14. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2014 | 28. Adar I 5774

Ein Stück Geschichte – ein Teil der Gegenwart

Die Jüdische Gemeinde Osnabrück beherbergt eine seltene Torarolle aus der Zeit vor dem Holocaust

Es gibt mit Sicherheit nicht viele Juden in Deutschland, die eine Torarolle, aus der schon der eigene Vater vor der Schoa gelesen hat, in die Hand nehmen können. Michael Grünberg, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Osnabrück und Vorstandsvorsitzender des Bundes Traditioneller Juden ist einer von ihnen: In der Osnabrücker Synagoge wird ein Sefer Tora aus der ehemaligen jüdischen Gemeinde Sögel im Emsland, rund 80 Kilometer nordwestlich von Osnabrück, aufbewahrt. Die Geschichte der Rolle ist zugleich eine Geschichte von Menschen: von Juden die dem Mord-Wahn der Nazis zum Opfer gefallen sind, die Geschichte von Michael Grünbergs Vater, Luis Grünberg, der die Torarolle nach Kriegsende in seine Obhut nahm, und die Geschichte eines christlichen Nachbarn, der die heilige Schriftrolle gerettet hatte.
Nun aber der Reihe nach.
„Anfang der Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts“, erklärt Grünberg, „lebten in Sögel rund dreitausend Menschen. Knapp einhundert von ihnen waren Juden.“ Zu ihnen gehörte auch die Familie Grünberg. Michaels Urgroßvater hatte 1865 den Antrag auf die Aufnahme in die jüdische Gemeinde gestellt.
„Es war eine typische Gemeinde von Landjuden“, sagt Grünberg. „Viele waren Viehhändler, es gab auch Metzger, Kolonialwarenhändler und andere. Sie waren durchaus fromm. Praktisch alle aßen koscher. Jüdische Feste wurden immer gefeiert. Dennoch waren die Juden gut integriert. Im Jahr 1923 wurde mein Großonkel sogar Schützenkönig des Ortes.“
Nach der Machtergreifung durch die Nazis war es mit der Integration vorbei. Wie andere jüdische Gotteshäuser wurde auch die Sögeler Synagoge am 9. November 1938 von einer Nazi-Horde in Brand gesetzt. Noch in der Nacht entdeckte ein christlicher Nachbar, Bernhard Knipper, in den glühenden Ruinen die Torarolle. Knipper, mit der Familie Grünberg gut befreundet, wusste um die Bedeutung der Schriftrolle. Er nahm sie mit nach Hause und versteckte sie im Hohlraum einer Stufe des Treppenhauses, das von der Wohnstube zum Wirtschaftsgebäude seines Hauses führte. Damit brachte er sich selbst in höchste Gefahr. Die SS, die etwas ahnte, durchsuchte Knippers Haus mehrmals, ohne allerdings das scheinbar so einfache Versteck zu finden.
Als 1941 die Vertreibung von Juden aus dem Emsland und die Deportationen – vor allem ins Ghetto Riga, nach Polen und nach Weißrussland – einsetzten, vereinbarten die Mitglieder der Familie Grünberg, sich nach Kriegsende wieder in Sögel zu treffen. Luis Grünberg, Michaels Vater, hielt sich an die Abmachung, musste aber feststellen, dass er der einzige Überlebende der Familie war. Ihm händigte Knipper die Torarolle aus. Luis Grünberg bewahrte die Rolle lange Jahre auf dem Dachboden seines Hauses in Sögel, wo er nach dem Krieg geblieben war und eine Familie gegründet hatte. „Erst als ich etwa zwanzig Jahre alt war“, erinnert sich sein Sohn Michael Grünberg, „entdeckte ich die Torarolle.“
Die unverzüglich veranlasste Überprüfung durch einen Tora-Schreiber in London ergab, dass die Rolle zu stark beschädigt war, um im Einklang mit halachischen Bestimmungen restauriert werden zu können. Daraufhin beschloss die Familie, den Sefer Tora in der Osnabrücker Synagoge unterzubringen. Sögel gehört zum Einzugsgebiet der Jüdischen Gemeinde Osnabrück. Wie in fast allen kleinen Ortschaften in Deutschland war nach der Schoa auch in Sögen keine jüdische Gemeinde wiederbegründet worden.
Im Gottesdienst darf der Sefer Tora nicht verwendet werden, doch spielt er noch immer eine Rolle im Leben der Gemeinde und wird zu Simchat Tora hervorgeholt. Auch nichtjüdischen Synagogenbesuchern wird er gezeigt: Trotz der Beschädigung eines Teils der Buchstaben lässt sich mit seiner Hilfe unverändert gut erklären wie eine Torarolle aussieht.
Das Wichtigste aber ist die emotionale Bindung der Gemeindemitglieder an die geschichtsträchtige Schriftrolle. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die meisten von ihnen aus der Ex-UdSSR stammen. „Unsere Mitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion haben doch auch in ihrem Geburtsland den Holocaust, schwerste Verfolgung und den Verlust ihrer Liebsten erlebt“, betont Grünberg, der die Geschichte der Torarolle auch im gemeindeeigenen Jugendzentrum erzählt hat.
Der Osnabrücker Gemeindevorsitzende unterhält nach wie vor engen Kontakt zu Sögel, wo er als Unternehmer tätig ist und auch noch einen Wohnsitz hat. Auf Grünbergs Einladung besuchte der Rat von Sögel im letzten November die Osnabrücker Synagoge und konnte die alte Torarolle aus seinem Heimatort besichtigen. Künftig möchte die jüdische Gemeinde die Schriftrolle prominent ausstellen, etwa in einer besonderen Vitrine in der Synagoge. Wann es soweit ist, lässt sich gegenwärtig nicht genau abschätzen, doch ist Grünberg optimistisch: „Wir arbeiten daran.“

zu