14. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2014 | 30. Schwat 5774

Das litauische Jerusalem

Berliner Tagung erinnerte an das untergegangene jüdische Wilna

Von Carsten Dippel

„Drei Tage lang durchstreifte ich dann die Stadt, im unersättlichen Drang und Fest des Staunens über Menschen, Straßen und Bauwerke ...“, notierte ein junger deutscher Autor im Rückblick auf seine Soldatenzeit 1917 in Wilna. Sein Name: Arnold Zweig. In seinem „Schmuckstücke von Wilna“, 1924 für die jüdische Kulturzeitschrift Menorah geschrieben, zeigte sich Zweig tief beeindruckt vom „wilden und großartigen“ Wilna mit seiner „verwirrenden und erregenden Altstadt“. Präsentiert hatte sich dem Soldaten Zweig das Gesicht einer Vielvölkerstadt, das neben Polen, Litauern und Weißrussen vor allem von Juden geprägt wurde.
In der jüdischen Welt nahm Wilna, heute unter dem Namen Vilnius die Hauptstadt Litauens, als „Jeruschalajim de Lite“ (das litauische Jerusalem) eine herausgehobene Stellung ein. Die Stadt war für ihre rabbinische Gelehrsamkeit, vor allem in Gestalt des Gaon von Wilna (1720–1797), bekannt. Hier fanden sich die wichtigsten intellektuellen, kulturellen und politischen Institutionen des in keinem Atlas verzeichneten und doch so präsenten „Jiddischlands“, das in Wilna seine Krone fand. In Wilna waren das YIVO („Jiddischer Wissenschaftlecher Institut“), die 1925 gegründete wichtigste wissenschaftliche Einrichtung der jiddischsprachigen Welt, und die berühmte Straschun-Bibliothek, seinerzeit die weltweit größte jüdische Bibliothek, ebenso beheimatet wie die Literaturbewegung „Jung-Wilne“. Juden, die Jiddisch nicht als Muttersprache beherrschten, waren eine kleine Minderheit. Hätte man das jüdische Wilna an einen menschenleeren Ort verlegt, wäre es sofort ein jüdischer Staat geworden – Parlament und Parteien inklusive.
All das wurde nach dem Einmarsch der deutschen Besatzer im Juni 1941 in Schutt und Asche gelegt: Von den 55.000 Juden der Stadt, die gut 40 Prozent der Vorkriegsbevölkerung ausmachten, und Tausenden jüdischen Flüchtlingen überlebte fast niemand den Holocaust. Den 70. Jahrestag der Vernichtung des Wilnaer Ghettos im September 1943 nahm das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum gemeinsam mit der Konrad Adenauer Stiftung kürzlich zum Anlass, in einer in Berlin organisierten internationalen Tagung den Blick auf das untergegangene jüdische Wilna und auf die jiddischsprachige Welt Osteuropas insgesamt zu lenken.
Die Kultur von Jiddischland sei ganz sicher mehr als Klezmer, gefilte Fisch oder der Chassid aus dem Stettl, so Ewa Geller (Warschau). Sie zeichnete das nur unscharf umrissene Grenzland zwischen deutscher, slawischer und jüdischer Kultur als einen Raum, der – basierend auf der jiddischen Sprache, auf Religion und Kultur – eine eigene jüdische Identität schuf. Ein realer Platz im Herzen Osteuropas und zugleich Projektion für die Sehnsucht vieler Juden nach Autonomie. Ein eigener jüdischer Weg zur Moderne in einem Europa, das im Laufe des 19. Jahrhunderts sein Gesicht so sehr verwandelte und ein immer stärkeres Nationalbewusstsein hervorrief. Jiddischland war auch in nationaler, sozialer und kultureller Hinsicht ein ideologisches Projekt.
Jiddischland war jedoch kein homogenes Gebilde. Es gab verschiedene Dialekte, politische, kulturelle und soziale Bewegungen, eine wechselvolle Spannung zwischen Stadt und Land. In Wilna liefen diese verschiedenen Fäden zusammen. Wilna war damit immer auch ein Symbol für die produktive Reibungsfläche zwischen Ost- und Westjudentum, zwischen säkular und religiös geprägten Juden.
Unter deutscher Besatzung versuchten viele, jüdische Kultur und jüdische Kulturschätze zu retten. „Amida“, he­bräisch für Standhalten, war das Motto derer, die den Deutschen zu widerstehen versuchten, indem sie sich, wenn sie nicht im Untergrund als Partisanen kämpften, künstlerisch engagierten. Dass von diesen Aktivitäten, von den Menschen, die dahinterstanden, überhaupt etwas überliefert ist, ist einem Zufall zu verdanken. Nachdem das Ghetto im September 1943 endgültig geräumt worden war, stieß Boleslaw Baratynski, ein Pole, auf ein Bündel Papier. Es entpuppte sich als ein Typoskript in Jiddisch mit Künstlerbiografien. Auf Umwegen gelangte das Dokument schließlich nach New York.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verblieb Wilna unter sowjetischer Herrschaft. Damit war, wie Markas Zingeris (Wilna) bei der Berliner Tagung bemerkte, an einen Wiederaufbau der jüdischen Kultur erst recht nicht zu denken. Nicht einmal ein Gedenken an die jüdischen Opfer der Schoa war erlaubt. Sie galten lediglich als „sowjetische Bürger“ oder „Zivilisten“. Massengräber wurden nicht verzeichnet – und wenn, nicht richtig benannt. Jüdische Friedhöfe wurden geschändet, Grabsteine für Bauten entwendet. Während der sogenannten sozialistischen Rekonstruktion der Stadt wurden die Reste der Großen Synagoge eingeebnet. Heute steht darauf ein Kindergarten. Das 1944 von Überlebenden wiedereröffnete jüdische Museum wurde schon nach fünf Jahren in der Kampagne gegen den „Kosmopolitismus“ wieder geschlossen, zur selben Zeit die letzten jiddischsprachigen Kindergärten aufgelöst. So sind nur wenige Bruchstücke des Jeruschalajim de Lite, das Arnold Zweig einst mit großen Augen staunend beobachtete, geblieben.