14. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2014 | 28. Adar I 5774

Neue Bücher braucht das Kind

Die Bildungsabteilung des Zentralrats befasste sich mit jüdischer Kinder- und Jugendliteratur

Von Heinz-Peter Katlewski

Kaum etwas erfreut die jüdische Gemeinschaft in Deutschland so sehr wie die eindrucksvolle Expansion des jüdischen Erziehungswesens. Vor allem in den größeren Städten gibt es jüdische Kindergärten oder auch Grundschulen, Sekundarschulen und Gymnasien. Gemeinden bieten Religionsunterricht und Sonntagsschulen an. Auch Seminare und Ferienlager vermitteln der jungen Generation jüdisches Wissen und stärken ihr jüdisches Bewusstsein.
Was in dem positiven Bild jedoch weitgehend fehlt, sind moderne, unterhaltsame und spannende Kinderbücher, die in unsere Zeit passen und in denen jüdisches Leben einen selbstverständlichen Platz einnimmt. Für die Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland war das ein triftiger Grund, im vergangenen Monat eine Tagung über jüdische Kinder- und Jugendliteratur zu veranstalten. Unter dem Motto „Lesen macht glücklich“ befassten sich Referenten und Teilnehmer – Studierende, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher – in Berlin mit dem wichtigen Thema.
Es gilt, so der Grundtenor der Tagung, moderne, zeitgemäße Literatur zu entwickeln. Ein Anknüpfen an die Vergangenheit genügt nicht. Zwar habe es im Jahr 1927 in Deutschland 40 jüdische und hebräische Verlage gegeben, berichtete Hadassah Stichnothe, Promotionsstudentin an der Universität Tübingen. Entsprechend sei die Breite an jüdischer Literatur gewesen, Kinderbücher inklusive. Das Angebot habe religionspädagogische Schriften, Werke für den jüdischen Religionsunterricht, zionistisch motivierte Sachbücher, realistische und futuristische Erzählungen und Kunstmärchen ebenso umfasst wie Geschichten aus Tora und Talmud. Dem stehen heute nur wenige Bücher gegenüber. „Hinter uns liegt ein tiefer Abgrund“, stellte Alexa Brum, Leiterin der Frankfurter Lichtigfeld-Schule, deshalb fest. Man könne nicht wieder dort anfangen, wo man in der Nazi-Zeit aufgehört habe: „Was damals als authentisch wahrgenommen wurde, ist es heute nicht mehr.“
Dabei ist die Nachfrage rege. In den Tagungspausen versammelten sich die Teilnehmer am Büchertisch, blätterten, bestellten und kauften. Derzeit versuchen drei kleine jüdische Verlage aus Deutschland, sich mit Kinderliteratur auf dem Buchmarkt zu behaupten. Sie veröffentlichen Kinderbücher, großenteils Übersetzungen, sowie einige Lehrwerke zum jüdischen Unterricht.
Die Filmemacherin und Journalistin Myriam Halberstam wagte es, dafür einen jüdischen Kinder- und Jugendbuch-Verlag, den Ariella-Verlag, zu gründen. Wie groß der Bedarf an Literatur für die Kleinen ist, hat sie an ihren beiden Töchtern erlebt. Da erfand sie mit „Ein Pferd zu Chanukka“ sogar eine eigene Geschichte. Es ist ein Traumerlebnis: Zwar gibt es zu Chanukka kleine Geschenke, aber die kleine Hannah wünscht sich etwas Großes: ein Pferd. Und tatsächlich, sie scheint es auch zu bekommen. Nur so pflegeleicht, wie sie geglaubt hat, ist das neue Familienmitglied nicht. Es richtet ein ziemliches Chaos an, das so lange währt, bis das Mädchen aus dem Schlaf erwacht.
Die Literaturwissenschaftlerin und Privatdozentin Eva Lezzi wiederum wollte ihrem Sohn etwas bieten, und so entstanden ihre mit der Berliner Künstlerin Anna Adam verfassten Bilderbücher: „Beni, Oma und ihr Geheimnis“ und „Chaos zu Pessach“. Während sich das erste damit beschäftigt, dem achtjährigen Jungen behutsam zu vermitteln, wie die Oma in seinem Alter die Schoa überlebt hat, widmet sich das andere auf amüsante Weise der Realität einer gemischtreligiösen Familie und sucht dabei zugleich, ein jüdisches Fest zu erklären.
Die Leiterin der Masorti-Kitas in Berlin, Dr. Rachel Herweg, entdeckte auf dem Büchertisch das Büchlein der ungarischen Sozialpädagogin Linda Verő-Bán „Was bedeutet es jüdisch zu sein?“. In dem Band werden verschiedene Aspekte der jüdischen Identität beschrieben – jüdische Wurzeln haben, in die Synagoge gehen, am Freitagabend Kerzen anzünden und Bücher über jüdische Themen lesen.
Dr. Noga Hartmann, die Leiterin der Heinz-Galinski-Grundschule in Berlin, betont an ihrer Schule eher die traditionelle Lehre. Bei der Auseinandersetzung mit der Schoa ist sie vorsichtig. In den Familien sei das natürlich nach wie vor ein Thema, insofern dürfe und wolle die Schule das nicht ausblenden. Eine Traumatisierung der Kinder möchte sie aber vermeiden. „Wir brauchen“, sagt sie, „authentische Bücher, die die jüdischen Kinder nicht stigmatisieren – weder als Opfer noch als Superhelden, auch nicht grundsätzlich superintelligent oder ‚Einstein‘. Wir wollen ihnen eine normale glückliche Kindheit geben und natürlich Identität stiften.“
Die Kölner Professorin für Kinder- und Jugendliteratur, Gabriele von Glasenapp, hält gerade die Kindergarten- und Grundschulzeit für besonders wichtig zur Vermittlung eines jüdischen Selbstbewusstseins. Bücher, die in dieser Lebensphase gelesen würden, beschäftigten die Fantasie sehr intensiv und würden in der Regel auch im späteren Leben viel stärker in Erinnerung bleiben als solche, die erst nach der Pubertät in die Hand genommen werden. Um die fast völlig fehlende Literatur für Kinder ab zehn Jahren auszugleichen, empfiehlt sie deshalb, erst einmal jüdische Märchen, die in der Zwischenkriegszeit auf der Grundlage von Midraschim und talmudischen Erzählstoffen geschrieben wurden, zeitgemäß zu bearbeiten.
Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland allein wird allerdings kaum in der Lage sein, einen Kinderbuchverlag am Leben zu erhalten. Um darüber hinaus Leser zu gewinnen, müssen die Geschichten Grenzen überschreiten. Eva Lezzi glaubt, dass der künftige jüdische Bestseller ein Fantasy-Buch, eine Abenteuergeschichte oder ein Krimi sein werde. Jüdisches könne in solchen Texten durchaus vermittelt werden, zum Beispiel über eine jüdische Person, die Teil der Handlung sei. Bücher dieser Art nähmen im Spektrum jüdischer Kinderliteratur neben rein didaktischen Werken ihren eigenständigen Platz ein.