13. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2013 | 15. Tewet 5774

Städte der Weisen

Im Mittelalter beherbergten Speyer, Worms und Mainz legendäre jüdische Gemeinden / 2019 könnten deren Spuren zur Welterbestätte erklärt werden

Von Heinz-Peter Katlewski

Deutschland ist ein altes Kulturland mit schöner Natur. Da nimmt es nicht wunder, dass die UNO-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, besser bekannt als UNESCO, insgesamt 38 Wahrzeichen in der Bundesrepu­blik als Welterbestätten, also Bauwerke oder Naturstätten von weltweiter Bedeutung, anerkannt hat. Das sind immerhin knapp vier Prozent aller weltweit anerkannten Standorte, obwohl auf das Land zwischen Rhein und Oder nur 1,1 Prozent der Weltbevölkerung entfallen. Zu den bekanntesten deutschen Welterbestätten gehören der Kölner Dom und das Wattenmeer.
Geht es nach dem Wunsch des Landes Rheinland-Pfalz, wird künftig auch das jüdische Erbe der Städte Speyer, Worms und Mainz Teil des Weltkulturerbes sein. Im vergangenen Jahr beantragte Rheinland-Pfalz bei der Deutschen Kultusministerkonferenz, die jüdischen Spuren in den drei Städten für die Welterbeliste der UNESCO vorzuschlagen. Eine Entscheidung wird die Weltkulturorganisation wohl erst im Jahr 2019 treffen. Bis dahin müssen die SCHUM-Städte – so heißen sie nach dem Akronym aus ihren hebräischen Namen Schpira, Warmaysa und Magenza – diesen Nachlass noch gründlicher erforschen, pflegen und deutlicher sichtbar werden lassen.
In der jüdischen Welt freilich sind die SCHUM-Gemeinden seit fast einem Jahrtausend ein feststehender Begriff. Im 11. und 12. Jahrhundert waren sie eine Hochburg jüdischer Gelehrsamkeit. Im Jahr 1146 erhob eine Rabbinersynode im französischen Troyes die führenden Rabbiner und Rabbinergerichte von Schpira, Warmaysa und Magenza gemeinsam in den Rang der zentralen aschkenasischen Autorität für halachische Entscheidungen. Ihre Repräsentanten waren wichtige Talmud-Kommentatoren, sogenannte Tossafisten. Einige ihrer Meinungen finden sich als Randglossen in gedruckten Talmud-Ausgaben, die meisten sind aber in eigenen Sammlungen aufgehoben, die Rabbiner noch heute aufschlagen.
An den Jeschiwot in Mainz und Worms studierte der bis heute maßgebliche Talmudkommentator Raschi. Der aus Mainz stammende Rabbi Gerschom ben Jehuda (Rabbenu Gerschom) verfasste richtungsweisende halachische Entscheidungen und erlangte den Ehrentitel „Leuchte der Diaspora“. Unter anderem hat er den Aschkenasim die Vielehe verboten und das Postgeheimnis deklariert.
Mit den SCHUM-Gemeinden beschäftigte sich kürzlich eine Tagung der Stadt Worms unter Leitung des Potsdamer Religionswissenschaftlers und Judaisten Prof. Dr. Karl-Erich Grözinger. Wie oft bei der Geschichtsforschung war es auch hier ein Friedhof, „Heiliger Sand“ in Worms, auf dem die Teilnehmer einen ersten Eindruck von der historischen und geistigen Bedeutung der Region für das Judentum gewinnen konnten. Gräber aus rund tausend Jahren sind hier zu sehen. Der älteste lesbare Grabstein stammt aus den Jahren 1076/77. Ein noch älterer ist von 1059, lässt sich aber keiner Person mehr zuordnen.
Einige der vor Jahrhunderten Verstorbenen sind noch nicht vergessen. Man erkennt ihre Gräber an den abgebrannten Teelichtern, die vor ihnen stehen, und an den Stapeln von mit Steinen beschwerten Zetteln. Sie enthalten handschriftlich notierte Gebete und Bittgesuche, vor allem wohl von chassidischen Pilgern hinterlassen. So zum Beispiel am Grab des 1293 gestorbenen Wormser Talmud-Gelehrten Meir von Rothenburg oder an dem Grab des legendären Mainzer Rabbiners Jakob ben Moses ha-Levi Molin, genannt der Maharil. Er hat vor mehr als sechs Jahrhunderten die rituellen Gebräuche der Aschkenasim festgelegt. 1427 wurde er in Worms beigesetzt.
Jede der drei Städte hatte ihre eigenen Gründungslegenden. Ob diese historisch zutrafen, so Professor Grözinger, war für das lokale Selbstbewusstsein nebensächlich. Über Mainz, wo im Mittelalter die wichtigste Talmudhochschule war und die bedeutendsten Rabbiner lehrten und amtierten, gibt es Geschichten, die die dortigen Juden mit Kaiser Karl dem Großen in Verbindung bringen. Dieser soll aus Rom einen gelehrten Rabbiner mitgebracht und mit einer jungen Mainzer Jüdin verehelicht haben. Diese kaiserliche Verkupplung und die Einsetzung eines gelehrten Rabbiners unterstrichen einst den Mainzer Anspruch, die eigentliche halachische Instanz für Aschkenas zu beherbergen.
In Speyer erzählte man sich dagegen, dass die eigenen Kabbala-Gelehrten aus dem Hause eines Patriarchen im babylonischen Exil stammten. Andere Legenden behaupteten, ein Speyrer Gelehrter habe in Barcelona den großen Nachmanides (1194–1270) in Kabbala unterrichtet. Auffällig viele Erzählungen und Wundergeschichten gibt es aus Worms. Der Grund dafür ist, dass es nur hier kontinuierlich eine jüdische Gemeinde gab, auch nach den mittelalterlichen Judenpogromen - bis zur NS-Zeit. Die Wormser Gemeinde war wohlhabend und fühlte sich inmitten einer nichtjüdischen Umwelt sozial akzeptiert. Man wähnte sich daheim, nicht in der Diaspora. So konnte sich eine Erzähltradition entfalten, die aus Worms schließlich das „Heilige Worms“ werden ließ, das aschkenasische beziehungsweise „kleine“ Jerusalem. Dieses Image verbreitete sich bis weit nach Osteuropa. Annette Weber, Professorin für Jüdische Kunst an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, entdeckte zum Beispiel an der Ostwand einer Synagoge im weißrussischen Mogilev ein stilisiertes Abbild von Worms, gemalt im Jahre 1740. Daneben war eines von Jerusalem.
In Worms sind Spuren des alten Glanzes noch zu sehen: das jüdische Museum „Raschi-Haus“, direkt daneben die wieder aufgebaute Synagoge mit Frauen-Schule und „Raschi-Kapelle“, die Judengasse und der älteste jüdische Friedhof Europas, „Heiliger Sand“. In Speyer ist im Museum Schpira immerhin die älteste Mikwa nördlich der Alpen zu bestaunen, außerdem existieren Überreste der alten Synagoge. Dagegen ist das jüdische Erbe des Mittelalters in Mainz kaum mehr mit den Händen zu greifen.