14. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2014 | 28. Adar I 5774

Kneifen ist keine Option

Der Jugendkongress 2014 befasste sich mit dem Antisemitismus in Europa

Von Alice Lanzke

Es ist eine Szene, bei der schon das Zusehen schwindelig macht: Ein gutes Dutzend ausgelassener junger Menschen hält sich an den Händen und dreht sich immer schneller im Kreis, während aus unzähligen Kehlen „Hava Nagila“ ertönt. Die Stimmung bei der Party des diesjährigen Jugendkongresses könnte besser nicht sein. Organisiert wurde das Treffen von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt) und dem Zentralrat der Juden in Deutschland – 400 junge Menschen aus ganz Deutschland sowie aus Polen, der Ukraine und Tschechien sind der Einladung nach Berlin gefolgt und feiern nun enthusiastisch am Abschluss des Kongresses.
Wenn man will, ist diese Party mehr als nur eine Feier. Vor dem Hintergrund des Themas, dem der Kongress gewidmet ist, – „Wie antisemitisch ist Europa heute“ – ist gerade diese Ausgelassenheit ein Signal der jungen Generation: Man nimmt den Antisemitismus zu Recht ernst, doch haben junge Juden in der Bundesrepublik nicht vor, sich das Leben verleiden zu lassen.
Als einen positiven Fokalpunkt sieht auch der Präsident des Zentralrats, Dr. Dieter Graumann, den Jugendkongress. Er sei stolz auf „unsere jungen Menschen“, sagt er. In seinen Augen hat die Veranstaltung eine essenzielle Bedeutung für den Zentralrat, aber auch für die Teilnehmer selbst: Denn diese sollten von dem Kongress das Gefühl mitnehmen, nicht allein zu sein. Graumann betont: „Wir bringen unsere jungen Menschen aus ganz Deutschland zusammen und zeigen, dass unser Judentum lebt, voller Intensität und begeistert der Zukunft zugewandt ist. Das soll dieser Jugendkongress transportieren.“
Das bedeutet, wie gesagt, nicht, dass das Thema des Treffens zweitrangig wäre. Im Gegenteil: Mark Dainow, Jugenddezernent des Zentralrats, erklärt: „Antisemitismus in Europa beschäftigt uns sehr.“ „Nie wieder“ ginge Politikern zwar leicht über die Lippen, doch insgesamt werde von der Politik zu wenig getan. Vorfälle in ganz Europa geben Dainows Kritik Recht: antisemitische Aufmärsche in Ungarn, judenfeindliche Demonstrationen in Frankreich und rassistische Proteste in Griechenland. Es sind Ereignisse wie diese, welche die jungen Teilnehmer des Kongresses beunruhigen – so auch die 24-jährige Studentin Anna. „In ganz Europa verstärkt sich die Bereitschaft, rechte Parteien zu wählen, das finde ich erschreckend“, sagt sie.
Schon der Eröffnungsabend macht die Dimension des Problems deutlich: Gezeigt wird ein Beitrag über Ungarn, ein Aufmarsch der rechtsextremen Jobbik-Partei flimmert über die Leinwände. Mit großen Augen sehen die jungen Menschen, wie ganz normale Bürger den Juden Schuld an allen sozialen Problemen geben. Zu den schlimmsten Jobbik-Hetzern gehörte bis vor knapp zwei Jahren Csanád Szegedi – bis herauskam, dass er selbst Jude ist. Szegedi wusste davon nichts, besuchte nach langem Hadern schließlich einen Rabbiner, fing an, Hebräisch zu lernen und trat schließlich aus der Jobbik-Partei aus – vor der er nun beim Kongress eindrücklich warnt.
Szegedi schlägt Skepsis entgegen – kein Wunder angesichts seiner früheren Hassreden. So erklärt eine Teilnehmerin, die selbst Ungarin ist: „Wegen Menschen wie Ihnen lebe ich nun in Deutschland.“ Szegedis Ausführungen spalten das Publikum, hinterlassen aber einen nachhaltigen Eindruck.
Uneingeschränkt beeindruckt zeigen sich die Kongress-Teilnehmer indes von Noah Klieger. Sein Programmpunkt am ersten Workshop-Tag ist schlicht als „Zeitzeugenbericht“ betitelt. Der 88-Jährige ist ein Überlebender der Schoa: „Man überlebte Auschwitz nicht, weil man kräftiger oder klüger war oder leben wollte. Man hatte Glück, denn es brauchte ein Wunder, um das zu überleben.“ Nicht wenige sind den Tränen nahe, als Klieger von seinen schier unaussprechlichen Erlebnissen berichtet.
Ein anderer Workshop trägt den Titel „Antisemitismus im Islam“: Propaganda-Forscher Ron Schleifer von der Universität Ariel analysiert judenfeindliche Karikaturen aus dem arabischen Raum. Dazu gehört die Zeichnung eines Mannes mit Hakennase, Schlachtermesser und Maschinenpistole in den Händen, auf dem Kopf eine Mütze mit Davidstern. „Wir sehen die Bildsprache des ‚Stürmer‘ – das antisemitische Bildklischee hat sich seither nicht geändert“, erläutert Schleifer.
In weiteren Workshops geht es um die Psychopathologie des Antisemitismus sowie Judenfeindlichkeit in Frankreich, Polen und Schweden. Viele Teilnehmer berichten davon, wie sie Antisemitismus unter dem Deckmantel der Israelkritik erleben.
Immer wieder wird während der Workshop-Tage zudem die Formel vom Antisemitismus als unheilbarer Krankheit genannt. Resignieren wollen die Teilnehmer aber nicht. „Antisemitismus ist eine Erscheinung, die war, ist und sein wird. Entweder wir setzen uns damit auseinander, um dagegen ankämpfen zu können, oder wir lassen es sein. Aber wenn wir es sein lassen, dann können wir direkt alle nach Israel auswandern“, meint der 22-jährige Arthur, um dann hinzuzusetzen: „Aber das ist nicht unser Ziel. Unser Ziel ist es, hier in Deutschland eine jüdische Gemeinschaft aufzubauen.“