14. Jahrgang Nr. 2 / 28. Februar 2014 | 28. Adar I 5774

Herausforderungen und Erfolge

Der Kampf gegen Antisemitismus ist schwer, aber nicht aussichtslos

Die Lektüre von Antisemitismus-Berichten ist deprimierend. Auch – vielleicht gerade – in Europa. Auf dem Kontinent, auf dem Juden viele Jahrhunderte lang verfolgt wurden, der Schauplatz der nationalsozialistischen „Endlösung“ war, ist der Judenhass auch in unserem demokratischen Zeitalter alles andere als verschwunden. Der rechtsextreme Antisemitismus erhebt immer wieder sein Haupt, wütet aber nicht allein. Ein virulenter Antisemitismus von links, der unter anderem das Existenzrecht des jüdischen Volkes in seiner historischen Heimat in Abrede stellt und sich selbst in scheinheiliger Verlogenheit gefällt, gehört ebenfalls dazu.
Ergänzt wird das düstere Bild durch moslemischen Hass auf Juden. Bei einer kürzlich veröffentlichten Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) über den Antisemitismus in acht EU-Staaten gaben 27 Prozent der befragten Juden an, die gravierendste antijüdische Anfeindung ihres Lebens seitens mutmaßlich moslemischer Täter erlebt zu haben. 22 Prozent erklärten, bei dem von ihnen erlittenen gravierendsten Fall von Antisemitismus sei der Täter nach ihren Erkenntnissen von linken Motiven geleitet worden. In 19 Prozent der Fälle stand, soweit erkennbar, ein Rechtsextremist hinter der Tat.
Nun sind weder der sich fortschrittlich gebende Links-Antisemitismus noch die moslemische Variante an sich neu. Im real existierenden Sozialismus des Ostblocks war unversöhnliche Feindschaft zu Juden Teil des Systems. In der islamischen Welt waren Juden jahrhundertelang der Unterdrückung ausgesetzt. Mit der Zeit übernahmen Antisemiten im Morgenland auch die Lehren ihrer okzidentalen Gesinnungsgenossen, einschließlich der Nazis. Letztere schmiedeten gezielt antisemitische Bündnisse mit einschlägigen Kreisen in Nahost. Heute sind der linke wie der moslemische Judenhass auch in Westeuropa stark verbreitet: eine makabre Globalisierung.
Im Angesicht beharrlicher Feindschaft von allen Seiten fühlen sich viele Juden entmutigt. Laut der FRA-Umfrage haben 76 Prozent der Befragten, die antijüdischen Übergriffen ausgesetzt waren, weder Anzeige erstattet noch einer Behörde oder Organisation über den Vorfall berichtet. Die häufigste Begründung dafür lautet: „Das ändert doch nichts.“ Die zweithäufigste: „Es lohnt sich nicht, das passiert doch laufend.“
Wenn Opfer von Anfeindungen auf Klagen verzichten, dann aber nicht etwa, weil sie sich mit dem Antisemitismus abgefunden hätten, sondern weil sie sich auf die Organe der Rechtspflege ihrer Staaten nicht verlassen. Würde sich der Staat bei der Ahndung antisemitischer Straftaten fähiger zeigen, würden angegriffene Juden mit Sicherheit auch nicht so oft zur Tagesordnung übergehen.
Staaten sind aber nicht nur bei der Aufklärung und Strafverfolgung einzelner antisemitischer Straftaten gefordert. Auch konsequentes Vorgehen gegen Organisationen und Parteien, die antisemitische Hetze betreiben, ist nötig, wobei Antisemiten in der Regel auch andere Minderheiten und die Demokratie an sich ins Visier nehmen. In Deutschland ist zu hoffen, um ein wichtiges Beispiel zu nennen, dass das wieder eingeleitete Verbotsverfahren gegen die NPD – ein vom Staat nach der jetzigen Rechtslage leider mitfinanziertes Sammelbecken für braunen Extremismus – endlich zum Erfolg führt.
Bei der Abwehr des Judenhasses sind aber nicht nur Regierungen, sondern auch die Bürger gefordert. Die Beharrlichkeit der Judenfeindschaft bedeutet nämlich nicht, dass der Kampf gegen den Antisemitismus sinnlos wäre. Es wird noch viel Zeit vergehen, bis „der letzte Antisemit auf Erden zu Grabe getragen wird“, wie es der Dichter Jew­geni Jewtuschenko 1961 in seinem berühmten Gedicht „Babi Jar“ erträumte. (Und erst recht wird dabei nicht die „Internationale“ donnern, wie Jewtuschenko es in der damaligen Sowjetunion zu formulieren vorzog.) Dennoch kann eine konsequente Abwehr des Antisemitismus aus der Gesellschaft heraus Erfolge erzielen und Schlimmeres verhindern.
Ein wichtiges Ziel ist es, die Salonfähigkeit des Antisemitismus zu bekämpfen. Sobald Judenhasser sich ein Mäntelchen der Respektabilität überstreifen dürfen, wird ihr Einfluss auf die Politik viel größer, können judenfeindliche Meinungen noch offener ausgesprochen werden, rücken antijüdische Maßnahmen näher. Wie verhängnisvoll eine solche Entwicklung sein kann, wissen wir anhand vieler historischer Beispiele.
Naturgemäß kommt der jüdischen Gemeinschaft eine zentrale Aufgabe beim Kampf gegen Judenfeindschaft zu. Diese Erkenntnis haben die jüdischen Organisationen und Gemeinden auch in Deutschland verinnerlicht. Sie scheuen sich nicht, Antisemiten beim Namen zu nennen. Jüdische Vertreter sind auch dabei, wenn es gilt, gegen die Delegitimierung Israels anzutreten. Unnötig zu sagen, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland sich ebenfalls nicht scheut, wo nötig, Kritik zu üben.
Wir setzen aber auch auf Aufklärung im besten Sinne des Wortes. Das haben wir bei der – sonst unseligen – Beschneidungsdebatte getan. Zumindest diejenigen Kreise der nichtjüdischen Öffentlichkeit, die für sachliche Information offen waren, konnten erfahren, warum diese jahrtausendealte Praxis keine Kindesmisshandlung ist, sondern ein Kernelement unserer Identität darstellt. Aus unserer Sicht war solche Information das beste Gegengift gegen die teils offen antisemitische Kampagne gegen die Brit Mila. Auch wenn wir nur einen kleinen Teil der Öffentlichkeit überzeugen konnten, war dies ein Erfolg.
Natürlich agieren wir als jüdische Bürger unserer Länder nicht im luftleeren Raum. Allianzen mit anderen demokratischen Kräften sind ein Teil unserer Strategie. Was die Bundesrepublik angeht, sind die jüdische Gemeinschaft im Allgemeinen und der Zentralrat im Besonderen Teil einer Koalition, die sich für gegenseitige Akzeptanz und gesellschaftliche Vielfalt einsetzt.
Es ist bezeichnend, dass der damalige Präsident des Zentralrats Paul Spiegel sel. A. im Jahr 2000 zu den Mitbegründern der Initiative für ein weltoffenes Deutschland gehörte. Bereits Spiegels Amtsvorgänger Ignatz Bubis war ein überzeugter Verfechter des Dialogs mit der nichtjüdischen Umwelt im Allgemeinen und mit anderen Minderheiten im Besonderen – und zwar schon lange vor seinem Amtsantritt an der Spitze des Zentralrats im Jahr 1992. Die Dialogbereitschaft hinderte ihn nicht daran, sich Antisemiten entschlossen in den Weg zu stellen. Das bekannteste, aber bei weitem nicht das einzige Beispiel ist die von Bubis angeführte Verhinderung einer Aufführung des antisemitischen Bühnenstücks „Der Müll, die Stadt und der Tod“ im Jahr 1985 in Frankfurt. Beides, der Dialog mit der breiten Öffentlichkeit und die Konfrontation mit Feinden, waren Teil eines für damalige Zeiten vielleicht revolutionären, heute aber bereits fest etablierten jüdischen Bewusstseins in Deutschland.
In diesem Sinne muss es auch weitergehen. Es ist wichtig, wenn der Zentralrat auf Bundesebene in die Integrationsdebatte eingebunden wird, wenn die jüdische Gemeinde im Seniorenbeirat der Stadt vertreten ist, wenn jüdische Freiwillige am Mitzvah Day christlichen Senioren oder moslemischen Flüchtlingen helfen. Solche Integration unserer Gemeinschaft in die Gesellschaft stellt einen wichtigen Beitrag zur Überwindung von Vorurteilen dar. Darüber können sich Antisemiten nur ärgern, und das ist gut so.
Auch der Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften ist essenziell wichtig. So lässt sich kaum bestreiten, dass der jüdisch-christliche Dialog zur wachsenden Akzeptanz des Judentums als einer Partnerreligion durch die Kirchen beigetragen hat. Das Gespräch mit dem Islam ist in Deutschland wie in ganz Europa noch ausbaubedürftig, doch wird es von jüdischer Seite bewusst und aktiv gesucht. Das gilt in hohem Maße auch für den Zentralrat.
Wie gesagt: Rosige Illusionen sind fehl am Platz. Der Kampf gegen Vorurteile, alte Ressentiments, offene Hasspropaganda und gemeine Unterstellungen, gegen gebrüllte Losungen und geflüsterte Verleumdungen wird in absehbarer Zeit nicht zu Ende gehen. Und doch ist die Situation nicht hoffnungslos. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung, in der wir heute leben, gibt uns zahlreiche Möglichkeiten, Rassismus und Extremismus – ob diese sich nun gegen Juden oder gegen andere Bevölkerungsgruppen richten – zu bekämpfen. Wir sind aufgefordert, von diesen Möglichkeiten nach Kräften Gebrauch zu machen.

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