13. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2013 | 15. Tewet 5774

Hüter der Vergangenheit

Die Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen ist seit einem halben Jahrhundert tätig

Von Ralf Pasch

Ruth Wagner hat viele öffentliche Ämter bekleidet, aber keines wie dieses: Seit 2005 ist die ehemalige hessische Ministerin für Wissenschaft und Kultur Vorsitzende der „Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen“, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feierte. Nicht ohne Stolz verweist Ruth Wagner da­rauf, dass diese Kommission mit ihren 70 Mitgliedern bundesweit einzigartig ist. Um die jüdische Geschichte im Lande zu erzählen, hat das aus Wissenschaftlern, Denkmalpflegern, Lehrern, Museumsmitarbeitern, Archivaren und Bibliothekaren bestehende Gremium umfassende Arbeit geleistet, unter anderem mit dem auch 20 Jahre nach seinem Erscheinen noch immer maßgebenden Band „900 Jahre Geschichte der Juden in Hessen“. Inzwischen weist die Liste der Publikationen, die durch das Engagement der Kommission veröffentlicht werden konnten, 35 Titel auf.
Die Kommission, deren Geschäftsstelle sich am Staatsarchiv in Wiesbaden befindet, war entstanden, als in Frankfurt am Main die Vorbereitungen für den ersten Auschwitz-Prozess gegen ehemalige Angehörige der Lagermannschaft des Vernichtungslagers liefen. Die treibende Kraft bei der Gründung der Kommission war der damalige Kultusminister Ernst Schütte, der nicht nur die wissenschaftliche Aufarbeitung der jüdischen Vergangenheit als Ziel vorgab, sondern auch ein Startkapital von damals 15.000 DM zur Verfügung stellte. Zum ersten Vorsitzenden der Kommission wurde der ehemalige Leiter des Staatsarchivs in Wiesbaden, Georg Wilhelm Sante, gewählt. Anfangs gab es Rivalitäten mit einer ähnlichen Kommission in Frankfurt, doch konnten die Differenzen in den siebziger Jahren ausgeräumt werden.
Die Ziele, die sich die Kommission gesteckt hat und die sie auch heute noch verfolgt, sind vielfältig. Neben der Veröffentlichung von Büchern gehört die Erfassung von Archivmaterial ebenso dazu wie die Erarbeitung einer Bibliografie und die Inventarisierung von Friedhöfen, Grabsteinen und Sy­nagogen. Vieles ist inzwischen realisiert oder zumindest angeschoben worden, doch werden viele Vorhaben wohl noch Jahre in Anspruch nehmen. Die Erforschung der 250 erhaltenen jüdischen Friedhöfe ist eines der Großprojekte, die noch geraume Zeit benötigen. Gegenwärtig sucht die Kommission Freiwillige vor Ort, die bei der Dokumentation der Grabstätten helfen. 11.000 Inschriften von 50 Friedhöfen sind inzwischen über LAGIS, das Dokumentationssystem des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde in Marburg, im Internet abrufbar. „An manchen Tagen sind mehrere Hundert Zugriffe zu verzeichnen“, freut sich die Kommissionsvorsitzende über den Erfolg des Projekts. Ähnlich stark sei die Nachfrage nach den Personenstandsregistern jüdischer Familien, die man inzwischen ebenfalls im Internet finde. Die Originale – es handelt sich vor allem um Bestände aus dem 19. Jahrhundert – sind zwar verschollen, doch fanden sich im Staatsarchiv Wiesbaden Filmkopien. Davon wurden Positivabzüge angefertigt und digital zugänglich gemacht.
Das erst nach 1945 entstandene Bundesland Hessen hatte sich sehr früh für die Bewahrung jüdischen Erbes stark gemacht. So gaben hessische Politiker Mitte der 50er-Jahre den Anstoß für die Vereinbarung, laut der sich die Länder und der Bund die Ausgaben für die Pflege jüdischer Friedhöfe zur Hälfte teilen. 1986 schloss die Landesregierung einen Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden in Hessen, der die Pflege der Kulturgüter regelt.
Lange Zeit sei das öffentliche Interesse für Friedhöfe und Synagogen eher gering gewesen, erinnert sich Wagner. 420 Synagogen habe es in Hessen vor dem Holocaust gegeben, 160 davon seien in den 1950er-Jahren noch übrig gewesen, diese Zahl habe sich dann nochmals reduziert, weil einige überbaut oder gar abgerissen wurden. Seit 1988, als sich die von den Nazis angezettelten Novemberpogrome zum 50. Mal jährten, seien die Synagogen aber stärker ins Blickfeld gerückt. Inzwischen haben verschiedene Initiativen für die Restaurierung und neue Nutzung etlicher Bauwerke gesorgt. Kürzlich gründete sich im nordhessischen Felsberg ein Verein, der das dort bisher als Res­taurant genutzte Synagogengebäude kaufen, sanieren und nicht nur als Museum und Veranstaltungsort, sondern auch für Gottesdienste der nordhessischen liberalen Gemeinde Emet weSchalom nutzen will.
Bei der Restaurierung der Synagogen wurde, berichtet Ruth Wagner, nach Möglichkeit Wert darauf gelegt, dass die Spuren der Zerstörung während der Nazi-Zeit nicht übertüncht wurden, sondern weiter sichtbar blieben. Die Kommission hatte bereits 2008 gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege ein „Synagogenbuch“ herausgegeben, das demnächst in einer Neuauflage – um die inzwischen sanierten Bauwerke erweitert – erscheinen soll.