13. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2013 | 15. Tewet 5774

Die Dornröschen-Bücherei

Die Bestände der Jüdischen Bibliothek in Hamburg werden nach siebeinhalb Jahrzehnten wieder nutzbar gemacht

Von Moritz Piehler

In ihrer Blütezeit war die Jüdische Bibliothek in Hamburg eine wichtige Einrichtung der Hansestadt und gehörte zu den herausragenden Kulturschätzen des deutschen Judentums. Jetzt, nach einer unfreiwilligen Pause von siebeneinhalb Jahrzehnten, soll der reichhaltige Bestand der Bücherei wieder dem Publikum zugänglich gemacht werden. Möglich wurde das ehrgeizige Projekt dank der Zusammenarbeit der Jüdischen Gemeinde Hamburg mit der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky. Der Auftakt der Kooperation wurde im November mit einem Festakt im Lichthof der Bibliothek begangen.
Die Jüdische Bibliothek war im Jahr 1909 gegründet und 1923 von der Jüdischen Gemeinde Hamburg übernommen worden. Unter Leitung ihres ersten hauptamtlichen Bibliothekars Isaak Markon erfuhr die bis dahin überwiegend mit belletristischen und populärwissenschaftlichen Werken bestückte Bibliothek eine stärkere jüdisch-wissenschaftliche Orientierung.
In der NS-Zeit kam das Aus: 1938 wurden die Bücher beschlagnahmt und 1939 zum Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin abtransportiert. Dass es die 20.000 Bücher heute überhaupt noch gibt, ist dem großen Einsatz früherer Bibliotheksdirektoren, aber auch einer Aneinanderreihung von Zufällen geschuldet.
1942 reklamierte die Bibliothek der Hansestadt Hamburg (die heutige Staats- und Universitätsbibliothek) die Werke als „Hamburgensien“, also als unabdingbare Zeitzeugnisse der ureigenen Geschichte der Hansestadt. Im darauf folgenden Jahr wurde dem Antrag tatsächlich stattgegeben. Das entbehrt sicherlich nicht einer makabren Dimension: In einer Zeit, in der die Vernichtung der europäischen Juden durch das „Dritte Reich“ auf Hochtouren lief, fanden die Nazis vom RSHA Muße, jüdische Bücher als hamburgisches Kulturgut der Hansestadt zu übereignen. Wie es scheint, nahm die Bürokratie selbst in dieser Zeit ihren gemächlichen Gang.
Dennoch kamen die zu diesem Zeitpunkt in Berlin lagernden Bücher 1943 nicht nach Hamburg, sondern wurden in Lagerräumlichkeiten nach Dresden transportiert. Dort lagerten sie in Hallen und Stollen und entgingen glücklicherweise Feuer, Bomben und Plünderungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg übereignete die Staatsbibliothek den Bücherbestand an die Jüdische Gemeinde zurück, vorerst aber nur auf dem Papier, weil die Bücher weiterhin in der DDR verblieben. Wie die heutige Bibliotheksdirektorin Professorin Gabriele Beger beim Festakt in Hamburg berichtete, wurde der Bestand erst am 4. September 1957 in 130 Kisten per Lastwagen nach Hamburg überstellt. Zu diesem Zeitpunkt seien sie „zum Teil angefault, zum Teil von Ratten angefressen“ gewesen. Notdürftig versorgt landeten sie in den Kellerräumen der Jüdischen Gemeinde und lagerten dort bis 2003.
Die nächste Station war ein klimatisiertes Magazin der Bibliothek Carl von Ossietzky, wo die Bücher auch jetzt noch aufbewahrt werden. Allerdings hatte die Bibliothek keinen Zugriff auf die Bestände, da deren Eigentümer die Jüdische Gemeinde war. Nach der nun unterzeichneten Vereinbarung zwischen Gemeinde und Bibliothek können die Bücher katalogisiert, digitalisiert, wo nötig restauriert und schließlich der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Angesichts des Umfangs dieser Aufgabe werden allerdings wohl noch Jahre vergehen, bis es soweit ist, doch wurde der erste Schritt getan.
Laut der Kooperationsvereinbarung bleibt die Jüdische Gemeinde weiterhin Eigentümerin der Bücher, die Staatsbibliothek kann nun aber mit der bibliothekarischen Nutzung der Werke beginnen. Dr. Ulrich Lohse, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde, zeigte sich hocherfreut und dankbar, „dass dieser Bücherschatz wieder gehoben wird“. Die Gemeinde hätte diese Aufgabe alleine niemals umsetzen können, nun sei mit der Staatsbibliothek „ein kompetenter und leistungsfähiger Partner“ gefunden. Bei der Finanzierung des Vorhabens hofft die Bibliothek auf Kulturstiftungen und Mäzene, die die Aufarbeitung auch einzelner Bände unterstützen.
Es sind vor allem die knapp 6000 Hebraica und Judaica aus dem 17. bis frühen 19. Jahrhundert, die den Wert dieser Sammlung ausmachen. Fast alle herausragenden jüdischen Autoren dieser Epochen sind dort zu finden, darunter die wichtigsten Vertreter sephardischer und halachischer Literatur. Den überaus großen Seltenheitswert dieser zusammenhängenden Sammlung unterstrich auch Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Dr. Dorothee Stapelfeldt. Zugleich betonte sie aber, dass die Bücher den Hamburgern zwar beim Beschreiben, Erinnern und Gedenken an Verlorenes helfen könnten, der Stadt Hamburg die 10.000 umgebrachten und vertriebenen Juden aber „für immer fehlen werden“. Für ihre Rede entlieh die Bürgermeisterin das schöne jüdische Sprichwort „Ein Buch ist ein Freund, der nie verreist“. Dies gelte zwar nicht für die Hamburger Bücher, nun seien sie aber „wie wiedergewonnene Freunde“ zurückgekehrt und würden „hoffentlich nie wieder verreisen“.