13. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2013 | 27. Heshvan 5774

Lernen, forschen, vermitteln

Eine eigene Akademie ergänzt jetzt die Arbeit des Jüdischen Museums Berlin

Von Olaf Glöckner

Beim Jüdischen Museum Berlin (JMB) hat es eine „Sommerpause“ im eigentlichen Sinne nicht gegeben. Ganz im Gegenteil: Die Aktivitäten nahmen dort noch zu, und seit kurzem ist das beliebte und auch international angesehene Museum um eine Zusatzeinrichtung reicher. Gegenüber dem Hauptgebäude an der Lindenstraße birgt der Umbau der einstigen Blumengroßmarkthalle jetzt eine hauseigene Akademie, die seit dem 1. Juli auch Besuchern offen steht.
Der weltbekannte Architekt Daniel Libeskind hat die Akademie in die ehemalige Blumenhalle „hineingebaut“, ohne dass sein unverkennbarer, das gesamte Museum bestimmender Stil dabei verloren ginge. Drei schräg geneigte Kuben aus Holz und Glas geben der Akademie ein spezielles Gepräge. In die imposante Holzdecke des Eingangskubus sind weithin sichtbar die Buchstaben „Alef“ und „Bet“ als Oberlichter eingelassen – Symbole für das Lernen und den Anspruch der Akademie, im Eric F. Ross Bau vielfältig zu forschen und zu vermitteln.
Benannt ist das Gebäude nach dem bekannten US-Unternehmer mit deutsch-jüdischen Wurzeln Eric F. Ross (1919–2010), der ein großer Förderer des Projektes und des Museums war.
In der Akademie werden auch Gegenwartsfragen zielgerichtet aufgegriffen. Erste Stipendiatin im „JMB Fellowship Programm“ ist die Sozialwissenschaftlerin Karen Körber, die sich empirisch mit Integrationserfahrungen, Identitätskonstruktionen und sozialen Netzwerken der zweiten und dritten Generation russischsprachiger Juden auseinandersetzt. Ein höchst relevantes Thema, wird doch die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ganz wesentlich durch die Haltung und das Engagement der Kinder von Zuwanderern beeinflusst. „Dank der Zuwanderung russischsprachiger Juden hat sich in der jüdischen Landschaft eine beeindruckende Fülle entwickelt“, konstatiert Karen Körber. „Aber wie es genau darum bestellt ist, darüber wissen wir noch relativ wenig.“
In ihrem Büro baut Yasemin Shooman das Akademieprogramm „Migration und Diversität“ auf – ein weiteres Thema von hoher Aktualität. „An der Geschichte der Juden in Deutschland“, sagt die junge Historikerin, „lassen sich viele Erfahrungen ablesen, die auch für andere Minderheiten bedeutsam sind. Berlin ist ohnehin ein Ort historisch gewachsener sprachlicher, ethnischer, religiöser und kultureller Vielfalt.“
Yasemin Shooman plant unter anderem eine Veranstaltungsreihe zur Geschichte einzelner Minderheiten, um zu zeigen, wie stark Stadt- und Mi­grationsgeschichte miteinander verwoben sind. „Das soll auch dazu beitragen, die Alltagsgeschichte von Mi­granten und anderen Minderheiten im historischen Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern“, erklärt sie. Außerdem werden Sommerkurse, sogenannte Summer Schools, für Lehrer, Politiker, Gewerkschafter, Journalisten und andere Multiplikatoren vorbereitet, ebenso eine Reihe mit Vorträgen und Seminaren zu interkulturellen Fragen, zu gesellschaftlicher Teilhabe und zur Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik.
Zu den Kernelementen der Akademie gehören die Freihand-Bibliothek mit etwa 20.000 Büchern, das Archiv des Museums und ein kompakter Veranstaltungssaal. „Zu uns kommen Berliner und Auswärtige mit unterschiedlichen Interessen und Fragen“, erzählt Bibliotheks-Mitarbeiter Bernhard Jensen. „Manche entdecken für sich auch völlig Neues, so etwa Autobiografien von Schoa-Überlebenden, die im Eigenverlag publiziert wurden.“
Auch das Museums-Archiv mit seinen rund 2.000 Familiennachlässen pflegt engen Kontakt zur Öffentlichkeit. Viel Wissenswertes lässt sich hier vor allem über das religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Leben deutsch-jüdischer Familien bis ins 20. Jahrhundert hinein erfahren. Für Schüler der Klassenstufen 8 bis 13 werden regelmäßig Ganztags-Workshops angeboten: Jeweils am Vormittag werden dann Dokumente und andere historische Quellen studiert, am Nachmittag gibt es Gespräche mit Überlebenden der Nazi-Zeit, mit Zeitzeugen und mit Förderern des Museums.
Aubrey Pomerance, Leiter des JMB-Archivs, erlebt regelmäßig, wie die Teenager innerhalb weniger Stunden großes Engagement entwickeln, um Schicksale und Biografien zu rekon­struieren: „Anfangs herrschen ein paar Unsicherheiten, das ist normal. Aber mitten im Workshop gibt es dann häufig auch richtige Aha-Erlebnisse, und plötzlich werden immer mehr Fragen gestellt.“
Absolute Neuheit der Akademie ist der Garten, der viele Quadratmeter der einstigen Blumenmarkthalle einnimmt und in dem sich nach und nach immer mehr Pflanzen einfinden sollen. Hier lässt sich schon jetzt viel über biblische Gewächse und Landschaften, über antike und mittelalterliche Gewächse und ihre Nutzung in religiösen Kontexten, aber auch über die soziale und gesellschaftliche Bedeutung bestimmter Pflanzen erfahren. Ethnobotanik als Stimulus für weitere Lernprozesse – warum eigentlich nicht?
http://www.jmberlin.de/main/DE/04-Rund-ums-Museum/01-Architektur/03a-akademie.php