13. Jahrgang Nr. 11 / 29. November 2013 | 26. Kislew 5774

Zu Gast in Berlin

Die Europäische Rabbinerkonferenz beriet über Perspektiven jüdischen Lebens in Europa

Von Olaf Glöckner

Wie kann einer jüdischen Frau geholfen werden, deren Mann die religiöse Scheidung verweigert? Wie können Schritt für Schritt stabile und vitale jüdische Gemeinden entstehen? Wie lässt sich die Kaschrut auch in entlegenen, kleinen Gemeinden sichern? Über diese und viele andere Fragen diskutierten vom 10. bis 12. November mehr als 200 Rabbiner aus ganz Europa in Berlin.
Die Schriftgelehrten waren der Einladung zur Generalversammlung der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER) gefolgt, welche erstmals in Deutschland tagte. 1956 gegründet, geht die CER auf eine Initiative des früheren britischen Oberrabbiners Sir Israel Brodie zurück. Er und seine Mitstreiter hatten die Vision vom Wiederaufbau der zerstörten jüdischen Gemeinschaft in Europa, und dazu gehörte auch ein gemeinsames Rabbinergremium. Heute gehören der Konferenz rund 700 orthodoxe Rabbiner aus allen Teilen des Alten Kontinents an.
Das für die diesjährige Konferenz Berlin als Ort ausgewählt wurde, war durchaus kein Zufall. 75 Jahre nach der von den Nationalsozialisten organisierten Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 gedachten die Rabbiner der Zerstörung von mehr als 1.000 jüdischen Gotteshäusern, der Todesopfer von Gewaltexzessen und der Juden, die unmittelbar im Anschluss an die „Kristallnacht“ in NS-Konzentrationslager verschleppt wurden. In Erinnerung an den Novemberpogrom hielt die Rabbinerkonferenz eine Gedenkstunde in der Synagoge der Jeschiwa Beis Zion in Berlin-Mitte ab. Der Gedenkstunde wohnten auch der Präsident des Zen­tralrates der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich und der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Botschafter Ronald S. Lauder, bei (zur Ansprache Dr. Graumanns siehe Seite 4).
Heute verkörpert die Synagoge in der Berliner Brunnenstraße wieder die Hoffnung auf eine starke jüdische Zukunft. Denn in den 1990er Jahren konnte das brachliegende Gotteshaus am historischen Ort umfassend und prächtig rekonstruiert werden. Bald danach zogen hier eine Jeschiwa, ein jüdischer Kindergarten und schließlich auch das neu gegründete Rabbinerseminar zu Berlin ein, das heute Rabbiner für ganz Deutschland ausbildet.
In der Tat staunten die Gäste aus mehr als 30 Ländern nicht wenig über das, was im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte an neuen jüdischen Bildungsstrukturen in Deutschland geschaffen werden konnte. Doch während sich schon in den ersten Konferenzstunden viele lebhafte Gespräche um Bildung, Gemeindeaufbau, Seelsorge, Kaschrut und anderes drehten, mussten gezwungenermaßen auch dringliche politische Themen auf die Agenda. So warnte der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt aus Moskau, entschieden vor einer zunehmenden Religionsfeindlichkeit in Europa. Er verwies dabei auf das jüngst beschlossene Verbot der rituellen Schächtung in Polen und auf eine Resolution der parlamentarischen Versammlung des Europarates vom Oktober 2013, die die jüdische Beschneidung, die Brit Mila, offen infrage stellt. Und erst wenige Tage vor der Berliner Rabbinerkonferenz zeigten die Ergebnisse einer groß angelegten Umfrage unter Juden aus neun EU-Staaten deren wachsende Verunsicherung in ihren jeweiligen Heimatländern.
Seinerseits versuchte Thorbjørn Jagland, der derzeitige Generalsekretär des Europarates, in seinem Gastbeitrag, die Wogen zu glätten. Der Europarat, so Jagland, wolle die Brit Mila in keiner Weise mit einem Bann belegen. „Für mich ist in dieser Frage die Religionsfreiheit der entscheidende Punkt“, betonte der norwegische Politiker, „und sie ist ein europäisches Grundrecht.“ Thorbjørn Jagland lud die Rabbinerkonferenz sogar dazu ein, ihr nächstes Treffen im Jahre 2015 am Sitz des Europarates in Straßburg abzuhalten.
Über diese Einladung zeigten sich Pinchas Goldschmidt und seine Mitstreiter erfreut. In seinem Vortrag im Jüdischen Museum Berlin – „Gibt es eine Zukunft für Juden in Europa?“ – ermunterte Goldschmidt die Rabbiner dann nicht nur zu einem noch stärkeren Engagement in ihren Gemeinden, sondern auch zur Bereitschaft, interkulturelle Brücken zu bauen. Hierfür plädierte auch Yaakov Dov Bleich, Oberrabbiner der Ukraine und Vizepräsident der Europäischen Rabbinerkonferenz. Bleich wusste zu berichten, dass es im Kampf gegen Religionsfeindschaft in Europa mittlerweile eine engere interreligiöse Zusammenarbeit gebe Dies sei wichtig, denn es bestünde gegenwärtig eine Dynamik der Intoleranz, die sich gegen verschiedene Religionsgemeinschaften gleichzeitig richte.
Viel Lob gab es auf der Rabbinerkonferenz für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Unvergessen ist ihr Einsatz dafür, nach Ausbruch der sogenannten Beschneidungsdebatte 2012 baldmöglichst eine Lösung zu finden, die den jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder Rechtssicherheit verschaffte. Inzwischen sind auch die jüdischen Beschneider (Mohalim) dabei, sich besser zu vernetzen. So stellte die Rabbinerkonferenz in Berlin eine neue Dachorganisation vor: die Union of Mohalim in Europe (UME), die unter anderem einheitliche Standards für die Beschneidung entwickeln will.