13. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2013 | 15. Tewet 5774

Tragischer Ausgang

Nach der Emanzipation träumten viele Juden vergeblich von voller Akzeptanz durch die deutsche Gesellschaft und Politik

Von Carsten Dippel

„Wir sind entweder Deutsche oder wir sind heimatlos“, beschwor einst der jüdische Jurist Gabriel Riesser (1806–1863) sein Bekenntnis zu Deutschland. Er gab damit dem Traum vieler Juden Ausdruck, als gleichberechtigte Bürger anerkannt zu werden. Seit den Tagen von Moses Mendelssohn waren Juden in Deutschland von der Sehnsucht getrieben, dazuzugehören. Nach der Reichsgründung 1871 schien sich diese Sehnsucht Schritt für Schritt, wenn auch nicht ohne Rückschläge und trotz teils erheblicher Gegenwehr, zu erfüllen. Bis zum Untergang der Weimarer Republik erlebte das deutsche Judentum tatsächlich die bis dahin wohl freieste Phase seiner Geschichte.
Was war deutsches Judentum in jener kurzen Blütephase der Emanzipation? Dieser Frage widmete das Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg kürzlich seine erste internationale Tagung. Dabei wurden zentrale Aspekte der deutsch-jüdischen Identität herausgegriffen: Wie integriert waren Juden wirklich? Wie deutsch fühlten sie sich? Im Mittelpunkt standen die Selbstwahrnehmung und das Identitätsbewusstsein deutscher Juden, die Vielfalt von Existenzen und die Rolle von Juden in der Kultur, in der Politik und in der Gesellschaft vor allem Preußens und Berlins.
Die aufstrebende deutsche Reichshauptstadt war ein großer Schmelztiegel, so Michael A. Meyer (Cincinnati) bei der Tagung. Ein dynamischer Ort und Anziehungspunkt für viele Juden. Hier schienen sich viele ihrer Sehnsüchte zu erfüllen: Berlin als Ort der Toleranz, in dem wirtschaftlicher Erfolg ebenso möglich war wie das breite Engagement in Kultur und Wissenschaft. In Berlin prallten aber auch die unterschiedlichsten Ausprägungen jüdischer Identität aufeinander. Hier flossen verschiedenste politische, religiöse und soziale Strömungen zusammen. Der Kontrast zwischen dem alteingesessenen deutschen Judentum und den Zuwanderern aus Osteuropa konnte kaum stärker sein: ein Kaleidoskop von Identitätsmodellen, das es schwer machte, von dem einen deutschen Judentum zu sprechen.
Ein Sinnbild für die Ablehnung exklusiver jüdischer Identität und für das Bekenntnis zu einem nationalen deutschen Selbstverständnis, führte Frank Mecklenburg (New York) aus, sei der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gewesen. Das Jahr 1933 markierte dann aber einen radikalen Bruch im Selbstverständnis deutscher Juden. Durch die Rassentheorien der Nationalsozialisten verschwand für sie mit einem Schlag die Hoffnung auf Akzeptanz und Gleichberechtigung.
Wie quälend die Frage nach der Zugehörigkeit sein konnte, machte Stefanie Schüler-Springorum (Berlin) deutlich, die sich eingehend mit der kommunistischen Jugendbewegung auseinandersetzte. Die Hoffnung auf einen neuen Menschen führte jüdische Jugendliche oftmals in den Kommunismus: eine wegweisende Entscheidung, der nicht selten ein Bruch mit dem von Tradition und Religion geprägten Elternhaus vorausgegangen war. Familiäre Spuren, auch von später prominenten jüdischen Kommunisten, führten immer wieder in das durch Enge, Armut und Identitätskonflikte geprägte Berliner Scheunenviertel. Der jüdischen Tradition wollten die Jugendlichen entfliehen. Doch in der schönen neuen Welt des Kommunismus wurde gerade ihre jüdische Herkunft mit Argusaugen betrachtet.
Während in Frankreich die durch die Französische Revolution dekretierte Emanzipation der Juden am Anfang der Entwicklung stand, herrschte in Deutschland die Vorstellung, volle Gleichberechtigung könne nur am Ende eines langen Prozesses stehen, bei dem, so Shulamit Volkov (Tel Aviv), Juden „gutes Benehmen“ zu zeigen hatten. Wie eng die Grenzen der Akzeptanz waren, zeigte sich in der Politik, zu der Juden kaum Zugang hatten. Eine jüdische Mehrheit setzte große Hoffnungen in den Linksliberalismus. Doch es gab durchaus auch solche, die sich dem rechten Lager zuordneten. Dort freilich wurden sie, so patriotisch sie sich selbst auch immer verstanden, noch viel stärker als in anderen Parteien zuerst immer als Juden und nicht als Deutsche wahrgenommen.
Für Till van Rahden (Montreal) bildeten Juden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Kerngruppe des deutschen Bürgertums. Nachdem sich die alteuropäischen gesellschaftlichen Verhältnisse spürbar verändert hätten, erklärte er, sei es Juden möglich gewesen, in diese Schicht aufzusteigen. Im Herzen der neuen bürgerlichen Gesellschaft entstand eine auf individueller Freiheit beruhende Vielfalt, doch mussten Juden auch hier erst ihre Rolle finden.
Eine Zäsur, so Julius H. Schoeps (Potsdam), habe mit dem völkisch-ideologischen Antisemitismus eingesetzt, der Juden nicht mehr nur das Recht abgesprochen habe, zur bürgerlichen Gesellschaft zu gehören, sondern die Existenzberechtigung an sich. Wer sich vor 1933 für einen deutschen Juden hielt, hatte eine ziemlich klare Vorstellung davon, was das hieß: ein Bekenntnis zur jüdischen Herkunft und gleichzeitig zur deutschen Sprache und Kultur. Es war das Ergebnis eines langen Selbstfindungsprozesses, bei dem es um die Frage ging: deutscher Jude oder Jude in Deutschland?
Mit ihrem leidenschaftlichen Bekenntnis zu Deutschland hofften viele Juden, dass sich die Anerkennung von selber einstellen würde. In gewisser Weise handelte es sich dabei um ein Missverständnis. Denn zwar waren Juden überall dort, wo ihnen keine Steine in den Weg gelegt wurden, bemüht, in der Gesellschaft aktiv zu sein, doch hatten viele trotzdem nie das Gefühl, wirklich dazuzugehören. Es war ein „beklommenes Gefühl der Einengung, der Verlorenheit“, wie es Walther Rathenau beschrieb. Für die damalige deutsche Mehrheitsgesellschaft blieben Juden immer Bürger zweiter Klasse. So blieb der Traum einer vollständigen Akzeptanz nicht mehr als Wunschdenken mit letztendlich tragischem Ausgang.