13. Jahrgang Nr. 11 / 29. November 2013 | 26. Kislew 5774

Kaufhauskönig, Kunstfreund, Kulturzionist

Chemnitzer Tagung ruft das Lebenswerk von Salman Schocken in Erinnerung

Hannah Arendt nannte ihn „den jüdischen Bismarck“, andere bewunderten ihn lieber als „Kaufhauskönig“. Salman Schocken (1877–1959), Sprössling einer polnisch-jüdischen Familie aus der Gegend von Posen, wurde noch zu Lebzeiten als Unternehmer, Verleger, Wissenschaftsförderer und Kultur-Zionist eine Legende. Dennoch gibt es bis heute keine einzige Schocken-Biografie in deutscher Sprache, obwohl dem Unternehmer der eigentliche Aufstieg in Deutschland gelang.
Umso verdienstvoller war die internationale Tagung in Chemnitz, die im Oktober Schockens Lebenswerk neu in Erinnerung rief. Die Veranstaltung brachte Historiker aus Deutschland, Israel, den USA, Polen, Tschechien und der Schweiz sowie Schockens Nachfahren zusammen. Zudem konnte der Konferenz-Ort kaum besser passen: Mitten im Zentrum der sächsischen Industriestadt steht noch heute eines der berühmten Schocken-Kaufhäuser – ein im Halbrund gehaltener Stahlskelettbau mit markanten Erkern, die bei nächtlicher Beleuchtung zu schweben scheinen. Wie durch ein Wunder hatte der vom deutsch-jüdischen Architekten Erich Mendelsohn entworfene und 1930 eröffnete Bau den verheerenden alliierten Bombenangriff vom 5. März 1945 überstanden. Auch in den Nachkriegsjahrzehnten firmierten hier diverse Kaufhausunternehmen. Der Schocken-Konzern war hingegen durch „Arisierung“ verschwunden. 2014 zieht nun neu das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz in das Gebäude ein, flankiert von drei Dauerausstellungen, die sich mit Leben und Werk von Salman Schocken, mit Erich Mendelsohns Architektur und mit der Geschichte des Schocken-Konzerns beschäftigen werden.
Den Brüdern Salman und Simon Schocken war es selbst während der krisengeschüttelten 1920er und zu Beginn der 1930er Jahre gelungen, 14 florierende Kaufhäuser in kleineren und mittelgroßen Industriestädten im sächsischen Raum zu etablieren. Eine Verkaufskultur, die ausdrücklich auch Geringverdienern Respekt zollte, machte die Kette weithin beliebt. 1931 stand der Schocken-Konzern im Zenit seines Erfolges, beschäftigte mehr als 5.000 Mitarbeiter und notierte einen Jahresumsatz von rund 100 Millionen Reichsmark.
Allerdings hat sich Salman Schocken stets für mehr als nur für Umsatzzahlen interessiert. Rabbi Baruch Yonin (Jerusalem) berichtete auf der Chemnitzer Tagung von frühem Interesse des Unternehmers an deutschen Klassikern. Im Jahr 1907 wurde die Lektüre von Martin Bubers „Geschichten des Rabbi Nachman“ für Salman zu einem regelrechten Schlüsselerlebnis. Von nun an sammelte er beständig Hebraica und Judaica aus verschiedenen Jahrhunderten. Zugleich begann er, die Arbeiten des he­bräischsprachigen Schriftstellers Schmuel Josef Agnon, des Philosophen Martin Buber und des Kabbala-Forschers Gershom Scholem mit großzügigen Stipendien zu fördern.
Nach der Emigration aus Nazi-Deutschland im Jahre 1934 sah Schocken viele seiner deutsch-jüdischen Freunde und Geistesverwandten in Jerusalem wieder, wo ihm Erich Mendelsohn eine imposante Villa im Stadtteil Rechawia und eine separate, ebenso moderne Bibliothek errichtete. Laut der Baseler Historikerin Stefanie Mahrer wurden die Familie Schocken und ihr Haus ein besonders wichtiger Anziehungspunkt für die deutsch-jüdische Schriftsteller- und Intellektuellenszene.
Auch in seinen Palästina-Jahren war Salman Schockens Engagement kaum zu bremsen. In Jerusalem gründete er ein „Institut zur Erforschung der jüdischen Mystik“ und förderte Studien zur hebräischen Dichtung. Jahrelang fungierte er zudem als Verwaltungsdirektor der Hebräischen Universität, und er machte sie zu einem professionellen, weltoffenen Wissenschaftsstandort. Doch das sollte noch längst nicht alles sein. 1935 kaufte Salman Schocken die in der Krise steckende hebräischsprachige Tageszeitung „Ha’aretz“, die sein Sohn Gustav (Gershom) übernahm und die seit 1990 vom Enkel Amos Schocken geführt wird.
Dass Salman Schocken die letzten Jahre seines Lebens dann vorrangig in New York verbrachte – wo er den Verlag „Schocken Books“ gründete und sich ein weiteres jüdisches Lesepublikum erschloss –, passt nahtlos in seinen Werdegang. Er blieb der eigenwillige, rastlose, kreative Geist, der seine jüdischen Wurzeln für immer entdeckt hatte.

Olaf Glöckner