5. Jahrgang Nr. 1 / 28. Januar 2005 - 18. Schwat 5765

Die Flutkatastrophe

Eine Betrachtung von Rabbiner Dr. Joel Berger

Das Leid, das die Katastrophe in Asien angerichtet hat, ist nicht zu bemessen. Die häufigste Frage, die in dieser Zeit gestellt wird ist, warum G-tt so schweres Leid zulässt? Diese Frage ist aus einer engen, menschlich subjektiven Perspektive gestellt. Menschen stellen diese Frage nicht, wenn ihnen das Leben Wohlstand und Wohlergehen beschert, sondern immer dann, wenn Schreckliches passiert. Die Katastrophe kann nicht mit einer Boshaftigkeit G-ttes gedeutet werden. Es ist das menschliche Schicksal, dass wir annehmen müssen, das G-tt uns auferlegt. Das Gute und das Ungute sind aus menschlicher Sicht subjektiv: Was heute gut ist, kann schon morgen zu etwas Bösem werden - oder umgekehrt. Die Katastrophe in Asien könnte dazu führen, dass Menschen ihre oft kleinen Streitereien aufgeben und solidarisches Handeln lernen. Deshalb sind Katastrophen nicht zu deuten - so wie die Katastrophe von Auschwitz bis heute nicht zu deuten ist. Ich spüre eine tiefe Verachtung gegenüber Menschen, die anfangen, die Katastrophe als „Strafe G-ttes“ zu deuten. Es ist eine Anmaßung zu glauben, dass man G-ttes Absicht beurteilen kann.

Inmitten der zivilen Gesetzgebung der Tora lernen wir den Vers: „Eine Witwe oder eine Waise, sollt ihr nicht bedrücken. Denn, wenn du dies tust und sie zu mir aufschreien, so werde ich ihren Schrei erhören. Mein Zorn wird entbrennen ... dann werden eure Frauen zu Witwen und eure Kinder zu Waisen.“ (2.B.M., 22:21-23). Die rabbinische Exegese bringt die Aguna mit diesem Toravers in Verbindung. Eine Aguna ist nach talmudischer Definition eine Ehefrau, die ihren Mann unter unbekannten Umständen verloren hat. Da es niemanden - also keine Zeugen – für dessen Tod gab, war es für diese Frau nicht möglich, eine neue Ehe einzugehen - zumindest solange nicht, bis der Tod des Mannes eindeutig bestätigt werden konnte.

Dieser Vers und seine klassischen Erläuterungen gewannen jetzt für mich eine traurige Aktualität, da als Folge der gewaltigen Flutkatastrophe unzählige Menschen verzweifelt nach ihren Angehörigen suchen und auf ihre Rückkehr hoffen. Trost zu spenden, ist nach Schicksalsschlägen müßig. Nach einem Grund für die Verluste, das Leiden, die Qualen zu fragen, ist menschlich. Eine klärende Antwort kann auch unmenschlich sein und den Schmerz verstärken.

Hierzu passt eine überlieferte Erzählung der Chassidim: In einem Gasthaus kamen, nach Einnahme der gemeinsamen Mahlzeit, die Angehörigen zweier Familien zusammen. Ein kinderloses Ehepaar und eine ältere Frau mit ihren bereits verheirateten Kindern und deren Sprösslinge, die, trotz ihrer Spielleidenschaft, die Oma immer wieder hingebungsvoll liebkosten. Das Ehepaar bewunderte die Liebe und Zuneigung, die die Jüngsten der Oma schenkten, aufrichtig. Nach einer Weile fasste die alte Frau allen Mut zusammen und erzählte aus ihrem Leben: „Ich war noch sehr jung, als ich meinen Mann verloren habe“, fing sie zögernd an. „Er kehrte von einer Geschäftsreise nie zurück und niemand konnte mir sagen, was mit ihm wo geschehen war. Ich fragte alle Reisenden nach ihm, beschrieb ihn minutiös, samt seiner Redensarten. Aber vergeblich. Niemand konnte sich an ihn erinnern. Ich bin also eine Aguna geworden, die wegen der ungeklärten Lage ihres Familienstandes, nicht wieder heiraten konnte. In meiner verzweifelten Lage besuchte ich den Baal Schem Tow, in der Hoffnung, dass dieser große Meister und Wunderrabbi vielleicht auch mir helfen könnte. Nach einer beschwerlichen Reise und längeren Wartezeit, wurde ich zum Rabbi geführt. Ich trug meine unglückliche Lage vor, berichtete, dass ich allein mit zwei Kindern da stünde und mein Mann wie vom Erdboden verschluckt wäre. Der Rabbi dachte lange nach, bevor er antwortete: ,Für dein Leid, gibt es keine Hilfe. Es gibt keine Zeugen, die bestätigen könnten, dass dein Mann gestorben sei. Ich kann dir nur meinen Segen erteilen: Bleibe im Leben anständig und hilfsbereit. Mögest du dann lange leben und mögest du viele glückliche Nachfahren haben, die dir ein zufriedenes Leben in Wohlstand sichern werden. Sie werden dich stets mit ihrer Liebe verwöhnen.’ Ich habe dem Rabbi versprochen, gemäß seinen Worten zu leben. Und nun seht, ich bin beinahe 100 Jahre alt und meine Nachfahren weichen nicht von meiner Seite, sie verwöhnen mich von morgens bis abends.“ Mit diesen Worten beendete die Greisin ihre Erzählung.

Gewiss hätte auch ich diese Erzählung vor der Flutkatastrophe als Kitsch abgetan. Jetzt jedoch sind wir alle gut beraten, unsere ewigen Werte, die in der Familie stecken könnten, demutsvoller zu betrachten.