14. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2014 | 30. Schwat 5774

Zwei Welten

In einem neuen Buch schildern Kinder von Holocaust-Überlebenden ihre Entscheidung, in Deutschland oder in Israel zu leben

Kinder von Holocaust-Überlebenden hatten in der Regel keine leichte Kindheit, egal wo sie lebten. In Deutschland sahen sich die meisten von ihnen einem zusätzlichen Dilemma gegenüber: Dürfen Juden – Verfolgte des NS-Regimes und deren Kinder – in moralischer Hinsicht überhaupt im Land der Täter leben? Oder ist Israel, den damals recht schwierigen Lebensumständen zum Trotz, die bessere, die richtige Heimat? In den ersten Nachkriegs-Jahrzehnten war diese Debatte ein bestimmender Faktor der jüdischen Identität in der Bundesrepublik. Sie ist daher ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der jüdischen Gemeinschaft, die sich nach der Schoa und trotz der Schoa zwischen Rhein und Elbe etabliert hat.
Im September 2013 ist im Rahmen der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung ein Buch erschienen, das nicht nur die damalige Debatte betrachtet, sondern auch den Lebensweg von Angehörigen dieser jüdischen Nachkriegsgeneration nachverfolgt – solchen, die es nach Israel gezogen hat ebenso wie solchen, die in Deutschland blieben. Das von Anita Haviv-Horiner und Sibylle Heilbrunn herausgegebene Buch trägt den Titel „Heimat? – Vielleicht. Kinder von Holocaustüberlebenden zwischen Deutschland und Israel“. Es enthält 16 Interviews mit Juden, die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden und lebten. Acht von ihnen sind nach Israel ausgewandert, die anderen sind in Deutschland – in einem Fall in Österreich – geblieben. Wie es das Leben mit sich bringt, sind manche auch mehr als nur einmal emigriert und haben zum Teil auch in anderen Ländern gelebt.
Natürlich werden Leser, die denselben Hintergrund wie die Interviewpartner des Buches haben, vieles wiedererkennen und in der einen oder anderen Situation Bilder ihres eigenen Lebens erblicken. Allerdings ist das Buch nicht etwa als nostalgische Lektüre für Gleichgesinnte konzipiert, sondern stellt die recht komplizierten Lebensgeschichten der Betroffenen auch für Nichteingeweihte nachvollziehbar dar. Zudem sind die einzelnen Lebensläufe bei allen bestehenden Ähnlichkeiten doch individuell und zum Teil durch höchst unterschiedlichen familiären und persönlichen Hintergrund geprägt. Beispielsweise reichen die Geburtsjahrgänge von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die siebziger Jahre. Dadurch werden unterschiedliche Zeitabschnitte in der Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft beleuchtet. Lesenswert ist das Buch auch deshalb, weil die Interviewpartner von ihrem Leben mit großer Ehrlichkeit und ohne ideologische Scheuklappen erzählen. Wohl gerade deshalb zog ein Teil von ihnen es vor, nicht ihren vollen Namen, sondern nur ihre Initialen veröffentlichen zu lassen. Interessant ist schließlich auch, dass für das Buch drei Geschwisterpaare gewonnen werden konnten, von denen jeweils ein Geschwisterteil in Deutschland geblieben, das andere aber nach Israel gegangen ist.
Ein Gefühl, das sich wie ein roter Faden durch die unterschiedlichen Lebensgeschichten zieht, ist die von den Erzählenden in ihrer Kindheit in Deutschland empfundene Fremdheit. Sie war ein entscheidender Grund, aus dem sie die Auswanderung nach Israel in Betracht zogen – auch in Fällen, in denen die Emigration letztendlich nicht stattfand oder Israel nur eine Zwischenstation blieb. Das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören, besteht oft auch bei denjenigen fort, die bis heute in der Bundesrepublik leben, so etwa wenn Deutschland zwar als ein Zuhause, nicht aber als Heimat bezeichnet wird. Allerdings haben die Betroffenen in der Regel gelernt, mit diesem Gefühl gut zu leben, und richten sich in ihrer Umgebung gut ein. Ihr Judentum leben sie im Einklang mit ihren persönlichen Neigungen aus.
Umgekehrt haben Auswanderer, die heute in Israel leben, den Bezug zu Deutschland nicht verloren. Einige sind im Bereich israelisch-deutscher Beziehungen tätig. Andere haben ihre „jeckischen“ Eigenschaften nicht abgelegt, was in Israel freilich auch von Vorteil sein kann und eine erfolgreiche berufliche Karriere gegebenenfalls erleichtert. Auch der gesellschaftlichen Integration steht eine Abstammung aus Deutschland nicht im Wege.
Mit der Wahl ihres Wohnlandes gehen die Interviewpartner souverän um und glauben zu Recht nicht, sich dafür entschuldigen zu müssen. So sollte auch der Untertitel des Buches nicht in dem Sinn verstanden werden, dass sie zwischen Deutschland und Israel schweben, ohne wirklich dazugehörig zu sein. Vielmehr haben sie sich eine Identität aufgebaut, zu der in den meisten Fällen beide Länder, in jeweils individueller Mischung, gehören. Wenn man will, liegen sie damit im Trend der Zeit. In einer zunehmend globalisierten und von Migration geprägten Welt sind komplexe Identitäten keine seltene Ausnahme mehr, sondern zunehmend Teil der Norm.

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