06.11.2013

„Pogromnacht war Massenraubmord“

Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, verlangt, die Hintergründe zum Münchner Kunstfund zügig aufzuklären.

Interview mit Dr. Dieter Graumann | Passauer Neue Presse vom 06.11.2013

Im Gespräch mit unserer Zeitung erinnert er daran, dass die Nazi-Übergriffe auf Juden in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 nicht nur im Massenmord mündeten, sondern die jüdischen Gemeinden ausraubten - mit Folgen bis heute.

Der Kunstfund beim Sohn eines Kunsthändlers, der mit Nazi-Raubkunst gehandelt hat, ist lange geheim gehalten worden. Wollten die Behörden etwas vertuschen?

Dieter Graumann : Ich will niemandem Schuld zuweisen, sondern gehe davon aus, dass alle mit bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben. Spekulationen helfen hier nicht weiter. Wichtig sind jetzt Transparenz und ein zügiges Verfahren. Schließlich geht es hier um Menschen, um Erben einstmals beraubter jüdischer Sammler, die nun späte Gerechtigkeit erfahren könnten, indem das Hab und Gut ihrer Familie wieder in ihren, den rechtmäßigen, Besitz kommt.

Rechnen Sie mit vielen Rückgaben?

Graumann : Eigentümer werden sich sicher melden. Es wird aber nicht einfach sein, den Weg der einzelnen Kunstwerke genau zurückzuverfolgen. Ich fürchte, in vielen Fällen wird es gar nicht mehr möglich sein. Aber der Wille zu Aufklärung und Rückgabe ist der erste Schritt.

In der Washingtoner Erklärung von 1998 verpflichtet sich auch Deutschland zur Rückgabe von Raubkunst oder Entschädigung. Wie sind die Erfahrungen?

Graumann : Es gibt Museumsdirektoren, die die Erforschung der Herkunft sehr ernst nehmen. Manch andere sind da wohl doch nicht so eifrig. Die Washingtoner Erklärung - so gut sie gemeint ist - betrifft aber nur Gegenstände in öffentlichem Besitz. In München geht es um eine Privatsammlung, noch dazu um eine wohl illegale.

Die Hinweise des verstorbenen Kunsthändlers, seine Sammlung sei 1945 verbrannt, waren, wie man sieht, jedenfalls falsch. Doch wie steht es um die Rückgabe geraubten Vermögens insgesamt?

Graumann : Der Fall zeigt wieder einmal exemplarisch: Bei der Pogromnacht am 9. November 1938 und bei der Shoah sind Juden nicht nur gedemütigt, gefoltert und verfolgt worden. Es war nicht allein Massenmord, sondern Massenraubmord. Jüdisches Vermögen ist in unglaublichem Ausmaß gestohlen worden. Eine Studie der israelischen Regierung ist zum Schluss gekommen, dass über drei Viertel des jüdischen Vermögens niemals restituiert worden sind. Das spüren wir bis zum heutigen Tag.

Inwiefern?

Graumann : Jüdische Gemeinden in Deutschland sind heute arm, sogar oft bettelarm. Jüdische Landesverbände, auch der Zentralrat, sind auf Subventionen angewiesen. Wir sind Bittsteller. Aber ich bin das ohne schlechtes Gewissen, denn ich weiß doch, wo der Grund dafür liegt. Vor der Shoah mussten jüdische Gemeinden keine öffentlichen Mittel in Anspruch nehmen. Ganz im Gegenteil: Jüdische Einrichtungen waren besonders großherzige und großzügige Mäzene.

Fragen: Christoph Slangen