13. Jahrgang Nr. 11 / 29. November 2013 | 26. Kislew 5774

Freund und Bruder

Dr. Nikolaus Schneider, Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland, mit Leo-Baeck-Preis geehrt

Von Heinz-Peter Katlewski

Die Verleihung des Leo-Baeck-Preises ist immer ein besonderes Ereignis. Schließlich handelt es sich um die höchste Auszeichnung, die der Zentralrat der Juden vergibt. Der Preis wird vom Zentralrat seit 1957 an Persönlichkeiten vergeben, die sich in herausragender Weise für die jüdische Gemeinschaft eingesetzt und sich um sie verdient gemacht haben. Trotz dieser langen Tradition gab es 2013 bei der Auszeichnung von Dr. Nikolaus Schneider, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, eine Premiere: Erstmals wurde die hohe Auszeichnung im Rahmen des Gemeindetages überreicht. Der Zeremonie wohnten insgesamt 830 Menschen bei, hauptsächlich Gemeindetag-Teilnehmer, aber auch zahlreiche prominente Gäste aus Politik und Gesellschaft einschließlich Vertretern einer Reihe von Kirchen und Religionsgemeinschaften.
In seinen Begrüßungsworten zu Beginn des Gemeindetages würdigte der Präsident des Zentralrats, Dr. Dieter Graumann, den Preisträger: „Sie sind wahrlich ein Pionier der Partnerschaft mit dem Judentum.“ Unter dem Beifall der Festversammlung bedankte Graumann sich dafür, dass sich Schneider in der „hässlichen Beschneidungsdebatte, ohne einen einzigen Augenblick zu zögern“, an die Seite von Juden und Muslimen gestellt habe. Schon seit Jahrzehnten bezeichne der evangelische Theologe die Missionierung von Juden als Irrweg, kämpfe er gegen Antisemitismus und Rassismus und erhebe er seine Stimme immer dann, wenn das Existenzrecht Israels infrage gestellt werde, selbst dann, wenn solche Töne aus den eigenen Reihen kämen.
Rabbiner Leo Baeck (1873–1956) sei „ohne Zweifel die herausragende Gestalt im deutschen Judentum in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ gewesen, erinnerte Graumann das Auditorium. Er sei einer gewesen, der trotz der Schoa am jüdisch-christlichen Dialog festgehalten habe.
„Mir kam das immer sehr unangemessen vor, Juden den Gott Israels zu erklären“, sagte Schneider bei der Entgegennahme des Leo-Baeck-Preises. „Wir haben ja den Gott Israels vom Judentum erst empfangen.“
Rabbiner Dr. Henry G. Brandt, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK), gratulierte dem Zentralrat in seiner Laudatio, Nikolaus Schneider als Preisträger ausgewählt zu haben. Brandt ist seit 1985 auch jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit und hat in dieser Funktion immer wieder erfahren, wie wichtig die christlich-jüdischen Beziehungen sind. Es gebe zwar noch immer Anti-Judaismus, aber wie die Beschneidungsdebatte gezeigt habe, hätten Juden auch „Freunde, die zu uns gestanden haben, als es notwendig war“. Schneider rage aus diesem Kreis heraus. Brandt nannte den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland seinen Freund und Bruder.
Als Student, so Rabbiner Brandt, habe Schneider noch die antijüdischen Lehren vorgesetzt bekommen, die Generationen von Theologie-Studenten vor ihm gepredigt wurden. Indessen habe Schneider schon als Student eine Leidenschaft für die hebräische Sprache und die hebräische Bibel entwickelt. Auch in der Auseinandersetzung damit sei der Theologe zu dem Schluss gekommen, dass das Volk Israel „nicht von Gott verworfen“ – wie lange an den Theologischen Fakultäten gelehrt wurde –, sondern „bleibend erwählt“ sei. Die Kirche sei nicht das neue Volk Gottes, sondern vielmehr berufen, sich an die Seite Israels zu stellen. Das gelte auch für den Staat Israel, dessen Existenzrecht schon deshalb verteidigt werden müsse, da er für die jüdische Identität von großer Bedeutung sei. Und schließlich sei Schneider überzeugt, dass die Judenmission nicht nur unnötig, sondern den Christen sogar verboten sei.
In seiner Dankesrede betonte der Preisträger das neben theologischen Erkenntnissen unersetzliche konkrete Handeln. Die Kirche habe sich, betonte er, seit Kaiser Konstantin – wider alle Erkenntnis – immer wieder durch das Bündnis mit der politischen Macht korrumpieren lassen und dafür oft darauf verzichtet, für Recht und Gerechtigkeit einzutreten. Juden und Christen hätten laut Leo Baeck einen je eigenen Auftrag in der Welt. Im Einzelnen könne es darüber einen Dialog geben, ähnlich dem zwischen Moses und seinem Schwiegervater, dem Nicht-Israeliten Jitro. Schneider plädierte schließlich für Kooperationen, wie es sie bereits im Bereich der Diakonie gebe. Außerdem wünschte er sich mehr theologische Gespräche zwischen jüdischen und christlichen Vertretern in Deutschland. Als Beispiel nannte er die Begegnungen bei der Woche der Brüderlichkeit zwischen den Kirchen und den Rabbinerkonferenzen. Schließlich müsse man auch weiterhin „gemeinsam gegen jede Form von Antisemitismus und Rassismus in unserer Gesellschaft eintreten“.