14. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2014 | 30. Schwat 5774

Unerlässlich

Warum der Internationale Holocaust-Gedenktag nötig ist und seine Botschaft stets aktuell bleibt

Am 27. Januar wurde zum neunten Mal der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust begangen. In zahlreichen Ländern fanden Gedenkfeiern statt. Man kann durchaus sagen, dass sich der Gedenktag zumindest in einem Teil der Weltöffentlichkeit als Teil der politischen Kultur eingebürgert hat. Das ist zu begrüßen. Allerdings ist es wichtig, dass das internationale Gedenken zu keinem bloßen Ritual erstarrt – eine leider stets präsente Gefahr. Daher ist es wichtig, sich der Botschaft, die von diesem Tag ausgeht, bewusst zu bleiben.
Die Grundlage des Internationalen Holocaust-Gedenktages ist die 2005 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete Resolution 60/7. Mit ihr betonte die Welt­organisation die Notwendigkeit, der Opfer des nationalsozialistischen Mordwahns in einem besonderen Akt des Erinnerns zu gedenken.
In Deutschland war der 27. Januar bereits 1996 unter dem Namen „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ als nationaler Gedenktag durch eine Proklamation des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt worden. In einer Reihe anderer Länder wird der Opfer der Verfolgung durch das „Dritte Reich“ oder durch dessen Vasallenregime auf nationaler Ebene gedacht, zum Teil ebenfalls am 27. Januar, zum Teil an anderen, sich aus der Geschichte der jeweiligen Länder ergebenden Tagen. Die nationalen Gedenktage sind von großer Bedeutung, doch ersetzen sie nicht den internationalen Gedenktag.
Hier ist zu betonen, dass es sich um keinen spezifisch jüdischen Gedenktag handelt. Die jüdische Welt brauchte ohnehin nicht bis 2005 zu warten, um der Opfer der Schoa zu gedenken, das Heldentum der Kämpfer und der Überlebenden anzuerkennen und ihre eigenen Schlüsse aus der versuchten „Endlösung der Judenfrage“ zu ziehen. Gerade als Juden sind uns aber auch die universellen Aspekte des Holocaust wichtig. Wir wissen nämlich sehr genau, wozu Hass führen kann. Es ist kein Zufall, dass sich so viele Juden in den weltweiten Kampf für Menschenrechte sowie gegen Rassismus, Extremismus und Totalitarismus einbringen. Aus unserer Sicht stellt der Internationale Holocaust-Gedenktag keine wie auch immer geartete Konkurrenz zum Jom Ha-Schoa, sondern dessen Ergänzung dar.
Der internationale Gedenktag geht von der Singularität des NS-Genozids aus. Diese Singularität anzuerkennen, bedeutet selbstverständlich nicht, das Leid der Opfer anderer menschenverachtender Diktaturen weniger ernst zu nehmen. Und doch war der Holocaust ein grauenerregender Gipfel der Barbarei – einer mit den Mitteln des modernen Staates und der modernen Zivilisation ausgetragene Barbarei. Kühl und berechnend verurteilte die Führung einer intellektuell und technologisch hochentwickelten Nation ein anderes Volk ohne jeglichen erkennbaren Grund – außer dem Hass – zum Tode. Fast schon unaufgeregt wurde die mörderische Vorgabe von einer gut funktionierenden Verwaltung in einen perfektionierten Plan verwandelt, unter Einsatz ausgetüftelter Logistik realisiert und von begabten Organisatoren, Wissenschaftlern, Ingenieuren und Ärzten in allen Stadien begleitet.
Die Nazis scheuten keine Mühe, um die „Endlösung der Judenfrage“ voranzutreiben, aber auch um Sinti und Roma zu vernichten oder mit pseudowissenschaftlichen Begründungen „unwertes Leben“ auszulöschen. Es war der perverseste Missbrauch staatlicher Strukturen und des technischen Fortschritts, den die Menschheit je erlebt hat. Für diesen Missbrauch haben sechs Millionen Juden, Hunderttausende Sinti und Roma und unzählige Angehörige anderer Opfergruppen mit ihrem Leben bezahlt. Die Einzigartigkeit dieses Verbrechens muss der Menschheit stets bewusst bleiben – nicht nur zur Ehrung der Opfer, sondern auch als eine ständige Mahnung.
Genau das kommt auch in der UNO-Resolution zum Ausdruck. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen forderte die Mitgliedstaaten nachdrücklich auf, „Erziehungsprogramme zu erarbeiten, die die Lehren des Holocaust im Bewusstsein künftiger Generationen verankern werden, um verhindern zu helfen, dass es in der Zukunft wieder zu Völkermordhandlungen kommt“. Gleichzeitig wies das Weltgremium jede vollständige oder teilweise Leugnung des Holocaust als eines geschichtlichen Ereignisses zurück. Die Aufklärung über den Holocaust, so denn auch die UNO, ist deshalb ein Beitrag zur Verhinderung künftiger Völkermordhandlungen.
Damit geht vom internationalen Gedenktag ein wichtiger Auftrag für die Zukunft aus. Es ist ein Auftrag, der nicht nur Gedenkfeiern und zum Stichtag vorgetragene Reden, sondern nachhaltiges Engagement verlangt. Diese Botschaft gilt nicht nur heute, sondern bleibt auch in der Zukunft aktuell.

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