13. Jahrgang Nr. 11 / 29. November 2013 | 26. Kislew 5774

Gedenken

Am und in zeitlicher Nähe zum 9. November fanden in allen Teilen Deutschlands zahlreiche Gedenkveranstaltungen zum 75. Jahrestag der „Reichskristallnacht“ statt. In einer Ansprache bei der erstmals in Berlin stattfindenden Tagung der Europäischen Rabbinerkonferenz beschrieb der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, die Reichspogromnacht als „eine Explosion von Enthemmung und die Detonation von Sadismus, von Vandalismus, von Mordlust und von Menschenfeindlichkeit“ in Deutschland. Bezogen auf die Entwicklung jüdischen Lebens hierzulande nach der Schoa, fügte er hinzu: „Vor einem dreiviertel Jahrhundert brannten die Synagogen im Land. Heute bauen wir, auf der Asche und den Ruinen von damals gemeinsam ganz neues, frisches, vielfältiges und vielversprechendes jüdisches Leben hier auf.“
Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung warnte Dr. Graumann vor einem Bedeutungsverlust des 9. November als Gedenktag. In Deutschland sei häufig nur noch eine ritualisierte Betroffenheit zu beobachten. Er persönlich wünsche sich eine „ehrliche emotionale Anteilnahme“. Dr. Graumann rief dazu auf, die Geschichte vor allem Kindern näher zu bringen. Die Schulen sollten die Möglichkeit nutzen, die letzten noch lebenden Zeitzeugen einzuladen.
Bei einem Gedenkkonzert in Frankfurt an der Oder rief Bundespräsident Joachim Gauck zu mehr Zivilcourage auf. Gauck erklärte: „Beides gehört zusammen: dass wir der schrecklichen Verbrechen gedenken, die vor 75 Jahren und danach an den Juden Europas verübt wurden, und dass wir aufstehen und aktiv werden gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in unseren Tagen.“ Im brandenburgischen Eberswalde nahm der Bundespräsident an der Einweihung eines Mahnmals für die während der „Kristallnacht“ zerstörte Synagoge der Stadt teil.
Bei der Gedenkfeier in Eberswalde erklärte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, die Mahnung richte sich an die Zukunft, damit der Ungeist der Vergangenheit nicht wieder ausbreche. Gerade angesichts des in vielen Ländern stark anwachsenden Antisemitismus, aber auch des Rassismus und der Homophobie, sei dies von Bedeutung. Dagegen helfen, so Kramer, vor allem die Stärkung von demokratischem Bewusstsein und starke demokratische Institutionen.
Bei einer Gedenkzeremonie an der Berliner Gedenkstätte Gleis 17 erklärte der zu Besuch in Deutschland weilende Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, Generalleutnant Benny Gantz, die Vergangenheit könne zwar nicht rückwirkend geändert werden, doch würden die Juden niemals wieder wehrlos vor ihren Feinden stehen. In Rom erinnerte Papst Franziskus I. an die Opfer des Novemberpogroms. Gleichzeitig rief er die Gläubigen auf: „Erneuern wir unser Gefühl der Nähe und unsere Solidarität mit dem hebräischen Volk.“

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