14. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2014 | 28. Adar I 5774

Unrecht Gut

Die Nazis haben Hunderttausende von Kunstwerken geraubt / Ein großer Teil wurde bis heute nicht zurückgegeben

Von Brigitte Jähnigen

Kürzlich sorgte der sogenannte Fall Gurlitt für große Schlagzeilen. Wie im November 2013 bekannt wurde, waren in der Wohnung des Kunsthändlers Cornelius Gurlitt im Münchner Stadtteil Schwabing im Zuge einer Steuerfahndung fast 1300 Kunstwerke beschlagnahmt worden. Die Aktion hatte bereits im Februar und März 2012 stattgefunden, war aber von der zuständigen Staatsanwaltschaft bis zur Aufdeckung der Affäre durch das Wochenmagazin Focus geheim gehalten worden. Diese Geheimhaltung sorgte in Deutschland wie weltweit für Empörung – vor allem, weil vermutet wird, dass fast die Hälfte der Kunstwerke in der NS-Zeit ihren rechtmäßigen Eigentümern entwendet wurde.
Die Kunstsammlung hatte Cornelius Gurlitt von seinem Vater Hildebrand geerbt. Spätestens aufgrund dieser familiären Konstellation wurde aus dem Schwabinger Kunstfund ein Kunstkrimi: Hildebrand Gurlitt war nämlich einer der vier Kunsthändler, die während der Zeit des Nationalsozialismus vom Regime mit der Verwertung beschlagnahmter Kunstwerke beauftragt waren.
Kunstraub war ein integrales Element nationalsozialistischer Verfolgung. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP wurden viele deutsche Juden gezwungen, Kunstwerke aus ihrem Besitz weit unter Preis zu verkaufen – zum Teil um ihre Auswanderung finanzieren zu können. Viele Werke mussten aber ohne jegliche Gegenleistung zurückgelassen werden oder wurden einfach gestohlen. Auch unter den von Nazis als „entartete Kunst“ verunglimpften und konfiszierten Kunstwerken der Moderne befanden sich Objekte aus jüdischem Besitz.
Gleichzeitig wurde der Kunsthandel selbst „arisiert“. Damit fielen nicht nur jüdische Künstler, sondern auch Kunsthändler der „Kunstpolitik“ der Nazis zum Opfer. Einer von ihnen war der jüdische Auktionator Hugo Helbing in München. In den Jahren 1930 bis 1933 veröffentlichte Helbing zwischen 22 und 28 Auktionskataloge pro Jahr. 1934 waren es 13, 1935 nur noch 4, 1936 und 1937 erschien nur je 1 Katalog. Der Grund war der Entzug der Mitgliedschaft in der Reichskammer der bildenden Künste sowie die mit ihr verbundene Versteigerungserlaubnis. Helbing protestierte am 6. November 1935 mit einem Brief an die Industrie- und Handelskammer München – ohne Erfolg. Er besitze, so die Antwort, „nicht die erforderliche Eignung und Zuverlässigkeit, an der Förderung deutscher Kultur in Verantwortung gegenüber Volk und Reich mitzuwirken“. Zur Auflösung seines Geschäftes blieben Helbing vier Wochen.
Adolf Weinmüller, NSDAP-Mitglied seit 1931 und federführend in der Einflussnahme der „Entjudung“ des Münchner Kunstbetriebes, stand da schon in den Startlöchern, um die jüdische Konkurrenz zu „beerben“. Im Mai 1936 eröffnete Weinmüller sein eigenes Kunstversteigerungshaus in München, expandierte später nach Wien und nahm im Laufe der kommenden Jahre das Monopol als Kunstversteigerer in München ein. In einem Entnazifizierungsverfahren nach Kriegsende wurde Weinmüller lediglich als „Mitläufer“ eingestuft und konnte sein Geschäft 1948 wiedereröffnen. Helbing erlebte das Ende des Krieges nicht. In der „Reichskristallnacht“ 1938 wurde der Kunsthändler verhaftet und zusammengeschlagen. Drei Wochen später starb er an den Folgen seiner schweren Verletzungen.
Ein anderes Raubopfer war die Familie des Unternehmers und Kunstsammlers Harry Fuld. Das Werk „Le mur rose“, ein Ölbild auf Leinwand aus dem Atelier des französischen Vertreters der Klassischen Moderne Henri Matisse, befand sich in Fulds Sammlung. 1937 floh der Sohn des fünf Jahre zuvor verstorbenen Industriellen aus Nazi-Deutschland. Die Sammlung wurde eingelagert. 1941 wurden die privaten Kunstgegenstände der Sammlung von den Nazis beschlagnahmt. „Le mur rose“ gelangte in den Besitz des SS-Offiziers Kurt Gerstein. 1948 fanden französische Militärpolizisten das Gemälde in Thalheim/Baden-Württemberg. Erst 2008 restituierte der französische Staat das Gemälde an Fulds Erben. Nach einer Zwischenstation bei der medizinischen Organisation „Magen David Adom“ (Roter Davidstern) konnte das Jüdische Museum Frankfurt „Le mur rose“ im Januar 2010 kaufen. Hier schmückt es jetzt die aktuelle Ausstellung „1938. Kunst, Künstler, Politik“.
Der Kunstraub blieb nicht auf Deutschland beschränkt. Von 1939 bis 1944 plünderten nationalsozialistische Organisationen öffentliche wie private Sammlungen, Museen und Bibliotheken in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten. Insbesondere der „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ unter der Führung Alfred Rosenbergs, des Chefideologen des NS-Regimes, sowie die „Forschungs- und Lehrgemeinschaft Ahnenerbe“, die SS-Reichsführer Heinrich Himmler unterstand, konkurrierten beim Aufspüren und Abtransport von Kunstwerken und Archiven. Auch hier wurden insbesondere jüdische Besitzer Opfer des Raubs.
Die erbeuteten Kunstgegenstände sollten zum Teil in einem zu gründenden „Führermuseum“ in Linz ausgestellt, die geraubten Bibliotheken der „weltanschaulichen Forschung und Lehre“ zugeführt werden. Zur Devisenbeschaffung wurden Teile der Beutekunst auf dem internationalen Kunstmarkt, insbesondere über die Schweiz, angeboten. Die Stadt Basel entwickelte sich zum Hauptumschlagplatz. Ein nicht beträchtlicher Teil wertvoller Kunstwerke fand den Weg in die Privatsammlung von Reichsmarschall Hermann Göring.
Einer Schätzung zufolge fielen zwischen 1933 und 1945 insgesamt 600.000 Kunstwerke den NS-Räubern in die Hände: 200.000 in Deutschland und Österreich, 300.000 in Osteuropa und 100.000 im westeuropäischen Ausland. Von 1945 an wurde die Beutekunst von den Alliierten zu zentralen Sammelstellen (Central Collecting Points) gebracht, fotografiert, katalogisiert, auf ihre Herkunft überprüft und an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. 1949 stellte der Collecting Point seine Tätigkeit ein und übertrug seine Aufgaben dem Deutschen Restitutionsausschuss. 1952 wurde dieser von der Deutschen Treuhandverwaltung für Kulturgut abgelöst. Diese Dienststelle war dem Auswärtigen Amt angegliedert. In bestimmten Fällen trat finanzielle Entschädigung an Stelle der Rückerstattung. Als gemeinnützige Nachfolgeorganisation für erbenloses Beutegut trat die Conference on Jewish Material Claims against Germany auf.
Berühmte Gemälde, edle Stilmöbel, teures Porzellan, antiquarische Bücher: In Deutschland glaubt man, dass 80 Prozent der von Nazis geraubten Kunstschätze zurückgegeben wurden. Die unter www.errproject.org/jeudepaume frei zugängliche Datenbank – zusammengestellt von der Claims Conference und dem United States Holocaust Memorial Museum in Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv in Koblenz und einschlägigen Archiven in Frankreich und den USA – lässt indessen auf anderes schließen. Das ist nachvollziehbar. Zum einen waren die betroffenen Kunstwerke in viele Länder verstreut worden und in die Hände zahlreicher privater Besitzer und staatlicher Einrichtungen gelangt, während ein großer Teil der ursprünglichen Eigentümer von den Nazis ermordet worden oder nach dem Krieg verstorben war. Zum anderen aber hatten es und haben es die neuen Besitzer keineswegs immer eilig, nach NS-Raubkunst in ihren Sammlungen zu suchen.
Die Claims Conference glaubt, dass bisher nur die Hälfte der in der NS-Zeit geraubten Objekte an die Vorkriegsbesitzer zurückgegeben worden sind. Erst seit gut einem Jahrzehnt beschäftigen sich die Kunsthistoriker verstärkt mit der Herkunftsforschung („Provenienz“) der Werke. Der Weg eines Werkes zwischen Händlern und verschiedenen Besitzern ist in den wenigsten Fällen sorgfältig dokumentiert. Nach dem Gurlitt-Fund meldeten sich auch Museen, Historiker und Kunstexperten aus Polen. Wie das Kulturministerium in Warschau bekannt gab, stehen 60.000 im Krieg geraubte Kunstwerke auf einer Vermissten-Liste. Unter den Kunsthändlern, die zum Verkauf der Bilder berechtigt waren, sei auch Hildebrand Gurlitt gewesen. Raubkunst findet sich auch noch in holländischen Museen. Viele der dort ausgewiesenen 139 Kunstwerke sein ursprünglich in jüdischem Besitz gewesen, meldete die Berner Zeitung.. Auf der Website www.musealeverwervingen.nl sind all diese Gemälde, Zeichnungen und jüdischen Ritualobjekte zu sehen.
So gesehen, ist der „Schwabinger Kunstfund“ nur die Spitze eines Eisbergs. Allerdings rückte er das Problem geraubter Kunst schlagartig in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Dr. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, wies darauf hin, dass der sensationelle Fund wieder einmal sehr deutlich mache, dass der Holocaust nicht nur Massenmord, sondern auch Massenraubmord gewesen sei. Die entdeckten Kunstwerke seien stille Zeugen der schrecklichen Ungerechtigkeit der damaligen Zeit. Enteignung, Beraubung von und Hass gegenüber Juden hätten zur Tagesordnung gehört. Eine sorgfältige Recherche sei unumgänglich, jeder Fall sei genau zu rekonstruieren, um die rechtmäßigen Besitzer oder deren Nachkommen ausfindig zu machen. „Späte Gerechtigkeit ist besser als gar keine“, stellte der Zentralratspräsident klar.
Rüdiger Mahlo, Deutschland-Repräsentant der Claims Conference, die die Entschädigungsansprüche jüdischer NS-Verfolgter vertritt, erklärte, der Fall und der behördliche Umgang mit den aufgefundenen Kunstfunden schienen „symptomatisch für den Umgang mit NS-Raubkunst“ zu sein. Samy Gleitmann vom deutschen Freundeskreis des Tel Aviver Kunstmuseums erklärte, mit dem Schwabinger Kunstfund stelle sich 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland die Frage nach Recht und Moral. „Hier hat nachweislich ein Raub stattgefunden, und ich habe kein Verständnis für juristische Finessen, sodass die Werke am Ende Herrn Gurlitt zugesprochen werden“, so Gleitmann.
Eine Kommission unter Führung der ehemaligen Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach soll nun klären, welche Werke der Gurlitt-Sammlung als Nazi-Raubkunst anzusehen sind. Allerdings könnte der Fall Gurlitt zu einer unendlichen Geschichte werden. In Sachen Raubkunst sind nämlich nach der gegenwärtigen deutschen Rechtslage Eigentumsansprüche früherer Besitzer beziehungsweise deren Erben nach 30 Jahren erloschen, was das Unrecht freilich zu keinem Recht macht.
Wie geht es also weiter? Als ein Leitfaden für den Umgang mit dem Pro­blem war die 1998 beschlossene, internationale Washingtoner Erklärung zur Nazi-Raubkunst gedacht. Ihr Ziel ist es, eine „gerechte und faire Lösung“ für die Rückerstattung geraubter Kunst zu finden. Ob ein Werk während der Verfolgung durch die Nazis rechtmäßig den Besitzer wechselte oder geraubt wurde, richtet sich laut der Erklärung danach, ob ein angemessener Kaufpreis gezahlt wurde und ob der Verkäufer über den erhaltenen Betrag frei verfügen konnte. Allerdings ist die Erklärung für die Unterzeichnerstaaten rechtlich nicht bindend. Daher müssen juristisch gültige Lösungen erst ausgearbeitet werden. Inwieweit das gelingt, bleibt abzuwarten.