentum, an die Generation ihrer Kinder weitergeben wird.
Damit sind wieder bei der Pessach-Geschichte angelangt, ist doch die Weitergabe jüdischen Wissens, jüdischen Glaubens und jüdischen Selbstbewusstseins der Kernauftrag einer jeden Generation von Juden. Am Seder-Abend sind wir angehalten „We-Higadeta le-Wincha“: Du sollst es deinem Sohn erzählen. Die Pflicht, unsere Kinder in der Tradition unserer Vorväter zu erziehen, besteht aber nicht nur am Abend des 15. Nissan. So schaffen wir eine Kette von Generationen, die niemals abreißen wird.
In diesem Sinne wünsche ich allen Mitgliedern jüdischer Gemeinden in Deutschland und allen Juden in der Welt von ganzem Herzen ein frohes Pessach-Fest. Pessach kascher we-sameach!

Dr. Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland