13. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2013 | 15. Tewet 5774

Zeuge der Zeiten

Heinz-Joachim Aris hat die NS-Verfolgung in Dresden überlebt, blieb in der DDR und baute jüdisches Leben nach der Wende mit auf

„Ich komme aus dem Nahen Osten.“ Diesen Satz verkündete Heinz-Joachim Aris, ohne mit der Wimper zu zucken, als sich Mitglieder des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland beim jüngsten Gemeindetag in Berlin den Teilnehmern vorstellten. Falls aber jemandem bei diesen Worten Geburtsorte wie Jerusalem, Kairo oder Beirut in den Sinn kamen: gemeint war, mit unaufgeregt vorgetragenem Humor, nicht der Nahe Osten, sondern der ganz nahe Osten: die ehemalige DDR.
„Hört man doch, oder?“ schmunzelt Aris im anschließenden Gespräch mit der „Zukunft“. In der Tat ist der sächsische Zungenschlag beim Vorsitzenden des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden unverkennbar. In der jüdischen Szene in Deutschland, wo die allermeisten in einem anderen Land geboren wurden oder zumindest von zugewanderten Eltern stammen, ist Aris eine Ausnahme. Er wurde in zweiter Generation in Dresden geboren, wo er bis heute lebt. Auch seine beiden Töchter sind in der sächsischen Metropole zu Hause.
Das bedeutet aber keineswegs, Aris’ Leben sei abwechslungsarm verlaufen. Ganz im Gegenteil. Außergewöhnlich war bereits die im Dezember 1933 geschlossene Ehe von Heinz-Joachims Eltern. Seine Mutter Susanne war eine „Arierin“, die es sich auch unter dem Nazi-Terror nicht nehmen ließ, den „Volljuden“ Helmut zu heiraten – dies in einer Zeit, in der sich viele Nichtjuden von ihren Ehepartnern trennten. Susanne blieb auch konsequent: 15 Jahre später trat sie offiziell zum Judentum über.
So wurde Heinz-Joachim 1934 in eine Zeit hineingeboren, in der er und seine anderthalb Jahre jüngere Schwester Renate von früh an den gelben „Judenstern“ tragen mussten, keine Schule besuchen und auch öffentliche Verkehrsmittel nicht nutzen durften. Der Vater durfte zwar zu Hause wohnen, wurde aber jeden Tag zur Zwangsarbeit herangezogen.
Glück im Unglück: Die Familie kam bei der „arischen“ Großmutter unter. „In dem Haus, in dem sie lebte“, erzählt Aris, „wohnten anständige Leute. Wir wurden von den Nachbarn in keiner Weise angefeindet.“ Zum Schluss wurde das Überleben eine Frage des Zufalls. Für den 16. Februar 1945 hatte die Familie einen Deportationsbefehl erhalten. Ziel war das Konzentrationslager Theresienstadt. Diesem Schicksal entging sie nur durch den alliierten Luftangriff auf Dresden am 13. und 14. Februar.
Am 8. Mai 1945, einen Tag nach Aris’ Geburtstag, wurde Dresden von der Roten Armee eingenommen – für Aris und seine Familie die langersehnte Befreiung, aber kein nahtloser Übergang zur Normalität. „Auf die Schule kam ich erst mit elf“, sagt er. Und zwar – fast altersgerecht – gleich in die vierte Klasse. Das war dem in der NS-Zeit von den Eltern erteilten Heimunterricht zu verdanken, der aber mit einem geordneten Schulbetrieb nicht zu vergleichen war. So mussten Heinz-Joachim und seine Schwester große Wissenslücken aufholen. Die Lehrer, so Aris, gaben sich große Mühe, ihnen zu helfen. „Vor allem mit der Rechtschreibung“, erinnert er sich, „hatte ich damals Probleme.“
1948 feierte Heinz-Joachim seine Bar-Mitzwa. Das ließ sich die bewusst jüdisch lebende Familie nicht nehmen. Man lebte zwar nicht koscher – das wäre auch nicht so leicht gewesen –, doch wurde freitagabends der Schabbat „mit eiserner Disziplin“ gefeiert. Vater Helmut war ab 1953 bis zu seinem Tod im Jahr 1987 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Dresden und ab 1962 auch Vorsitzender des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR.
Heinz-Joachim studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Leipzig und arbeitete in leitender Funktion in der Industrie. Nach dem Tod seines Vaters wurde er gebeten, in den Vorstand der Dresdener Jüdischen Gemeinde nachzurücken. Die jüdischen Gemeinden waren für das DDR-Regime keine Gefahr. Sie wurden geduldet. Selbst Kontakte mit jüdischen Organisationen im „kapitalistischen Ausland“ – nicht aber zu Israel – waren, unter strikter Kontrolle des Regimes, möglich. Aris selbst durfte sogar zu jüdischen Veranstaltungen in den Westen reisen. Auf persönlicher Ebene allerdings durfte der Industriemanager nur sozialistisches Ausland besuchen und musste sich verpflichten, keine Westkontakte zu unterhalten. „Ich hatte aber eine Tante, die 1939 nach Chile geflüchtet war“, berichtet Aris. „Den Kontakt zu ihr, einer von den Nazis verfolgten Jüdin, abzubrechen, habe ich mich geweigert. Das wurde denn auch akzeptiert.“
Nach der deutschen Vereinigung nahm Aris das Angebot eines vorgezogenen Ruhestandes an, als die Kleinmotorenfabrik, in der er arbeitete, unter dem Konkurrenzdruck aus dem Westen in Schwierigkeiten geriet. Seitdem engagiert er sich noch intensiver im jüdischen Leben. Bis Mitte 2012 war er Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, deren Mitgliederzahl dank der Zuwanderung von 61 im Jahr 1989 auf heute 720 gestiegen ist. Er hatte maßgeblichen Anteil an der Integration der neuen Gemeindemitglieder aus der ehemaligen UdSSR in seiner Heimatstadt. Dazu gehörte nicht zuletzt die nur scheinbar banale Wohnraumbeschaffung für die Zugezogenen. 2002 wurde er ins Direktorium des Zentralrats gewählt und ist seit 2006, mit anderthalbjähriger Unterbrechung, Mitglied des Präsidiums. Auch im jüdisch-christlichen Dialog ist Aris tätig. Vor einem Jahr wurde ihm der sächsische Verdienstorden verliehen.
Die Gemeinde und ihre Mitglieder, weiß Aris zu berichten, seien gut in ihre Umwelt integriert. Dass jüdisches Leben in seiner Stadt eine erneute Blüte erlebt, freut den Ur-Dresdner. Hätte er zu DDR-Zeiten geglaubt, dass es jemals dazu kommt? Wohl kaum. Auf der anderen Seite: Dass das Leben unerwartete Wenden nimmt, ist jemand wie Heinz-Joachim Aris geradezu gewohnt.

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