13. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2013 | 15. Tewet 5774

Im Aufwind

Die jüdische Gemeinschaft wird in Deutschland zunehmend als integraler Teil der Gesellschaft empfunden / Das liegt auch an unserem eigenen Bewusstseinswandel

Von Dieter Graumann

Wer mit jüdischem Leben in Deutschland vertraut ist, erkennt auch einen spürbaren Wandel in der Einstellung der nichtjüdischen Umwelt zu uns, der jüdischen Gemeinschaft. Wir werden längst nicht nur bei der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit erwähnt oder lediglich bei Antisemitismusfragen zurate gezogen. Vielmehr beachtet die deutsche Öffentlichkeit zunehmend die jüdische Gegenwart und ihr vielfältiges produktives Schaffen. Insbesondere in den letzten Jahren erleben wir eine expandierende Wahrnehmung jüdischer Kultur, jüdischer Einrichtungen und jüdischer Veranstaltungen durch die Medien wie durch die Politik. Ganz deutlich wurde das im November in Berlin beim letzten Gemeindetag des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dort sprach Bundespräsident Joachim Gauck nicht nur zu uns, sondern auch mit uns. Dies war ein ganz besonderes Zeichen der Freundschaft und des Res­pekts. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit rief nicht nur zu Toleranz auf, sondern würdigte auch ganz ausdrücklich das blühende jüdische Leben in der Hauptstadt als eine Bereicherung. Im letzten Jahr durften wir bei der Ratsversammlung des Zentralrats zudem zum ersten Mal Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel begrüßen. Diesen Besuch kann man gar nicht hoch genug bewerten. Denn die Beschneidungsdebatte hatte tiefe Wunden, Verletzungen und bei vielen auch Verunsicherung hinterlassen. Der Besuch der Regierungschefin war deshalb umso wichtiger, war er doch ein starkes Signal der Nähe und der Unterstützung in schwerer Zeit. Das vergessen wir nicht.
Das sind natürlich nur einige Bespiele. Die Wahrnehmung jüdischen Lebens, die Begegnung zwischen unserer Gemeinschaft und der nichtjüdischen Umgebung findet überall und in jedem Moment statt. Tagtäglich erleben wir Begegnungen und schaffen Begegnungsorte, die zum respektvollen Miteinander und gegenseitigen Verständnis beitragen. Das Schönste dabei ist, dass dies mittlerweile unbewusst geschieht, und zwar in unserem ganz persönlichen Alltag. Wir stehen morgens nicht auf mit dem Gedanken, heute Brücken im interreligiösen Dialog zu bauen – es ist noch viel besser: Wir überqueren diese Brücken oft, ohne es zu merken. Und zwar aus einem simplen Grund: Jüdisches Leben ist in Deutschland wieder zu Hause. Es ist stark, selbstbewusst und sicher – und ein integraler Teil der deutschen Gesellschaft.
Ich will dennoch nicht so tun, als wären nun paradiesische Zustände eingekehrt. Wie wir alle wissen, stoßen Juden keineswegs nur auf zustimmendes Interesse. Antisemitische Stimmungen sind nicht nur am linken und rechten Rand, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft zu finden. Umfragen belegen dies auf erschreckende Weise. Antisemitismus ist zwar gesellschaftlich verpönt und antisemitische Positionen sind keineswegs politisch tonangebend, doch spürt man den sogenannten latenten Antisemitismus vielerorts viel zu stark. Einer kürzlich erschienenen Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zufolge, betrachten etwa 60 Prozent der befragten jüdischen Menschen in Deutschland Antisemitismus als wesentliches Problem. Wenn jüdisches Leben sich großenteils unter Polizeischutz abspielen muss, wenn Juden zögern, sich auf der Straße durch religiöse Symbole als Juden „erkennbar“ zu machen oder gar einige Stadtteile meiden wollen, dann können wir nicht von wirklicher „Normalität“ sprechen. Und dies ist und bleibt ein Skandal, den wir niemals akzeptieren können und werden. Wir werden uns nie mit No-go-Areas für unsere jüdische Gemeinschaft noch für sonst eine andere religiöse Minderheit abfinden, und schon gar nicht werden wir unser Judentum im Geheimen ausleben. Ganz im Gegenteil: Wir werden weiter gegen Antisemitismus vorgehen, Diskriminierungen entgegentreten und dabei niemals aufhören unser neues, florierendes Judentum zu stärken und für die Zukunft zu gestalten. Dabei sollten wir die vielen positiven Entwicklungen im Auge behalten. Denn für große Teile der deutschen Gesellschaft gilt doch, dass jüdisches Leben zunehmend ein integrales Element dieser Gesellschaft ist. Das können wir klar feststellen, ohne unseren ebenso klaren Blick auf die real existierenden Probleme zu verlieren.
Mut macht allemal, dass viele Bundesbürger sich heute zu einem bunteren, vielfältigeren Deutschland bekennen. Hier ist eine wirkliche Willkommenskultur immer wichtig, gerade im Hinblick auf die diversen Integrationsfragen, über die in Deutschland immer wieder debattiert wird. Wir, die jüdische Gemeinschaft, haben dies doch erfolgreich vorgemacht. Durch offene Arme und warme Herzen haben wir es geschafft, mehr als 20 Jahre nach Beginn der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion nicht nur quantitativ zu wachsen, sondern als jüdische Gemeinschaft tatsächlich zusammenzuwachsen.
Sicherlich hat auch der Wandel innerhalb unserer eigenen jüdischen Selbstwahrnehmung dazu beigetragen, eine in Deutschland selbstverständliche und selbstbewusste Präsenz zu sein und zu zeigen. Wir sind heute stärker in Deutschland verortet als Juden in den ersten Jahrzehnten nach der Schoa, als sie es damals sein konnten. Zu dieser Verortung gehören mehrere Elemente. Notwendig, wenngleich nicht hinreichend, ist sicherlich das zahlenmäßige Wachstum unserer Gemeinden dank der Zuwanderung. Selbstverständlich schafft eine Gemeinschaft von mehr als 100.000 Menschen ganz andere Rahmenbedingungen als eine Gemeinschaft von 25.000 Menschen, wie sie vor dem Jahr 1990 bestand.
Ein rein mengenmäßiges Wachstum wäre für den jüdischen Aufschwung, dessen Zeuge wir heute sind, aber eben nicht hinreichend. Mit der Quantität ist auch das bunt und pluralistisch ausgelebte Interesse unserer Gemeinschaft am Judentum, ist der geistige Bedarf am Erleben der jüdischen Religion und Kultur gestiegen. Es ist der Wunsch nach einer Mitgliedschaft in jüdischen Gemeinden und an aktiver Teilnahme am Gemeindeleben. Nur deswegen konnte eine Nachfrage nach neuen Synagogen, Gemeindezentren, Gottesdiensten, Rabbinerinnen und Rabbinern, Kantoren und Religionslehrkräften, nach Ausbildungsstätten, Lehrhäusern und Kultureinrichtungen, nach jüdischen Sportvereinen und Bibliotheken und nach all dem entstehen, was zum jüdischen Leben gehört. Ohne Interesse kein Bedarf. Ohne Bedarf keine aktive Nachfrage. Und ohne Nachfrage ist ein Angebot sinnlos. Das gilt nicht nur in der Ökonomie.
Parallel dazu erfolgte eine zunehmende Öffnung der jüdischen Gemeinschaft nach außen hin und zwar im Sinne der ausgestreckten Hand. Wir bringen uns mit unserer jüdischen Identität in die Gesellschaft ein, deren Teil wir sind. Wir zeigen der nichtjüdischen Umwelt, wie viel positive Kraft im Judentum steckt, wie universal unsere Werte sind und welche Gemeinsamkeiten uns doch verbinden. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist der unter dem Dach des Zentralrats stattfindende bundesweite Mitzvah Day. Allein im November dieses Jahres nahmen mehr als 2000 Mitglieder aus 50 Gemeinden und Einrichtungen in 20 Städten an insgesamt rund 120 sozialen Aktionen teil. Unser Beitrag kam auch vielen nichtjüdischen Einrichtungen zunutze, ob sie nun christlich oder moslemisch sind, ob sie sozial Schwache, Senioren oder Flüchtlinge betreuen. Der Zentralrat der Juden hat sich schon immer auch für andere Menschen in Not eingesetzt. Das ist der politische wie auch moralische Markenkern unserer In­stitution. Der Mitzvah Day zeigte, wie die jüdische Gemeinschaft auch nach außen hin ein wichtiges jüdisches Gebot erfüllt. Indem man sich nämlich im Sinne des „Tikun Olam“ für andere einsetzt, macht man die Welt ein klein wenig besser. Eine gelungenere Kombination ist doch kaum denkbar.
Jüdisches Engagement findet auf vielfältige Weise statt. Jüdische Einrichtungen und Gemeinden sind an gemeinnützigen Aktivitäten beteiligt, von städtischen Foren bis hin zur Bundesebene. Man engagiert sich unermüdlich im Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus und gegen andere Gefahren, die die Freiheit und Demokratie in diesem Land bedrohen. Wir suchen politische Allianzen und finden sie auch meistens, sei es beispielsweise bei unserer Forderung nach einem NPD-Verbotsantrag, den der Bundesrat nun eingereicht hat, oder mit der gesetzlichen Sicherung der Brit Mila im vergangenen Jahr, wo sich die Politik verantwortungsbewusst und vorbildlich an unsere Seite stellte. Der Zentralrat war im Juli dieses Jahres einer der Unterzeichner des im Vorfeld der Bundestagswahl von 22 Organisationen veröffentlichten Aufrufs zur Respektierung der gesellschaftlichen Vielfalt und der Würde aller Menschen in Deutschland. Aber auch religiöse und gesellschaftliche Allianzen brauchen wir, und sie tun uns gut. Besonders mit den beiden Kirchen im Land haben wir Partner, auf die wir uns mittlerweile verlassen können. Daher war es auch richtig, den ersten Repräsentanten der Evangelischen Kirche hierzulande, Nikolaus Schneider, mit dem Leo-Baeck-Preis im Rahmen unseres Gemeindetags auszuzeichnen.
Ein auf Wissen und Erkenntnis beruhendes Selbstbewusstsein ist ein unerlässliches Element bei der Interaktion zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der Umwelt. Deswegen werden wir auch künftig großen Wert auf beides legen: eine Stärkung unserer inneren Strukturen und unserer jüdischen Identität auf der einen und eine weitere Vertiefung unseres Engagements als Teil der Gesellschaft als Ganzes auf der anderen Seite. Dieser Aufwind wird uns weit nach vorne tragen – davon bin ich heute so fest überzeugt wie noch niemals zuvor.

Dr. Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland