13. Jahrgang Nr. 11 / 29. November 2013 | 26. Kislew 5774

Großfamilie

Trotz des Gäste-Rekords bot der Gemeindetag erlebte Nähe und Gemeinschaft

Mit einer Großveranstaltung ist es wie mit einer Gewürzmischung: Die einzelnen Ingredienzien müssen zueinander passen und obendrein im richtigen Verhältnis zueinander stehen. Genau darum haben sich die Veranstalter des größten Gemeindetages bemüht, den es in Deutschland je gegeben hat. Nachdenkliches und Heiteres, Wissen und Unterhaltung, Kontroversen und Gemeinsamkeiten wurden so kunstvoll miteinander verflochten, dass der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, ganz risikofrei prophezeien konnte: „An diesen Gemeindetag wird man sich noch viele Jahre erinnern.“
Wer bereits am Donnerstagmorgen in der Bundeshauptstadt angekommen war, hatte die Qual der Wahl aus dem breit gefächerten Angebot des Beiprogramms – beispielsweise bei einer Führung zu Tieren der Bibel und Asiens im Berliner Zoo dabei zu sein. Dort arbeiteten sich die in zwei Gruppen aufgeteilten Besucher von einem Gehege zum anderen vor und lernten Interessantes über Kriegselefanten, nicht koschere Pelikane und gefährliche Nilpferde. Das Vorprogramm umfasste aber auch Besuche in Museen oder Gedenkstätten sowie kleine Stadterkundungen mit Segways.
Bei der offiziellen Eröffnung am Donnerstagabend erklärte Dr. Graumann: „Wir wollen hier unseren jüdischen Spirit ausleben, vorleben, erleben, beleben und stärken.“ Die Teilnehmer, so der Zentralratspräsident, sollten sich austauschen und vernetzen, gemeinsam Ideen und Hoffnungen entwickeln, positiv vielfältig sein und Lebensfreude an den Tag leben.
Am Freitagmorgen hielten Teilnehmer des Gemeindetages eine Gedenkfeier am Berliner Mahnmal „Gleis 17“ ab. Von hier – Gleis 17 des Berliner Bahnhofs Grunewald – wurden in den Jahren 1941 bis 1945 Zehntausende von Berliner Juden in Ghettos und Vernichtungslager deportiert. „Bei uns Juden“, betonte der Zentralratspräsident, „gibt es keine Zukunft ohne die Kraft der Erinnerung an die Vergangenheit.“ Bei grauem Himmel und Nieselregen gedachten die Teilnehmer der Opfer, hörten einen Vortrag aus dem Buch der Psalmen und die Totenfürbitte El Male Rachamim und sprachen das Kaddisch.
Für Wissensvermittlung und Debatten sorgten die zahlreichen Workshops. „Gemeindearbeit in der Realität“ hieß einer von ihnen. Dort kamen Grundsatzfragen zur Sprache. Wie kann man die Gemeinden trotz ihrer bunten Zusammensetzung aus Alteingesessenen und den Zuwanderern, Frommen und Säkularen, Orthodoxen und Liberalen, Jungen und weniger Jungen zusammenhalten? Und wie gewinnt man die mittleren Jahrgänge zum Engagement? Wie gestaltet sich das Verhältnis zur nichtjüdischen Öffentlichkeit? Meinten die einen, es werde alles unternommen, um die Zuwanderer zu integrieren, wiesen andere darauf hin, dass es heute zum Teil eher darum gehe, deutschsprachige Mitglieder in überwiegend russischsprachige Gemeinden zu integrieren. Bildung wurde hier zum Schlüsselwort.
In einer anderen Arbeitsgruppe war das Thema Lernen schon im Titel enthalten: „Identität 2.0 – Neues Jüdisches Lernen“. Ein großer Teil der Debatte wurde den jüdischen Schulen gewidmet. Ein Problem sei, so ein Standpunkt, dass jüdische Eltern Sorge hätten, sie würden ihre Kinder durch die Anmeldung an einer jüdischen Schule in ein „selbstgebautes Ghetto“ schicken. Allerdings zeigt der große Andrang an den Schulen, dass diese Meinung nicht unbedingt vorherrschend ist. Zum Teil wurde beklagt, dass es an erprobten einheitlichen Lehrplänen und Lernmaterialien für den spezifisch jüdischen Unterricht fehle. Als ein Gegenmittel wurden stärkere Vernetzung von Lehrerinnen und Lehrern, möglicherweise auch eigene Internetforen angeregt. In vielen Workshops herrschte Sachlichkeit, in einigen ging es aber zum Teil hoch her.
Nähe zeigte das Präsidium des Zen­tralrats, als es sich mit seinen Dezernenten am Freitagnachmittag in einer gut besuchten Plenarveranstaltung den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorstellte. Präsident Dr. Dieter Graumann und seine Stellvertreter, Prof. Dr. Salomon Korn (Ausschreibungen, Bauten, Museen, Gedenkstätten) und Dr. Josef Schuster (Kultusangelegenheiten) weisen wohl die stärkste Medienpräsenz vor. Allerdings funktioniert das gesamte Präsidium als ein ehrenamtliches, viel beschäftigtes Team. Der Dresdner Hans-Joachim Aris ist für das Bildungsdezernat zuständig, Mark Dainow aus Offenbach ist Jugenddezernent, der Leipziger Küf Kaufmann betreut das Thema Integration, Abraham Lehrer aus Köln ist Vorstandsvorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Hanna Sperling aus Dortmund organisiert die Kulturarbeit und die Stuttgarterin Barbara Traub betreut das neue Dezernat Gemeinden.
Den festlichen Höhepunkt dieses langen Wochenendes bildete das Gala-Diner, das der deutsch-israelische Star-Koch Tom Franz mit vielen weiteren Köchen zauberte. Auf der Tanzfläche vor der Bühne drängten sich zuerst die Fans der Showband Broadway. Dann traten die Jewrovision-Sieger von 2013, „Jachad“ aus Köln, auf. Schließlich wurde der israelischen Popsängerin Shiri Maimon ein begeisterter Empfang bereitet.
Und auch die Religion kam nicht zu kurz: Die Anhänger sowohl des orthodoxen als auch des liberalen, egalitären Ritus konnten sich über sehr gut besuchte Gottesdienste freuen. Den gemeinsamen Schabbat erlebten die Teilnehmer als große Bereicherung.
Am Sonntagvormittag fand die jährliche Ratsversammlung des Zentralrats statt. In seinem Jahresbericht ging Dr. Graumann auf die erfolgreiche Arbeit des Zentralrats und auf die erfreuliche Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft ein. In diesem Zusammenhang hob er unter anderem die wachsende Zahl der Rabbinerrinnen und Rabbiner in Deutschland und die Zusammenarbeit zwischen dem Zentralrat und jüdischen Nichtregierungsorganisationen hervor. Dr. Graumann bekräftigte die große Bedeutung, die dem Zentralrat als der geeinten Vertretung jüdischer Interessen zukomme. Er betonte aber auch, der Zentralrat setze sich nicht nur für Juden, sondern auch für andere von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffene Gruppen ein.
Im Anschluss an die Ratsversammlung hielt Bundespräsident Joachim Gauck eine Ansprache an die Delegierten und die Gemeindetagteilnehmer. In seiner Ansprache und im anschließenden Gespräch mit Dr. Graumann würdigte der Bundespräsident die Entwicklung des jüdischen Lebens in Deutschland und erklärte: „Jüdischer Glaube, Tradition und Lebenspraxis sind Teil unserer Kultur.“ Er erklärte, Antisemitismus, den er nicht nur ablehne, sondern auch widerwärtig finde, stets bekämpfen zu wollen. Gauck bot auch einen sehr persönlichen Einblick in die Geschichte seines Elternhauses. Die Teilnehmer die das Staatsoberhaupt mit großer Herzlichkeit begrüßt hatten, zollten ihm wiederholt anhaltenden Applaus, begegneten ihm aber, wie sich bei der anschließenden Diskussion zeigte, auf absoluter Augenhöhe.
Das vielleicht Erfreulichste am Gemeindetag war aber die Anwesenheit von rund 70 Kindern, für die ein eigenes Programm angeboten wurde. Die durchs Hotel tollenden Kleinen verliehen dem Event nicht nur eine familiäre Atmosphäre, sondern verdeutlichten auf vergnüglichste Weise das Motto des Gemeindetages: Unsere jüdische Zukunft ist JETZT.

hpk/wst