14. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2014 | 28. Adar I 5774

Geschenk mit Symbolkraft

Leonard Wien aus Miami spendet jüdischen Gemeinden in Deutschland restaurierte Torarollen

Steve Karro braucht eine ruhige Hand: Der Rabbiner aus Miami ist Toraschreiber, ein Beruf, für den Geduld und noch mehr Konzentration nötig ist. Denn jeder der 304.805 Buchstaben, die eine Tora enthält, muss per Hand auf Pergament geschrieben werden. Wird nur ein Fehler gemacht, ist die Torarolle unbrauchbar. Auch die Restaurierung von Torarollen gehört zu den Aufgaben eines Sofer, wie der Beruf auf Hebräisch heißt. Und mit einem solchen Auftrag war Karro in den vergangenen Monaten beschäftigt: Er restaurierte vier der Schriftrollen, die der Fürther Bezirksrabbiner Siegfried Behrens 1939 vor den Nazis versteckt hatte.
Behrens vergrub wahrscheinlich 20 Torarollen. Der Rabbiner wurde von den Nazis 1942 nach Polen deportiert und kehrte nicht zurück; seine Spur verliert sich im sogenannten Transitghetto Izbica bei Lublin. Die von ihm versteckten Rollen aber überstanden die NS-Zeit und konnten nach Kriegsende tatsächlich wiedergefunden werden. Allerdings hinterließ ihr Versteck Spuren: Frost und Feuchtigkeit griffen die Rollen an. Für eine Restaurierung fehlten die Mittel. So lagerten die Rollen in den Schränken der Jüdischen Gemeinde Fürth. Nur eine von ihnen konnte verwendet werden, allerdings sehr schonend. Das Auseinanderrollen des fragilen Pergaments war nur äußerst behutsam möglich. Daher kam das historische Objekt lediglich dann zum Einsatz, wenn zwei Rollen benötigt wurden. Sonst wurde eine neue, 2006 erworbene Torarolle genutzt.
In dieser Situation dachte der Fürther Rabbiner David Geballe schon darüber nach, einen Spendenaufruf für eine neue Torarolle zu starten. Dann aber hielt ihn ein Anruf aus den USA davon ab. Am Apparat: Steve Karro, der versprach, die Restauration von zwei der Fürther Torarollen zu übernehmen. Im Dezember 2013 war es so weit: Singend und tanzend feierten Gemeindemitglieder die Wiedereinbringung der Torarollen in die Synagoge in der Hallemannstraße.
Karro war von Leonard Wien beauftragt worden, einem in Miami lebenden jüdischen Geschäftsmann, der nicht nur der Fürther Gemeinde, sondern auch den Gemeinden in Dresden, Berlin, Leipzig, Hamburg und Göttingen restaurierte Torarollen geschenkt hat. Eine großzügige Gabe: Die Res­tauration jeder einzelnen Torarolle verschlingt vier bis sechs Wochen Zeit und verursacht entsprechende Kosten. Geld, das Wien zum Großteil aus seinem Privatvermögen gestiftet hat. Hinzu kamen Spenden von Gemeindemitgliedern aus Miami.
Für Wien ist das „ToraProject“, wie er es selbst nennt, eine Herzensangelegenheit: 2007 kam er durch das gemeinsame Austauschprogramm des American Jewish Committees (AJC) und der Konrad-Adenauer-Stiftung für einen Besuch nach Deutschland. Wien selbst war zu jener Zeit Vorsitzender des AJC Miami. In Gedenken an seine eigene Familie, die während des Holocaust fast vollständig ermordet wurde, beschloss er, die durch Zuwanderung stark gewachsenen jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik und die Zuwanderer selbst zu unterstützen. „Indem ich ihnen eine restaurierte Torarolle aus der Vorkriegszeit schenkte, wollte ich ihnen helfen, in Deutschland in Freiheit zu leben“, sagt Wien. „Das war eine persönliche Herausforderung für mich“, betont er.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland, so Wien, habe sein Engagement und seine Hilfe gewürdigt. Deidre Berger, Direktorin des AJC Berlin Raumer Institutes for German Jewish Relations, sieht die Motivation Wiens vor allem in dessen Familiengeschichte: „Er möchte etwas für das Wiedererwachen des jüdischen Lebens in Deutschland tun.“ Berger sieht in der Schenkung der Torarollen auch ein wichtiges Zeichen für die nichtjüdische Welt: Die Übergabe mache sichtbar, wie sich das jüdische Leben hierzulande entwickele. „Von den Gottesdiensten in den Synagogen bekommen Nichtjuden meistens nichts mit“, so Berger. Zudem sei das Projekt ein Symbol für die engen Verbindungen zwischen den hiesigen Gemeinden und denen in den USA – und sogar da­rüber hinaus: „Es wird deutlich, dass die deutsche jüdische Gemeinschaft Teil von etwas Großem ist.“
Generell sei für das AJC die Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen in Deutschland sehr wichtig, sagt Deidre Berger. Die Kooperation habe bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg damit begonnen, was damals keine Selbstverständlichkeit gewesen sei. „Diese Zusammenarbeit hat für uns eine lange Geschichte, deswegen unterstützen wir solche Initiativen auch gerne.“
Raum für Unterstützung bleibt weiterhin: Denn bei jedem Besuch in Deutschland erfährt Wien von neuen Torarollen, die restauriert werden müssten, knüpft weitere Kontakte zu Gemeinden, die sich über ein derartiges Geschenk freuen würden. Daher denkt Wien nicht daran, sein „ToraProject“ zu beenden: „Unsere Arbeit geht weiter.“

Alice Lanzke