14. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2014 | 30. Schwat 5774

Vorrang für Sicherheit

Während seines facettenreichen Lebens prägte Ariel Scharon den jüdischen Staat auf vielfache Weise

Im Lauf seines Lebens hatte der am 11. Januar verstorbene, ehemalige Regierungschef Israels Ariel Scharon keineswegs nur Freunde. Im eigenen Land war er jahrzehntelang der Liebling eines Teils des politischen Spektrums und ein rotes Tuch für den anderen Teil – wobei sich die jeweiligen Sympathien und Antipathien am Ende seiner politischen Laufbahn ins genaue Gegenteil verkehrt hatten. Im Ausland wurde er vielfach verteufelt und zur Zielscheibe antiisraelischer Vorurteile gemacht.
Dass Scharon eine komplexe Persönlichkeit war, wird kaum jemand bestreiten. Er versuchte nie, seine Kanten glattzuschleifen, ein Bequemer zu sein. Da konnten Kontroversen nicht ausbleiben.
Fast von Kindesbeinen an war Israels Sicherheit Scharons Leitmotiv. 1928 im britischen Mandatsgebiet Palästina geboren, schloss er sich als Teenager der jüdischen Verteidigungsorganisation Hagana an. Schon früh spezialisierte er sich auf Kommandooperationen und auf Terrorismusbekämpfung und wurde 1953 auf Anweisung von Ministerpräsident Ben-Gurion Gründer und Kommandeur der Antiterroreinheit 101. Als brillanter Offizier kletterte er schnell die Rangleiter hoch, auch wenn seine Eigenwilligkeit wiederholt aneckte. Seine Antiterror-Erfahrungen sind bis heute für die israelische Strategie wichtig, aber nicht nur sie. Seine Frontoperationen, unter anderem im Sechstagekrieg, fanden ebenfalls große Beachtung – auch in internationalen Militärkreisen.
Im August 1973 verließ er die Armee im Rang eines Generalmajors – allerdings nur, um im Oktober als Divisionskommandeur an die Sinai-Front des Jom-Kippur-Krieges abkommandiert zu werden. Dort führte Scharon, wieder einmal gegen die Pläne seiner Vorgesetzten, seine berühmteste Militär­operation durch: Die Überquerung des Suezkanals, die den letztendlichen Kriegserfolg Israels sicherte. Spätestens damit war sein Status als israelische Ikone gefestigt.
1973 ging Scharon in die Politik und wurde 1977 – nach einigen Wirrungen – eine Schlüsselfigur der rechtskonservativen Likud-Partei. Von Premier Menachem Begin zum Landwirtschaftsminister ernannt, förderte er unermüdlich die israelische Siedlungstätigkeit in den von Israel seit 1967 kontrollierten Gebieten. Es war sein ausdrückliches Ziel, die Rückgabe der Gebiete zu verhindern – nicht aus religiös motivierter Ideologie heraus, sondern aus sicherheitspolitischen Gründen. Eine Auffassung, die bis heute einflussreiche Anhänger hat.
Als ein sicherheitspolitischer Befreiungsschlag war der von Scharon maßgeblich mitgeplante Libanon-Krieg von 1982 gedacht. Mit ihm wollte der damalige Verteidigungsminister PLO-Truppen im nördlichen Nachbarland ausschalten und israelfreundlichen, christlich dominierten Kräften in Beirut zur Regierungsmacht verhelfen. Der erste Teil des Plans ging mehr oder weniger auf, der zweite aber erwies sich als eine Fehlkalkulation. Scharon musste vom Posten des Verteidigungsministers zurücktreten: Eine israelische Untersuchungskommission beschuldigte ihn der Fahrlässigkeit bei dem von libanesisch-christlichen Milizen verübten Massaker an Palästinensern und Schiiten von Sabra und Schatila.
Er blieb aber politisch tätig, bekleidete wichtige Ministerposten und wurde 2001 als Likud-Vorsitzender zum Ministerpräsidenten gewählt. In dieser Eigenschaft ordnete er die entschlossene und letztendlich erfolgreiche Niederringung des gegen Israel gerichteten palästinensischen Terrorkrieges, der sogenannten zweiten Intifada, an, ganz im Einklang mit seiner bereits ein halbes Jahrhundert früher formulierten These, Israel müsse dem Gegner zeigen, dass auch er verwundbar sei.
Weitaus weniger vorhersehbar war dagegen die von Scharon 2003 beschlossene und 2005 gegen erbitterten Widerstand weiter politischer Kreise und großer Teile der Bevölkerung durchgeführte Räumung des Gaza-Streifens. Zu diesem Zweck verließ der Premier den Likud und gründete die zentristische Kadima-Partei. Von seinen Ex-Verbündeten auf der Rechten wurde er nicht nur heftig kritisiert, sondern zum Teil auch diffamiert, von der Linken dagegen umarmt. Allerdings war Scharon nicht etwa ins friedensbewegte Lager gewechselt. Vielmehr erhoffte er sich mehr Sicherheit für Israel.
Die Rechnung ging nicht auf. Stattdessen entwickelte sich der Gaza-Streifen unter dem Regime der Hamas zu einem islamistischen Quasi-Staat und einer Ausfallsbasis für Terrorismus. Es ist nicht uninteressant, einen Vergleich zwischen dem Libanon-Krieg und dem Gaza-Rückzug anzustellen. Im Libanon erwies sich der Wunsch, die politische Landkarte mit einer Offensive zu verändern, als illusorisch. In Gaza scheiterte das Bestreben, einen ähnlichen Zweck mit Hilfe des einseitigen Rückzugs zu erreichen. Die Entwicklung in Gaza hat Scharon allerdings nicht mehr bewusst erlebt. Nach einem verheerenden Schlaganfall fiel er am 4. Januar 2006 in ein Koma, aus dem er bis zu seinem Tod nicht mehr erwachte.
Im Rückblick lässt sich sagen, dass nicht nur Scharons Erfolge im Kampf um Israels Sicherheit, sondern auch seine Misserfolge das Land noch lange prägen werden. Mit der für ihn typischen Radikalität des Denkens lotete Scharon die politischen Grenzen der militärischen Macht aus, scheiterte aber auch bei der unilateralen Abkoppelung von feindseligen Nachbarn. Das haben seine Nachfolger verinnerlicht. Auch das ist ein Teil seines Erbes.

wst