14. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2014 | 30. Schwat 5774

Eingerückt

Gespräch mit Oberst Gideon Römer-Hillebrecht zum Dienst von Juden in der Bundeswehr

Dr. Gideon Römer-Hillebrecht ist Oberst der Bundeswehr und stellvertretender Vorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten. Dr. Römer-Hillebrecht, Jahrgang 1965, kam als Wehrpflichtiger zur Kampftruppe, studierte anschließend Rechtswissenschaften und zog als Berufssoldat wieder die Uniform an. Er durchlief die Generalstabsausbildung, kam als Kommandeur in Afghanistan zum Einsatz und absolvierte auch eine Verwendung bei der NATO. Der promovierte Staatswissenschaftler ist zudem ein ausgewiesener Experte für die Geschichte der Juden in den deutschen Streitkräften und hat zu diesem Thema Bücher sowie zahlreiche Beiträge veröffentlicht. Die „Zukunft“ sprach mit ihm über den Dienst von Juden in der Bundeswehr und über seine persönlichen Erfahrungen in den deutschen Streitkräften.

Zukunft: Herr Dr. Römer-Hillebrecht, wie kamen Sie als einer der damals ganz wenigen Juden zur Bundeswehr?
Dr. Römer-Hillebrecht: Als Sohn von NS-Verfolgten hatte ich die Möglichkeit, mich freistellen zu lassen, nahm das aber nicht in Anspruch. Als Bürger dieses Landes wollte ich wie einige andere der damals ja noch geltenden Wehrpflicht nachkommen. Und nach dem Studium schlug ich eine Laufbahn als Berufssoldat ein. Ich bin ein recht aktiver Mensch. Der ebenso fordernde wie abwechslungsreiche Dienst passt zu mir.

Wie vereinbaren Sie den Dienst mit Ihrem Judentum?
Meine Familie ist religiös-traditionell ausgerichtet, aber dies ist kein Hindernis. Im Judentum gilt ja der Grundsatz „Dina de-Malchuta Dina“: Das Gesetz des Staates ist Gesetz und damit für Juden in Staaten, in denen das Judentum ungehindert gelebt werden kann, verbindlich, Wehrpflicht inklusive. Und auch im Dienst hat man Anspruch auf Religionsfreiheit. Für koschere Verpflegung wird auf Wunsch gesorgt.

Essen Sie bei der Bundeswehr ko­scher?
Ja.

Und im Auslandseinsatz?
Da ist es oft noch einfacher. Insbesondere dann, wenn amerikanische Truppen dabei sind, die für ihre eigenen Soldaten koschere Verpflegung bereithalten. Dann isst man einfach koschere Rationen der Amerikaner. Die Bundeswehr stellt koschere Verpflegung für die Mikrowelle über ihre Provider bereit.

Wie stark ist der Antisemitismus bei der Bundeswehr?
Die Bundeswehr als solche duldet keinen Antisemitismus oder sonstigen Rassismus. Vorfälle dieser Art werden sofort geahndet. Gleichzeitig aber sind die Streitkräfte ein Spiegelbild der Gesellschaft, sodass es unter ihren Soldaten auch immer wieder zumindest latente antisemitische Einstellungen gibt. Das weiß man, und man merkt es manchmal auch. Wobei Rechtsextremisten Juden in der Bundeswehr gar nicht gern sehen. Als ich nach Afghanistan ging, gab es in den einschlägigen Foren Stimmen, die den Taliban viel Glück bei der Jagd auf mich wünschten.

In der Bundeswehr gibt es auch moslemische Soldaten. Wie kommen Sie mit denen klar?
Hervorragend, wobei man natürlich sagen muss, dass Islamisten, die stark zum Judenhass neigen, nicht wirklich in die Bundeswehr einrücken. Als Kommandeur hatte ich einen moslemischen Untergebenen palästinensischer Herkunft. Das war kein Problem.

Wusste er, dass Sie Jude sind?
Klar doch.

Wie viele Juden dienen bei der Bundeswehr?
Das lässt sich nicht genau sagen, da die Bundeswehr die Religionszugehörigkeit ihrer Soldaten nicht erfasst. Bis zur deutschen Vereinigung waren Juden in der Bundeswehr einzelne Ausnahmen. In der Nationalen Volksarmee der DDR mussten Juden wie alle anderen Wehrpflichtigen einrücken. Da die DDR sich offiziell als „antifaschistisch“ und deshalb durch die NS-Zeit nicht als vorbelastet sah, wurde auf Juden keine besondere Rücksicht genommen. Wobei Juden in der NVA durchaus auch antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt waren. Zahlenmäßig lebten in der DDR allerdings so wenig Juden, dass jüdische Soldaten auch dort eine Ausnahme bildeten.

Und später?
Mit der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion und der fortschreitenden Einbürgerung der Zuwanderer ist auch die Zahl jüdischer Soldaten gestiegen. Wobei man sagen muss, dass für Juden aus der Ex-UdSSR der Wehrdienst oft viel selbstverständlicher ist als für „Alteingesessene“. Sie kommen als Söhne oder Töchter von Siegern über Nazi-
Deutschland. Ende des letzten Jahrzehnts schätzte das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr die Zahl aktiver jüdischer Soldaten auf circa 200. Da die Wehrpflicht seit 2011 aber ausgesetzt ist, dürfte die Zahl der Juden in Uniform seitdem zurückgegangen sein.
Der Bund jüdischer Soldaten hat 35 Mitglieder, von denen 15 aktiv dienen. Die anderen sind Reservisten. Allerdings gehören die meisten jüdischen Soldaten unserer Organisation nicht an. Ein wahrscheinlich nicht geringer Anteil der dienenden Juden behält sein Judentum zudem für sich. Ganz grob geschätzt dürfte es heute mehr als 100 jüdische Soldaten und Soldatinnen geben. Präziser kann ich es nicht sagen. Ganz unvermutet trifft man im Dienst immer wieder auf Jüdinnen und Juden, die noch nie etwas von unserer Vereinigung gehört haben.

Würden Sie jungen Juden empfehlen, in die Bundeswehr einzutreten?
Da die Wehrpflicht ausgesetzt wurde, ist das eine individuelle Entscheidung. Die Bundeswehr ist jetzt ein interessanter Arbeitgeber, wenngleich natürlich kein gewöhnlicher. Um jüdische Positionen wirksam zu verdeutlichen, kommt es auch darauf an, dies innerhalb der Gesellschaft zu tun und nicht nur aus einer externen Beobachter- und Kritikerrolle.
Ich kann die Gefühle junger Juden nachvollziehen, die angesichts der deutschen Geschichte auch aus Rücksicht auf ihre Vorfahren nicht in der deutschen Armee dienen wollen. Auch, wenn sie selbst ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des „Dritten Reiches“ geboren wurden. Die Vergangenheit ist ein Teil der Gegenwart. Ich selbst kenne jüdische Jugendliche wie meine Tochter, die allenfalls in der israelischen Armee, nicht aber bei der Bundeswehr dienen möchten.
Auf der anderen Seite ist es absolut legitim, die Bundesrepublik verteidigen zu wollen. Daher sollte jeder für sich selbst entscheiden – ohne diejenigen zu kritisieren, die anderer Meinung sind.